Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Nostalgie für die Ohren: Warum Geräte wie der iPod jetzt wieder Dinge der Stunde sind

„1000 Songs in der Tasche“ : Der iPod wurde 2014 eingestellt.
»1000 Songs in der Tasche« : Der iPod wurde 2014 eingestellt.

iPod statt Spotify, Digitalkameras sind wieder da, der Klassiker C64 erscheint neu. 2016 ist ein Sehnsuchtsjahr. Über eine nicht ungefährliche Retro-Bewegung.

Ein vermisstes Geräusch: das leise Klicken des Bildlaufrads. Wischen zwecklos. Als Steve Jobs 2001 den iPod inthronisierte, war das Versprechen, „1000 Songs in der Tasche“ zu haben. Ganz einfach. Digitalisierung stand für Ballastabwurf statt für Aufmerksamkeitsgängelung. Zwei Jahrzehnte später steht auf eBay ein „iPod + hp classic 4th Generation, 20 GB Special Edition, originalverpackt und verschweißt“ für 14.900 Euro zum Verkauf.

Brotkasten für Fans: Commodore C64 gibt es jetzt in einer Neuauflage.
Brotkasten für Fans: Commodore C64 gibt es jetzt in einer Neuauflage.

Vor allem die sogenannte Gen Z – junge Menschen, zwischen 1995 und 2010 geboren – sehnt sich offensichtlich zurück nach MP3-Playern. Die Zeichenfolge „LOAD“,8,1 ergibt wieder Sinn. Der gute alte RUN-Befehl wirkt wie eine Selbstermächtigung. Jetzt, im Februar, werden jedenfalls die bereits im Oktober vergangenen Jahres aufgegebenen Bestellungen für die Neuauflage des Commodore C64 ausgeliefert. In den neuen Commodore Ultimate kann, wer will, BASIC-Befehle eintippen, um auf Floppy-Disks oder Kassette zuzugreifen. 99 Prozent Kompatibilität sind versprochen – ein direkter Anschluss an die Vergangenheit sozusagen.

Erkenntnis und Unschärfe

Plötzlich erlebt auch die Digitalkamera eine Wiederkehr: überblitzte Fotos aus einer 3,2-Megapixel-Kamera. Alles ohne Ironie. In einer Welt, in der Spotify pro Tag mehr als 50.000 mit Künstlicher Intelligenz produzierte Songs hochlädt, die kaum zu unterscheiden sind von autorgemachten Pendants, erscheint der alte iPod plötzlich wie ein Werkzeug der rückeroberten Kontrolle: kein Autoplay, kein „Das könnte dir gefallen“-Algorithmus, kein Abfluss persönlicher Daten, keine Musikgeschmacksauswertung. Man hört nur die Musik, die man wirklich hören will. Auch das Unperfekte hat wieder neuen Charme.

Wie auf den Gemälden des deutschen Kunststars Gerhard Richter entdeckt man die Unschärfe als Erkenntnisinstrument. Sie wird zur poetischen Weigerung, der ewigen Einebnung durch die KI zu gehorchen, die die Smartphone-Fotos im Moment ihrer Herstellung glättet. Das heißt, die Bilder sind vielleicht vergleichsweise hässlich, dafür ehrlich – verschwommen wie noch nicht für Likes optimierte Erinnerungen.

Enge Jeans und rote Schluppe

Die Mode spielt mit, sowieso ist sie ständig unterwegs Richtung Retro. 2026 trägt man also wieder Skinny Jeans und Militärjacken, lange rote Schluppen lappen über transparent-weiße Blusen – so wie vor zehn Jahren. Überhaupt scheint 2016 auf TikTok und anderen sozialen Medien gerade wie ein letztes heiliges Jahr: als noch alles gut war.

Einer der Helden des Referenzjahrs 2016: Musiker Drake.
Einer der Helden des Referenzjahrs 2016: Musiker Drake.

Also werden die Choker-Ketten hervorgekramt, Snapchats mit Hundefilter belacht und Drake-Songs gehört – kleine Signale der Zugehörigkeit. Dabei ist in dem Jahr David Bowie gestorben, und die KI AlphaGo besiegte Lee Sedol, den damaligen Weltmeister im Go.

