Kunst
Pfeifen auf die Kunst: Die tönenden Apparate von Stephan von Huene in Karlsruhe
Drei behoste Paar Männerbeine, Schuhe an, steppen zu US-Präsidentenreden. Ein viertes Paar ist nackt und bewegt sich im Takt von Händel und Bizet. Manchmal scheinen die Männer ohne Oberleib aber auch nach einem zu treten. Stephan von Huenes „Tischtänzer“ aus dem Jahr 1988 waren eine der Hauptattraktionen der Venedig-Biennale 1995. Eine augenzwinkernde Illustration dafür, wie der Schauwert politische Debatten überlagert, austanzt sozusagen. Aktuell wie nie. Schade, dass sie in der ZKM-Ausstellung über Stephan von Huene nicht zu sehen sind.
Stattdessen ertönen Stimmen aus drei farbigen Holztürmen. „What’s wrong with art?“, was ist falsch an der Kunst, wird gefragt. „Alles“, lautet eine Antwort. „Zu viel Gelb“, wird knapp beschieden. Im hohen Ton werden kunstkritische Phrasen in den Raum geworfen, refrainartig. Geheimsprache trifft auf Ansagen. Dazu wiederholen von einem Gebläsemotor angetriebene Orgelpfeifen dreistrophig den Rhythmus der Sätze. Ein herrlich bilderstürmerisches Vergnügen, später Dada. Von Huene war – so der Titel einer ZKM-Schau vor fast 20 Jahren – ein „Grenzgänger, Grenzverschieber“ von eigenen Gnaden.
Staubsaugergebläse mit Kunstweihen
1932 in Los Angeles geboren, Kind baltisch-schwäbischer Auswanderer, Vater Ingenieur, er Künstler, Maler, Kinetiker, Bastler, der zu den Donaueschinger Musiktagen eingeladen wurde – als Komponist. Ein Wortakrobat wie skurrile Werktitel wie „Hermaphroditischer Pferderückenreiter“ oder „Heirat der Tochter des Zigarrenladen-Indianers“ beweisen. Als DAAD-Stipendiat kam er 1976 nach Deutschland, 2000 starb Stephan von Huene in Hamburg, wo er seit 1980 lebte. Der Gatte der „Zeit“-Kunstkritikerin Petra Kipphoff. Ein Einzelgänger, für die Amerikaner ein deutscher Künstler, für die Deutschen ein amerikanischer. Ein Pionier der Medienkunst, jemand, der Staubsaugergebläse Kunst-Weihen verlieh. Allerdings wurde der technikverliebte Ertüftler rätselhafter Apparate zeitlebens zu wenig gefeiert – trotz Documenta- und Biennale-Teilnahme.
Erst zwei Jahre nach seinem Tod tourte eine große Einzelschau vom Münchner Haus der Kunst aus ins Duisburger Lehmbruck-Museum und in die Hamburger Kunsthalle. In Karlsruhe sind drei Installationen von Stephan von Huene zu erleben. Sie nehmen den Kunstbetrieb und/oder seinen Betriebssprech wunderbar auf die Schippe.
Vermeers Tiefe mit Bum Bum
Bei „Blaue Bücher“ (1997) werden kunsthistorische Werke von Vermeer oder Franz Marc – wie im kunsthistorischen Seminar üblich – nebeneinander projiziert. Allerdings auf zwei autonome Trommeln, die hochtrabend deklamierte Sätze aus populären Publikationen wie Reclams Kunstheft oder den titelgebenden Blauen Büchern paukend ironisieren. „Vermeers Malkunst erglänzt wie ein stiller Wasserspiegel unter einer Tiefe, die kein rasch ausgeworfenes Senkblei auslotet“ – Bum, Bum, Bum. So in dem Stil.
Bei „Eingangsfragen – Ausgangsfragen“, ebenfalls aus dem Jahr 1997, untermalen verpeilt klingende Orgelpfeifentöne die Kommentar- und Fragen-Sammlung einer Museumsaufsicht der Berliner Gemäldegalerie. „Wo hängt das Bild der Witwe Bolte?“; „Warum sind die Bilder aus Dresden nicht im Katalog aufgeführt, das sind auch deutsche Bilder?“.
Martin Warnke hat das am Museums-Ein- und -Ausgang aufgeschnappte empirische Material in den 1970er-Jahren veröffentlicht, das von Huene später verwendet. Schon passend, dass dessen Schau in Karlsruhe von einer Retrospektive des Künstlerpaars Ed und Urs Kiender und der Comuterspielschau „zkm_gameplay. the next level“ eingerahmt wird.
Bei den Kienders, in den 1960er-Jahren Avantgarde und mit Huene geistesverwandt, steht ein Rollobjekt im Zentrum, ein Mitmach-Kunstwerk, das wirkt wie ein im Rahmen installiertes, gepolstertes Rhönrad. In einem Video dazu erklärt Kiender, dass ihn eine Farbrolle darauf gebracht hat. In der Game-Zone lässt sich derweil die Geschichte der Gattung daddelnd nacherleben. Von Tennis for two, über Super Mario und Videospielkonsolen-Anwendungen. Bis hin zu ausgefeilten Kunst-Videospielen, in denen man im wahrsten Wortsinn Lebensentwürfe nachturnt, manchmal auch tanzt. Huene, später, wenn man so will.
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