Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Rückkehr des Anarcho-Kängurus: Marc-Uwe Klings neues Buch

Marc-Uwe Kling hat seinen Känguru-Zyklus fortgesetzt.
Marc-Uwe Kling hat seinen Känguru-Zyklus fortgesetzt.

Mit „Die Känguru-Rebellion“ setzt Marc-Uwe Kling die satirischen Stories um ein verrücktes Beuteltier fort.

Der fünfte Teil der Känguru-Werke ist ein humoristisches Plädoyer, gegen die globalen Zustände zu rebellieren – bevor es zu spät ist.

Es ist wieder da: Das kommunistische, Schnapspralinen und Mangojoghurt konsumierende Känguru feiert, nach acht Jahren Pause, mit dem fünften Band „Die Känguru-Rebellion“ sein Comeback. Die Mission: Mit Rebellion nur noch kurz die Welt zu retten. Der Känguru-Schöpfer Marc-Uwe Kling, gerade mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor geehrt, war sich selbst nicht sicher, ob es zwischen dem Känguru und ihm noch funktionieren würde, wie er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen verrät. Aber das Ganze war wie Fahrradfahren: „Sobald das Känguru und ich wieder ins Gespräch gekommen sind, hat es sich auch genauso geschrieben wie früher, und leider sind auch noch viele der Probleme wie früher. Nur verschärft.“ Zumal die globalen Zustände schlimmer denn je seien, wie Kling im FAZ-Interview feststellt. „Trump zum Beispiel ist Präsident geworden mit der Behauptung, ein Outsider zu sein und das ungerechte System zu stürzen. Und jetzt ist er an der Macht und macht alles noch ungerechter. Und dagegen muss man rebellieren. Es reicht eben nicht, einfach den Status quo verteidigen zu wollen und zu sagen: Es ist doch okay, so, wie es ist. Man muss anerkennen, dass es für viele eben nicht okay so ist, wie es ist.“

Ohne Boxhandschuhe

Auf 288 Seiten liefert die K&K-WG aus Känguru und Kleinkünstler Marc-Uwe mal bissige, mal urkomische, mal in Gleichnissen vorgetragene Gebrauchsanweisungen zur Rebellion. Die 65 kurzweiligen Kapitel sind ein plakatives Plädoyer für eine bessere und faire Welt. Nicht nur Jesus, von seinem Primus Petrus Chefchen genannt, Martin Luther, der nur 95 statt plakativer hundert Thesen verfasste, oder Large Language Models, die es mit hyperintelligenten Prompts zu überlisten gelte, werden auf die Schippe genommen. Vor allem den Rechtspopulismus und den Überreichtum einzelner brandmarkt Kling als Demokratie-Killer. „Wenn Menschen dumme Sachen machen, muss man den Stecker ziehen“, folgert das Känguru und beschließt, gegen die Zustände zu rebellieren. Ohne Boxhandschuhe, aber mit einem Plan: Jeder Mitrebellierende soll zwei weitere Leute finden, die mitmachen und ihnen auftragen, wiederum zwei Leute zu finden, die rebellieren.

Ausschnitt aus dem Cover.
Ausschnitt aus dem Cover.

Das Schneeballprinzip für die gute Sache nimmt seinen Lauf. In der Stammkneipe von Känguru und Ich-Erzähler wird ein Rebellionsstammtisch in Form eines Podcasts gegründet, dem die Kneipenwirtin Herta im Berliner Dialekt ihren Stempel aufdrückt. „Hallo und herzlich willkommen zum Pottkaast „Bei Herta„, meim neuen unrejelmäßijen Rebellionsformat mit die übliche Verdächtige.“ Mit dabei sind Friedrich-Wilhelm, der zu laut über Essenswitze lacht, der begriffsstutzige Axel Krapotke, Dietmar Kötke, ein stämmiger, mittelgroßer und mittelalter Typ mit Vokuhila, sowie Herr Schmulmann von der CDU, der aus seiner Partei austreten will, vom Ich-Erzähler aber animiert wird, bei den Christdemokraten für Anstand und Moral zu sorgen.

Kampf den Faktenfeinden und Broligarchen

Kling holt zum Rundumschlag aus gegen rechtsradikale Faktenfeinde und übermächtige Broligarchen, eine Wortkombination aus „Brother“ und „Oligarch“. Der Begriff wurde von der US-Soziologin Brooke Harrington für Milliardäre geprägt, die gezielt Macht aufbauen, um demokratische Strukturen zu unterwandern. Kampflustig propagiert das Känguru einen DUT, einen Digitalen Unabhängigkeitstag. Das heißt: an jedem ersten Sonntag im Monat gilt es, dem Monopol des Überwachungskapitalismus entgegenzutreten, indem man beispielsweise von X zu Mastodon, von WhatsApp zu Signal oder Threema oder von Google zu Ecosia oder DuckDuckGo wechsle. Man dürfe nicht tatenlos zusehen, wie Elon Musk & Co. einen großen Brocken des öffentlichen Diskurses einfach kaufen und nach Gutdünken umgestalten.