Damals wurde der Brexit besiegelt, und Donald Trump kam zum ersten Mal an die Macht – ein Schock. Insofern lässt sich das Jahr schon als Epochenbruch begreifen, an dessen Vorzeit sich die symbolisch ausgelebte Sehnsucht nach einem Früher festmachen lässt.

„Nostalgia“ nannte der elsässische Arzt Johannes Hofer (1669 bis 1752) das mit Fieber, Kopfschmerzen, Herzrasen und Hautausschlägen einhergehende, nur durch sofortige Rückkehr heilbare medizinische Leiden im 17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert forderte es – wie die Fachliteratur dokumentiert – Hunderte Tote: Söldner, Reisende, Studenten. Seit den 1970er-Jahren wird es im jetzigen Sinn verwendet. Seither ähneln sich auch die dafür angeführten – selbst schon nostalgischen – Begründungen. Was immer wieder auftaucht: die unsicheren Zeiten wie nie, die Krisenerfahrungen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts ist man im Gestern auf der Flucht vor intensiven medialen Reizen gewesen. Heute ist „digital detox“ ein Argument für den Commodore Ultimate. Und das musikhörende Individuum, das seinen iPod befüllt, statt Spotify zu öffnen, scheint sich bewusst gegen die nun allgegenwärtige algorithmische Belagerung und Überwachung zu wehren.

Kontrolle, Chaos und AfD

Nostalgie, schreibt der Soziologe Fred Davis in seinem in den 1970er-Jahren erschienenen Buch „Yearning for Yesterday“, sei der „Versuch, das Selbst vor dem Chaos der brutalen, unmittelbaren Erfahrung zu beschützen“. „Retrotopia“ nannte der Philosoph Zygmunt Bauman (1925 bis 2017) die verlockende Erzählung, dass alles gut wird, wenn man nur genug Gegenwart abschaltet. Das Gefährliche daran ist: Rechtspopulisten haben diese Mechanik längst verinnerlicht – allen voran Trump mit seiner „Make America Great Again“-Bewegung, ein Slogan übrigens, der schon 1959 als „Make Britain Great Again“ Verwendung fand.

Aber auch die AfD träumt von einem „Deutschland, wie es früher war“ – schwammig genug, um alles Mögliche damit zu verbinden, genau genug, um alles angeblich dazu Unpassende davon auszuschließen. Dazu werden im populistischen Vorfeld Fotos von Telefonzellen oder Hausfrauen mit Schürzen gepostet, versehen mit Stadtbild-Kommentaren über „die Fußgängerzone, bevor sie in arabischer Hand war“. Ein weicher Populismus, der toxisch einsickert.

Retro macht glücklich

Das heißt, alles Unangenehme wird ausgeblendet, alles Angenehme, das es nicht mehr gibt, zur schmerzenden Verlusterfahrung erhoben. Genau hier kehrt sich auch die mit dem iPod in der Hand zelebrierte Kontroll-Idee ins Paradoxe: Wer das Analoge wählt, will Kontrolle zurückgewinnen. Gleichzeitig ist er anfällig für Manipulation. Im besten Fall wählt man die reflexive Variante der Nostalgie.

Constantine Sedikides, Psychologie-Professor an der Universität Southampton, forscht über die Bedeutung von Nostalgie für psychisches Wohlbefinden. „Macht uns Retro glücklich“ heißt eine Veröffentlichung, in der er zeigt, wie die Sehnsucht nach früher die soziale Verbundenheit im positiven Sinn stärken kann. Retro wird gleichsam eine Flucht nach vorn. Vielleicht ist das ja wirklich die radikalste Geste unserer Zeit: Der alte iPod leuchtet. Das Display ist klein, die Schrift monochrom, die Bedienung eher diffizil, das Gerät schon dümmer. Aber es gibt nur das, was wir hinüberspielen – keine Vorschläge, keine Likes. Man wählt einen Song, findet drei andere, die man fast schon vergessen hatte. Langsam dreht sich das Kontrollrad. Nur wir entscheiden, was als Nächstes passiert.

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