Pfalz-Geschichte(n)
Pfälzer Keschde-Renaissance
Dass die pfälzische „Keschdefeschd“-Tradition ausgerechnet im Schuhdorf Hauenstein aus der Taufe gehoben wurde, hat – wen wundert es – natürlich mit Schuhen zu tun, genauer gesagt mit einem einzigen, ganz besonderen: einem „Kastanienschuh“. Dieses Exemplar eines „Chaussure à châtaigne“ aus Frankreich ist gewissermaßen Taufpate des ersten großen Kastanienmarktes in der Pfalz. Das historische Schuhwerk mit seinen fast zehn Zentimeter langen eisernen Zacken war um die Jahrtausendwende als eines der wertvollsten Ausstellungsobjekte ins 1996 eröffnete Deutsche Schuhmuseum gekommen und wurde dort sofort zum „Hingucker“.
Der fremdartige Spezial-Schuh – er wird auf um 1840 datiert – stammt aus der Ardèche, Frankreichs Kastanienregion schlechthin. Die Hauensteiner Museums- und Marketingleute schauten daraufhin gleich einmal über die nahe französische Grenze ins Elsass – und wurden auch dort fündig. Schon viele Generationen feierten dort im Herbst die kleinen braunen Früchte, besonders beliebt sind nach wie vor die Fêtes de la châtaigne in Oberbronn, Pfaffenhofen und Mollkirch. Das junge Hauensteiner Ratsmitglied Christoph Feith schaute damals noch weiter und fand auch besonders typische und urige Kastanienfeste in der Schweiz.
Die pfiffigen Hauensteiner zögerten nicht lange. Kaum dass der Keschde-Schuh in ihr neues Museum gelangt war, veranstalteten auch sie in ihrem Ort mit den vielen alten Kastanienbäumen in den nahen Wäldern den ersten großen Pfälzer Keschde- Markt, und auf dem Rathausplatz thronte der neue Schuh-Star in einer großen Vitrine. Bis heute ist der Hauensteiner Kastanienmarkt einer der Fest-Magnete in der herbstlichen Pfalz geblieben. Die Besucher kommen auch aus dem Elsass nach „Hääschde“, wo daraufhin der Pfälzer Keschde-Saumagen und rund 30 weitere gastronomische Keschde-Produkte bis zum süffigen Keschde-Bier kreiert wurden.
Bereits ein Jahr nach den Hauensteinern hoben auch die benachbarten Trifelsstädter in Annweiler ihr eigenes Kastanienfest aus der Taufe, und auch in Edenkoben feiert man nunmehr seit Jahren die Kastanien. In Annweiler wird sogar eine Keschdeprinzessin gekürt, in diesem Jahr heißt sie Felicia Schmidt und kommt aus Dernbach.
Die Kastanienfeste in Annweiler und Edenkoben haben bereits stattgefunden und der Kastanie auch diesmal wieder viele neue Freunde gebracht. Das 25. Jubiläumsfest in Hauenstein bildet nun den Abschluss. Vom Hauensteiner Museum, wo vor nunmehr 25 Jahren die Idee ausging, führt seit Kurzem auch der Pfälzer Keschdeweg über Annweiler und Edenkoben bis nach Neustadt – durch wunderschöne Kastanienwälder. Was für eine Renaissance, für die ein historischer Keschde-Schuh aus Frankreich den ersten Schritt bedeutete.
Königlicher Kastanienfreund
Dabei hätten die Pfälzer eigentlich schon rund 150 Jahre früher allen Grund gehabt, Castanea sativa, der Edelkastanie, besondere Feste zu widmen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass schon weiland Bayernkönig Ludwig I. (1786-1868) ihr in der Pfalz zu neuer Beliebtheit verholfen hat, nachdem bereits 2000 Jahre zuvor die Römer die südliche Frucht über die Alpen gebracht und im milden Pfälzer Klima angesiedelt hatten: „Die Kastanie ist des südlichen Klimas bester Zeuge“, soll Ludwig I. über die Kastanie gesagt haben und ließ Hunderte von Kastanienbäumen rund um seine Sommerresidenz, Schloss Villa Ludwigshöhe bei Edenkoben, anpflanzen – in „der schönsten Quadratmeile“ seines Königreichs.
Aber trotz der majestätischen Initiative und der Vorbilder im nahen Elsass verschliefen es die Pfälzer, der Kastanie ihr eigenes Volksfest zu widmen. Auch die kleine braune Herbstfrucht selbst, verborgen unter stacheliger Hülle, geriet mit all ihren Segnungen ein wenig in Vergessenheit. Vielleicht auch, weil Verarbeitung und Zubereitung mit einigem Aufwand verbunden ist und Zeit erfordert, die heute kaum jemand mehr hat oder aufbringen will?
Brot des kleinen Mannes
Seit allerdings in Hauenstein und andernorts in der Südpfalz ihr zu Ehren Feste gefeiert und Märkte abgehalten werden, hat auch eine intensive Beschäftigung mit dem kultur- und sozialgeschichtlichen Kulturgut Esskastanie eingesetzt. Wir wissen heute wieder, dass die Bauern vor allem in schlechten Erntejahren sogar auf die vielfältige Nutzung der Keschde mit ihrem ausgezeichneten Nährwert angewiesen waren, um ihre oft vielköpfigen Familien über den Winter zu bringen.
