Festival des deutschen Films RHEINPFALZ Plus Artikel Rainer Bock, Elise Krieps, Leonie Benesch und die Kunst des Schauspiels

Ein wichtiger Film über das Thema Missbrauch in der eigenen Familie: Rainer Bock als Richter und Elise Krieps als Zeugin in „Kar
Ein wichtiger Film über das Thema Missbrauch in der eigenen Familie: Rainer Bock als Richter und Elise Krieps als Zeugin in »Karla«, links Torben Liebrecht als ihr angeklagter Vater.

Rainer Bock ist mit einem Schauspielpreis des Festivals des deutschen Films geehrt worden. Für den nächsten Preis empfiehlt sich im Wettbewreb eine junge Kollegin.

Eine Dankesrede wollte Rainer Bock nicht halten, als er den zweiten in diesem Jahr vergebenen Schauspielpreis des Festivals des deutschen Films auf der Parkinsel erhielt. Doch der in München lebende Kieler, der auch mal in Mannheim und Heidelberg Theater gespielt hatte, versuchte sich im Pfälzischen, als er den Preis hochreckte: „Na, gucke mol do hie!“

Rainer Bock gehört nicht zu den Schauspielern, die ihre Arbeit überhöhen möchten im Angesicht von Auszeichnungen. „Es gibt keine Methode“, sagt der 71-Jährige schlicht, wenn er darauf angesprochen wird, wie er dies denn schaffe, in jedem seiner Filme, auch in kleineren Rollen, so präsent zu sein, so nachhaltig im Kopf der Zuschauer zu bleiben. Sein Gesicht sei wie „eine Landschaft gut verborgener Wahrheiten, hintergründigen Wissens, heimlicher Gedankengänge“, sagte Festivalleiter Michael Kötz treffend in seiner Laudatio, die Rainer Bock ein wenig verlegen machte.

„Es gibt keine Methode“, sagt Rainer Bock über seine Kunst des Schauspielens.
»Es gibt keine Methode«, sagt Rainer Bock über seine Kunst des Schauspielens.

Ein Geheimnis hinter seiner Arbeit gebe es nicht, beteuert er. Er halte sich einfach an den Rat seines Kieler Schauspiellehrers: „Bleib bei dir. Horch auf deine innere Kraft und deine Haltung, die du zum Leben hast“. Und dann es gehe es einfach darum, sich in eine Figur hineinzuversetzen, sich zu fragen: „Was fühlt er, was denkt er?“ Auch trennt er klar zwischen einer Figur und sich selbst, so habe er auch keine Schwierigkeiten damit, selbst Bösewichtrollen nach einem Drehtag hinter sich zu lassen. „Die Rolle ist die Rolle und Rainer B ist Rainer B.“

Als politisch denkenden Menschen beschreibt er sich aber, schließlich war er in seiner Jugend auch als Atomkraftgegner aktiv. Und so sagte er die Rolle in seinem neuen Film „Karla“, der zur Preisverleihung lief, auch sofort zu. „Diese Geschichte muss erzählt werden“, sei sein erster Gedanke gewesen: „Karla“ führt zurück ins Jahr 1962, die zwölfjährige Titelfigur zeigt hier ihren Vaters wegen sexuellen Missbrauchs an und wendet sich dazu gleich an einen Richter, der ihr tatsächlich glaubt und einen Prozess einleitet. Es ist eine wahre Geschichte, das Produktionsteam stand mit der echten Karla, die anders heißt, in Kontakt. Rainer Bock spielt den Richter eher zurückgenommen, aber im Prozess auch entschlossen und hartnäckig.

Starkes Debüt: Elise Krieps als missbrauchte Tochter in „Karla“.
Starkes Debüt: Elise Krieps als missbrauchte Tochter in »Karla«.

Die Hauptrolle aber hat Elise Krieps, Tochter der international arbeitenden Luxemburger Schauspielerin Vicky Krieps. Und sie spielt in ihrem Kinodebüt unglaublich stark und nuanciert – als Einspringerin gar für die eigentlich vorgesehene Hauptdarstellerin, die keine Freigabe der Schule erhalten hatte. Allein schon ihr Gesicht, ihr Blick zieht in den Bann. Sie könnte, wie ihre Mutter, eine große Schauspielerin werden.

Wie von einem Terrorakt berichten? Leonie Benesch spielt in „September 5“ eine Dolmetscherin, die zur Reporterin wird.
Wie von einem Terrorakt berichten? Leonie Benesch spielt in »September 5« eine Dolmetscherin, die zur Reporterin wird.

Eine der aktuell besten deutschen Schauspielerinnen, Leonie Benesch, ist beim Festival indes ebenfalls zu erleben, in gleich zwei Wettbewerbsfilmen, die allerdings schon im Kino liefen: In „September 5“ von Tim Fehlbaum, ebenfalls ein Blick zurück in der Zeit, spielt die 34-Jährige eine sich zur Journalistin entwickelnde Dolmetscherin, die als Mitglied des Teams des US-Senders ABC live von der Geiselnahme der israelischen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München berichtete, die tödlich endete. In dem bereits mit neun Deutschen Filmpreisen ausgezeichneten Film geht es um die Macht der Bilder und die Frage, was gesendet werden sollte und was nicht. „Wir haben versagt“, sagt Beneschs Figur am Ende und meint Deutschland, aber auch das Nachrichtenteam, durch das erstmals ein Terrorakt live im Fernsehen übertragen worden war – und dadurch vielleicht erst möglich wurde. Schließlich schauten die palästinensischen Attentäter ebenfalls die Berichte, in denen auch das Vorgehen der deutschen Polizei gezeigt wurde. Ein Film, der lange nachwirkt.

ÜBerfordert: Leonie Benesch als Krankenschwetser in „Heldin“.
ÜBerfordert: Leonie Benesch als Krankenschwetser in »Heldin«.

Wie auch das Drama „Heldin“, in dem Leonie Benesch eine überforderte Krankenschwester in einem Schweizer Hospital spielt. Gezeigt wird ein Arbeitstag, der ihr über den Kopf wächst. Selbst wenn das Drehbuch nicht ganz überzeugt, spielt Benesch auch hier nachdrücklich eine empathische Frau am Limit. Damit empfiehlt sie sich auch als würdige nächste Schauspielpreiskandidatin – vielleicht auch als Gegengewicht zum diesjährigen Festival, das zwei Männer für ihr Schauspiel gewürdigt hat.

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