Marc-Uwe Kling am Filmset von „Die Känguru-Verschwörung“.
Marc-Uwe Kling am Filmset von »Die Känguru-Verschwörung«.

Oder man darf es nicht lethargisch hinnehmen, wenn ein Klimaschurke wie Charles Koch, Leiter des zweitgrößten Unternehmenskonglomerats der USA, seit Jahrzehnten Desinformationskampagnen gegen den Klimaschutz fährt und in den USA Donald Trump nicht nur ermöglichte, sondern auch die Hälfte der Amis jubelnd in die Wasserrutsche Richtung Faschismus schickte. Das Känguru hat auch für Elon Musk neun Tipps parat, was er mit seinem Geld machen könnte – einer davon lautet: eine One-Way-Mission zum Mars.

Ob Jens Spahn Spaß versteht?

Natürlich werden auch deutsche Politiker beim Küchen- und Kneipenplausch der WG-Bewohner und ihrer Freunde nicht verschont. So wirft das, einen Tirolerhut tragende Känguru bei einer Wahlkampfveranstaltung einer Partei, deren Namen der Autor nicht erwähnen will, der Rednerin vor, schlechten Nationalismus zu betreiben. Statt Öl vom Scheich solle ihre Partei lieber heimischen Wind vom Deich propagieren. An anderer Stelle wird Friedrich Merz„ Ziel, die Wählerstimmen der AfD zu halbieren, als Funfact verballhornt: In seiner Amtszeit als Bundeskanzler hätte sich der Erfolg der AfD fast verdoppelt. Das sei eine KfD, das heißt: eine Katastrophe für Deutschland. „Was glaubst du eigentlich, ist Spahn korrupt und intrigant oder einfach nur inkompetent?“ fragt das Beuteltier seinen rebellischen Mitstreiter Marc-Uwe, der sich festlegt. „Ich glaube ja, alles drei. Er ist einfach die perfekte Mischung aus korrupt, intrigant und inkompetent.“ Ob Jens Spahn Spaß versteht? „Die Behauptungen, Jens Spahn sei korrupt, intrigant und inkompetent, würde ich vor Gericht verteidigen“, kontert Kling im FAZ-Interview. „Möchte ich sehen, dass er mich dafür verklagt. Please do. Ja, bitte, bitte, bitte, lieber Jens: Lass uns vor Gericht herausfinden, was davon du bist. Ich glaube ja: all das.“ Auch die SPD taugt nicht zum „Agent of Change“ – es genüge nicht, als Partei nur zu sagen, das System sei ungerecht, sondern man müsse wirklich ein besseres System, einen besseren Staat, eine bessere Welt schaffen wollen. Ohnehin plädiert der Ich-Erzähler für eine totale Überprüfung der Verfassungstreue in Form eines standardmäßigen TÜV-Tests für jede Partei.

Humoristische Schnapsperlen

Kängurukram hin, Gemeinschaftslacher her: Klings fünfte, lose angelegte Episodensammlung mit dem verrückten, ideologischen Beuteltier und dem lethargischen, leicht verpeilten Ich-Erzähler, bei dem ohne Kaffee gar nichts geht, funktioniert angesichts der aktuellen Weltlage vorzüglich. In den besten Momenten erinnert der populärdialektische WG-Humor an große Vorbilder wie Alf und Willy oder Homer und Marge von den Simpsons. In „Die Känguru-Rebellion“ wechselt sich gesellschaftskritischer Aktionismus mit manchmal etwas plattem Humor ab. Beispielsweise will der Ich-Erzähler der Kassiererin an der Supermarktkasse die Mehrwertsteuer seines Einkaufs nicht bezahlen, weil es sich dabei um eine doppelte Besteuerung handle. Auch Wortspiele wie „Finstergram“ für Instagram oder „Neolindneralen“ für die Regierungszeit der FDP unter Christian Lindner eignen sich allenfalls als Schenkelklopfer. Humoristische Schnapsperlen bieten dagegen die fiktive Pressekonferenz des Verlags anlässlich des Känguru-Comebacks, die Vernissage des Kängurus mit einer Klima-Walk-of-Shame oder eine Rede des Beuteltiers zum Ende der Schulzeit auf einem Literaturfestival, das es stellvertretend für Marc-Uwe hält. Geht die Welt also hüpfend-humorostisch zugrunde? „Es geht bei der Känguru-Rebellion nicht um Gewalt. Es geht darum, sich klarzumachen, dass man nicht einverstanden ist mit den Zuständen“, resümiert Kling im Gespräch mit der FAZ. „Das ist der erste Schritt, den das Känguru in seiner Rebellion will. Und ja, vielleicht wird das nächste Buch dann „Die Känguru-Revolution’ heißen.“ Eine Fortsetzung scheint möglich.

Lesezeichen

Zum Buch: Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Rebellion. Ullstein Taschenbuch, 288 Seiten, 14 Euro.

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