Kastanien-Experte Volker André Bouffier kam nach einer Exkursion in die Pfälzer Kastanienwälder zu dem Schluss, dass hier wie andernorts die getrockneten Kastanien im Winter zur Mehlgewinnung verwendet wurden. „Das Brot des kleinen Mannes“ nannte man sie.
Kastanien gegen Keuchhusten
In früheren Zeiten wurden in der Pfalz großflächig Kastanienhaine angelegt. Bouffier verweist in seiner Exkursionsstudie von 2006 darauf, dass einige dieser uralten, tief beasteten Bäume heute noch an wenigen Stellen der Pfalz als historische Relikte vorhanden sind. Dazu zählt er etwa den Freinsheimer Hain, einstiger Treffpunkt von „Ganerben“, Erbengemeinschaften also, besonders aus den Dörfern Herxheim am Berg, Freinsheim, Kallstadt, Leistadt und Weisenheim am Sand. Das Naturdenkmal „Dicke Keschde“ in Dannenfels am Donnersberg brachte es auf ein geschätztes Alter von 650 Jahren, bevor es 2024 – betrauert nicht nur von den Dannenfelsern – fallen musste.
Das kaliumreiche Laub der „Keschdebääm“ wurde zudem – so der Kastanienexperte Bouffier – in der Pfalz und im Elsass nicht nur als Einstreu für die Ställe oder als Düngung für die Weinberge gesammelt, sondern 1873 in Edenkoben auch zu einem Keuchhustensaft „veredelt“. Der ortsansässige Apotheker nannte das Medikament bezeichnenderweise Kastanin.
Malerische Farbenpracht
Im Jahre 2018 erhielt die Edelkastanie sogar den Ritterschlag, sie avancierte zum „Baum des Jahres“. Wer einmal die gelblich-weiße Blütenpracht gesehen hat, die die Baumkrone im Frühsommer überzieht, wer vor allem erlebt hat, wie im Oktober die runden, mit unzähligen Stacheln versehenen Früchte aus der mächtigen Krone zu Boden fallen, aufplatzen und die mahagonibraunen glänzenden Kastanien mit der zartbesetzten weißen Spitze freigeben, der verliebt sich wohl für immer in diesen wunderschönen Baum. Wer es dann noch versteht, aus diesen Früchten Suppen, Bratenfüllungen, Süßspeisen, Liköre, Torten und Kuchen, Brot oder schlicht Keschde-Flammkuchen – in Hauenstein seit 25 Jahren der große Renner – zu zaubern, der zählt den Kastanienbaum bestimmt schon längst zu seinen besonderen Favoriten.
Was das Holz betrifft, ist es vor allem in Frankreich ein edles und wertvolles Möbelmaterial. Einfache oder auch extravagante Stücke entstehen aus den Stämmen, die sich selbst mit zunehmendem Alter aushöhlen. Durch den hohen Tanningehalt im Holz ist es für fast immer haltbar.
Auch Maler haben Kastanienwälder gerne auf ihrer Leinwand verewigt. Bei Annweiler etwa führt der Pfälzer Keschdeweg nicht weit vorbei am Slevogthof. Max Slevogt, der von 1914 bis zu seinem Tod 1932 hier lebte, soll geschwärmt haben, dass der Pfälzer Herbst malerisch am kapriziösesten sei. Eines seiner berühmten Herbstbilder zeigt Slevogts Ehefrau Nini im Kastanienwald.
Was das Geheimnis des seltsamen Schuhwerks betrifft, das vor nunmehr 25 Jahren in Hauenstein bei der Begründung einer neuen pfälzischen Fest-Tradition half: Die „Soles“, wie die Keschde-Schuhe in Frankreich heißen, wurden in den entlegenen Dörfern der Kastanien-Regionen in den Cévennen zum Entfernen der dünnen braunen Innenhaut der getrockneten Edelkastanie benutzt. Man gab die getrockneten Früchte in einen Holzbehälter oder auf die Erde und trat sie wie Weintrauben, entweder zu zweit oder zu mehreren im Kreis. Décorticage wird dieses genau rhythmisierte Schälen genannt: der letzte Arbeitsgang, nachdem die Kastanien bereits mit anderen, nicht minder schweren Geräten vorgeschält wurden. Brotbaum, arbre à pain, heißt die Edelkastanie auch in der Ardèche, woher der Kastanienschuh seinen Weg in die Pfalz fand.
Kastanien-Infos
Das Hauensteiner Jubiläums-Keschdefescht findet am 19. Oktober von 11 bis 18 Uhr statt. Der Kastanienschuh ist im Deutschen Schuhmuseum ausgestellt, geöffnet von 9.30 bis 17 Uhr. Weitere Infos bei Tourist-Info-Pfälzerwald Hauenstein, Telefon 06392 9233380.