Kunst
„No shit“: Bei der Venedig-Biennale speist sich die Kunst aus Dixi-Klos
Super viel los in den Giardini mit den Länderpavillons, erster Tag der Vorbesichtigung der Biennale, Dauerregen, noch keine Stunde rum, und vor dem russischen Pavillon steigt rosa-, zwischendurch auch blau-gelber Bengalrauch auf. Punkmusik, Menschen in pinkfarbenen Sturmhauben schwenken Ukraineflaggen. Dazwischen Frauen mit nacktem Oberkörper. Straßenkampfszenen, „No Pasarán“-Banner, kein Durchkommen. Parole: „Russlands Kunst ist Blut“. Menschenauflauf, Medienmeute, Smartphones. Ein Proteststunt um die gebürtige Russin Nadja Tolokonnikowa, die das kremlkritische rebellische russische Performancekollektiv Pussy Riot mitbegründet hat und im Gefängnis saß, und ukrainische Femen-Aktivistinnen. Ein Trupp Polizisten schaut zu, wie sich der Aufstand gegen die hochumstrittene Teilnahme Russlands an der Biennale verausgabt – und leerläuft. Später schallt Musik aus dem russischen Pavillon.
Auftritt folkloristischer Gruppen dort, DJs legen auf, finnischer Wodka wird ausgeschenkt. Im Erklärtext zu dem zynischen, von einer Vertrauten des Putin-Regimes kuratierten Trotz-Pavillon steht etwas von russischer Fragilität. Der Pulk zieht weiter zur österreichischen Präsentation und staut sich davor, so groß wie drei Fußballfelder. Alle auf Skandal programmiert. Alsbald hängt die österreichische Exzess-Tanzperformancekünstlerin Florentina Holzinger als menschlicher Klöppel kopfüber aus einer Riesenglocke.
„O tempora, o mores“ ist in das Messing eingeprägt, Ciceros Ausruf: Was für Zeiten, was für Sitten. Holzinger klingklongt selbstredend nackt, ihr Prinzip. Im von ihr inszenierten Pavillon dreht eine „Sister“ im Wasserbassin immer schneller Runden auf einem Jetski, bis das Wasser überschwappt. Im Hof steht eine andere Nackte mit Sauerstoffmaske ungerührt in einem kastigen Aquarium, das mit dem geklärten Abwasser zweier Dixiklos rechts und links davon versorgt wird. Wer sich das anschaut, ist ausdrücklich aufgefordert, für flüssigen Nachschub zu sorgen. „No shit“ steht angeschrieben.
Sie wolle mit ihrer Totalinstallation mit dem Titel „Seaworld Venice“ den „Themenkomplex Wasser in Venedig“ aufgreifen und die bigotten Nachhaltigkeitsbeteuerungen des größten Kunstevents der Welt kritisieren, lässt sich die jetzt auch als Kunststar illuminierte Holzinger vom ORF zitieren. Man reise „für zwei Tage mit dem EasyJet-Flug“ an und finde es „dann trotzdem extrem geil, im Kontext der Biennale Dinge zu sehen, die extrem ,sustainable’ konzipiert sind“. Dann habe es „sich natürlich aufgedrängt, okay, wir brauchen die Pisse von Leuten, um unseren Pavillon zu speisen, um die Kunst am Laufen zu halten“, sagt sie. Zugegeben, dagegen wirkt der deutsche Pavillon fast beflissen pessimistisch. Schlecht ist das nicht.
Der von den Nazis 1938 megaloman verschandelte deutsche Pavillon jedenfalls sieht jetzt noch faschistischer aus mit seinen Brandenburger-Tor-Säulen. Gleichzeitig wirkt er wie ein ostdeutscher Plattenbau. Überzogen von 3,2 Millionen Winzkacheln: Die Berliner Künstlerin Sung Tieu hat den Pavillon von außen dem Ort anverwandelt, in dem die 1992 im Alter von fünf Jahren zugewanderte Tochter eines DDR-Vertragsarbeiters aus Vietnam aufgewachsen ist. Mitsamt Graffiti und bröckelndem Beton, angedeuteten schwarzen Fensterhöhlen. Der Wohnkomplex im Osten Berlins wird gerade abgerissen. „Ruin“ ist der deutsche Beitrag überschrieben. Sung Tieu trägt einen Hosenanzug, auf den Zeitungstexte gedruckt sind über fremdenfeindliche Ausschreitungen in den sogenannten Baseballschlägerjahren in Ostdeutschland.
Seit dem Mauerfall war die DDR, die bis 1990 ebenfalls in Venedig vertreten war, in dem Pavillon nie Thema. Jetzt ist in der großen Halle, wenn man reinkommt, rechts ein textil- und mit Holz aus weggeworfenen DDR-Möbeln aufgepolstertes Relief angebracht: der Nachbau eines Kunstwerks von Karl-Heinz Jakob, das in Chemnitz hängt, aber nicht mehr zu sehen ist. Jakob war der Großvater der Künstlerin Henrike Naumann aus Zwickau, die mit Sung Tieu zusammen den deutschen Pavillon geplant hat, bevor sie im Februar mit 41 Jahren an Krebs gestorben ist. Auf der linken Seite hat sie noch die Großversion, das Blow-up eines Guckkastens, geschaffen – ein im Erzgebirge gängiges Wandaccessoire. Ihrer zeigt aber ein leicht gequetscht wirkendes ostdeutsches Nach-Wende-Wohnzimmer, möbliert mit Stahlmöbeln, CD-Haltern und Halogenleuchten. Dazu lappen Vorhänge von der viele Meter hohen Decke des Pavillons, seltsame Gerätschaften und Alltagsdinge aus der Vergangenheit hängen als Hieroglyphen an der Wand. Weit oben an den Seitenwänden drapiert, deklinieren halbierte Stühle deutsche Designgeschichte durch. Der „Eiserne Vorhang“ an der Stirnseite ist aus Metallgewebe zusammengestückelt.
„Wir machen es uns im Deutschen Pavillon gemütlich und spüren an allen Ecken und Kanten, dass es Gemütlichkeit hier nicht gibt“, hat Naumann in einer Projektbeschreibung hinterlassen. Als einzige Buntfarbe im Pavillon dimmt ein blasstoxisches Grün vor sich hin, das an den Anstrich in sowjetischen Kasernen erinnert. Und an den russischen Pavillon, wenn er nicht rosafarben vernebelt ist.
Die Ausstellung
Die Biennale öffnet am Samstag und läuft bis zum 22. November. Info: labiennale.org