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Nichtstun als Heldentum: Aufregung um „Corona“-Spots der Bundesregierung
Die Aufklärungsfilmchen zum Thema Vernunft, die die Bundesregierung produziert hat, dauern 90 Sekunden. Gedreht hat sie die Agentur Florida Reklame, die eng mit den jungdynamischen Fernsehunterhalter Joko und Klaas verbunden ist. Auf Youtube gingen die Spots sofort viral. Großes Kino: die Reaktionen dazu in den sozialen Medien, die, sagen wir es so, geteilt sind. Von „witzig“ bis Schwerverbrechen gegen den Ernst der Lage. Zu sehen ist ein alter Mann, Typ Horst Tappert als „Derrick“. Er erzählt vom Krieg sozusagen.
Anton Lehmann, wie er sich vorstellt, sitzt in einem Opa-Wohnzimmer aus den Siebziger Jahren. Dabei geht sein Blick zurück. Vierzig, fünfzig Jahre. Die Tonspur der Science-Fiction: Guido-Knopp-ZDF-Weltkriegs-Doku-Musik. Herr Lehmann, ein Zombie aus der Welt des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens. Ein Zeitzeuge aus der Zukunft, der sich an anno 2020 erinnert. An den Corona-Winter. An jetzt, aber aus einem Später heraus. Die Geschichtsschreibung im Futur zwei läuft unter dem Titel „#besondere Helden“ – augenzwinkernd. Zynisch wie manche meinen.
Vorbild Faulpelz
„Faul wie Waschbären“, sagt jedenfalls der alte weiße Lehmann im Film, seien sie damals im Corona-Winter 2020 gewesen. Untätig aus Überzeugung. „Das Schicksal dieses Landes lag plötzlich in unseren Händen“, sagt er Pathos-umwölkt. Ein harter Bild-Schnitt folgt – mit verstörend vertrauten Gefechtsbildern, die die Couch als Heimatfront zeigen. Und ihn als nerdigen Maschinenbaustudenten, 22 Jahre alt. Im harten Stellungskrieg auf dem Polstermöbel gefangen. Auf seinem „Arsch zu Hause“ im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Dann steht eine junge Frau, die asiatisch aussieht, im Türrahmen. Zwei Pizzaschachteln in der Hand. Die zukünftige Frau Lehmann mutmaßlich, wie sich in einem zweiten Spot herausstellt, der das Die-Füße-Stillhalten als heroisch feiert. Das Fast-Food-getränkte dolce far niente mit Netflix-Abo. Wenn man so will, wird Iwan Gontscharows Oblomow, ein Groß-Faulpelz aus der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts als Role model für die Influencer-Generation propagiert. Regierungssprecher Steffen Seibert sah sich genötigt, sich dafür zu entschuldigen.
Adressiert sind die Spots an die Jungen, die möglicherweise von Regierungserklärungen nicht erreicht werden. An die Minderheit der Unvernünftigen. Angesprochen fühlen sich offenbar alle anderen, was für eine Zielgruppenwerbung gar nicht so schlecht ist, nebenbei bemerkt. Alles falsch, twitterte die Achtsamkeitsfraktion zu den Spots. Und wurde im Gegenzug als spaßbefreitete Empörungsgang verlacht.
Diskussionen im Netz
Zu viel weiße Menschen seien zu sehen, hieß es, zu viele Privilegierte, ausgespart würden die Opfer der im Lockdown von häuslicher Gewalt Betroffenen, die depressiv Erkrankten. Dito, die wahren Helden. Das Pflegepersonal. Die Müllmänner, die Lieferanten. Saša Stanišic („Herkunft“), Deutscher Buchpreisträger, hätte zum Beispiel gern einmal Spots aus der Perspektive zweier bosnischer Putzfrauen gesehen. Auch auf den Krieg in Bergkarabach wurde schmallippig hingewiesen. Als wirklichen Ernstfall, dass es „over isch“ mit der Ironie.
„Deutsches Twitter selten knalldackeliger (und deutscher), als wenn diese brillanten Corona-Spots auf Krampf scheiße gefunden werden“, twittere dagegen der deutsche Internet-Erklärbär Sascha Lobo. Hin und Her ging’s in den sozialen Medien in den vergangen Tagen. Üblich Like-süchtig und folgenlos. Das letzte Wort haben sowieso die Infektionszahlen.