Straßburg RHEINPFALZ Plus Artikel Otello: Verdis Shakespeare-Oper an der Rheinoper

Die Oper, ein Kammerspiel: Adriana González (Desdemona), Mikheil Sheshaberidze (Otello) und Daniel Miroslaw (Jago).
Die Oper, ein Kammerspiel: Adriana González (Desdemona), Mikheil Sheshaberidze (Otello) und Daniel Miroslaw (Jago).

An der Straßburger Opéra du Rhin sorgten vor allem zwei Frauen dafür, dass der Saisonauftakt nach stürmischem musikalischem Beginn nicht in die Flaute segelte.

Was für ein fulminanter Beginn! Ein apokalyptisches Unwetter fegt aus dem Orchestergraben und entlädt sich über dem Publikum, während in der Handlung vor der zypriotischen Küste eine Seeschlacht tobt. Das Kampfgeschehen verlagert sich danach mehr und mehr ins Innenleben der Protagonisten: Otello, in venezianischen Diensten stehender General, als Bezwinger der Türken bejubelt, als Fremder (ein Maure? ein Mohr?) dennoch Außenseiter in einer geschlossenen Gesellschaft; Jago, sich von Otello bei der Beförderung zum Hauptmann übergangen fühlender Fähnrich; Desdemona, Otellos angesichts der rasenden Eifersucht des Gatten verzweifelnde Ehefrau.

Weltklasse ohne Vitamin B

Das bereits in Shakespeares Drama angelegte und sich in der Musik Giuseppe Verdis fortsetzende Psychodrama entfaltete sich bei diesem „Otello“ – einer Koproduktion der Opéra national du Rhin mit den Opern Nancy-Lorraine und Luxemburg – allerdings weniger auf der Bühne als im Orchestergraben. Das ist das Verdienst von Speranza Scappucci. Während die Medien sich derzeit überschlagen mit der Berichterstattung über die Ernennung der Meloni-Freundin Beatrice Venezi zur Generalmusikdirektorin von Venedigs Opernhaus La Fenice und sich in Spekulationen über deren tatsächliche oder nicht vorhandene dirigentische Fähigkeiten ergehen, hat sich eine andere Italienerin, eben Speranza Scappucci, längst in die Weltklasse dirigiert. Leise, still und heimlich kann man nicht sagen: 2017 bis 2022 war sie musikalische Chefin der Opéra royal de la Wallonie in Lüttich, sie stand am Pult in der Met, an den großen Häusern von Paris, London, Berlin, München und Wien, wird demnächst an der Mailänder Scala und bei den Salzburger Festspielen dirigieren.

Geschlossene Gesellschaft mit Schattenseiten: Szene mit Massimo Frigato (Roderigo) und Daniel Miroslaw (Jago).
Geschlossene Gesellschaft mit Schattenseiten: Szene mit Massimo Frigato (Roderigo) und Daniel Miroslaw (Jago).

„Ihren“ Verdi hat sie in jahrelanger Zusammenarbeit als Solorepetitorin und Assistentin von Ricardo Muti gewissermaßen in sich aufgesogen. Zwar muss sie nach dem überwältigenden Beginn einige Zeit mit der schwierigen Akustik der Straßburger Oper kämpfen, aber spätestens nach der Pause beschert sie zusammen mit dem brillanten Orchestre Philharmonique de Strasbourg ein an Nuancen reiches musikalisches Non-Stop-Drama, in dem alle von Verdi komponierten Schattierungen hörbar werden.

Ein Kraftakt zuviel

Nach Nuancen sucht das Ohr bei den beiden männlichen Hauptpartien leider vergeblich. Nun ist der Otello zunächst tatsächlich ein Kraftakt für jeden Sänger – vom Orchestergewitter und den Chormassen (in dieser Produktion die Chöre der Rheinoper und der Opéra national Nancy-Lorraine zusammen) überstrahlenden „Esultate!“ des Anfangs über das grandiose „Racheduett“ mit Jago bis zur verzweifelten Erkenntnis seiner ihn zum Gattenmörder machenden grundlosen Eifersucht. Kraft hat er zweifellos, der georgische Tenor Mikheil Sheshaberidze, aber zum Gestalten innerer Seelenpein scheint die Stimme recht monochrom. Gleiches lässt sich auch über den Jago des polnischen Baritons Daniel Miroslaw berichten. Dessen stimmliche Farbpalette zeichnet hier weder einen diabolischen Vertreter des abgrundtief Bösen (was sein Credo, das zynische Glaubensbekenntnis an einen grausamen Gott vermuten lässt) noch einen listig-heimtückischen Intriganten.

Un-heimliche Hauptfigur

Statt „Otello“ (wie die literarische Vorlage) oder Jago (wie von Verdi und seinem Librettisten Arrigo Boito einmal geplant) hätte die Oper diesmal „Desdemona“ heißen müssen, denn was den beiden Herren fehlte, Adriana González besitzt es im Überfluss. Die junge franko-guatemaltekische Sopranistin hat alles für eine ideale Desdemona, sie gestaltet dramatisch, anrührend und wahrhaftig – ob musikalisch oder szenisch.

Ein Eifersuchtsdrama nimmt seinen Lauf: Adriana González und Mikheil Sheshaberidze (Otelle).
Ein Eifersuchtsdrama nimmt seinen Lauf: Adriana González und Mikheil Sheshaberidze (Otelle).

Von Letzterem profitiert auch die Regie von Ted Huffman. Der auf Schauspiel- und Opernbühnen weltweit präsente Amerikaner, zwei Tage vor der Straßburger Premiere zum neuen Künstlerischen Leiter des Festival lyrique von Aix-en-Provence ernannt, setzte auf psychologisches Kammerspiel und hat – wie erstaunlich häufig erwähnt wurde – sein Konzept für einen schwarzen Titelhelden erarbeitet. Diesen Otello hätte man sofort als Außenseiter in einer in der im Milieu einer mediterranen Oberschicht der 1950er-Jahre angesiedelten Handlung erkannt – in von Astrid Klein gestalteten, an Modejournale jener Zeit erinnernden Kostümen. Nun aber sieht Otello aus wie alle anderen, und um mit dem Einspringer Sheshaberidze schauspielerisch das optische „Defizit“ wettzumachen, fehlte es dem Regisseur wohl an Zeit. So wirkte dieser Otello oftmals ein wenig im Stich gelassen in der nüchternen, an elisabethanisches Theater erinnernden, vom Regisseur erdachten und von Bertrand Couderc mit Licht- und Schatteneffekten geschickt ausgeleuchteten Szenerie. Es hätte mehr gebraucht für ein psychologisches Kammerspiel. Die Möglichkeit eines solchen war in manchen Szenen durchaus erkennbar, bei Hauptmann Cassio (Joel Prieto) als jungem naivem Draufgänger, den Militärgefährten Roderigo (Massimo Frigato) und Montano (Thomas Chenhall), besonders aber bei der Desdemona-Vertrauten und Jago-Gattin Emilia (Brigitta Listra), alle drei zuletzt Genannten Mitglieder des vielversprechend besetzten Straßburger Opernstudios.

Termine

Weitere Aufführungen am 3., 6. und 9. 11. (15 Uhr); am 16. (15 Uhr) und 18.11 in Mulhouse; www.opernationaldurhin.eu

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