Kultur Nederlands Dans Theater im Pfalzbau: Die Wahrnehmung herausfordern

Die Geschichte eines Auftauchens und Verschwindens illustriert „Hefty Flood“, Marina Mascarells dunkel gehaltener Versuch über d
Die Geschichte eines Auftauchens und Verschwindens illustriert »Hefty Flood«, Marina Mascarells dunkel gehaltener Versuch über das Jetzt.

Vier Choreografien aus knapp 20 Jahren Ballettentwicklung

Das Nederlands Dans Theater (NDT) gehört zu den renommiertesten Kompanien Europas. Seine Abende zeigen nicht nur beispielhaft, wie Choreografen die Herausforderungen von heute mit künstlerischen Mitteln spürbar werden lassen. Vielmehr bieten sie auch immer wieder das Vergnügen einer kurzweiligen Werkschau. Dasselbe gilt für die Juniorcompagnie des NDT, deren Gastspiel im Ludwigshafener Pfalzbau unerwartet neue Erkenntnisse lieferte. Überdeutlich wurde sichtbar, wie sich die Welt verändert hat, seit Hans van Manen – Gründungsmitglied und 1961 bis 1970 künstlerischer Leiter des NDT – 1999 sein „Short Cut“ zu einem Streichquartett von Jacob ter Veldhuis kreierte – es war jetzt die erste Choreografie, die in Ludwigshafen zu sehen war, gefolgt von Stücken von Edward Clug, Marina Mascarell, Sol León und Paul Lightfoot, die 2015 und in diesem Jahr entstanden sind. Die Beziehungsparade eines Mannes, der nacheinander drei Grazien im Ganzkörpertrikot an der Hand führt, von denen nur die letzte es schafft, ihn selbstbewusst stehen zu lassen, wirkt wie aus einer fernen Welt ohne Smartphones, Digitalisierung und Genderbewusstsein. Vielleicht fehlt den Tänzern aber auch noch die innere Reife, um Hans van Manens zeitlos schöne Bewegungssprache als Zwiesprache zwischen Mann und Frau in voller Blüte aufscheinen zu lassen. Spannend im Vergleich dazu Edward Clugs „Mutual Comfort“: Zwei Männer und Frauen, urban und hochgeschlossen bekleidet, bewegen sich hochpräzise, scharfkantig und in wechselnden Konstellationen zu Takt, Rhythmus und Tonfolgen der bestechenden Komposition „PErpeTuumOVIA“ des Slowenen Milko Lazar. Clug hat die Bewegungsfolgen, wie so oft, unterteilt. Der Bewegungsfluss ist dadurch mehrfach pointiert; das tanzende Subjekt ist ein Handelndes, kein der Bewegung Übereignetes. Winzige Momente mal voller Ironie, mal der ehrlichen Begegnung sowie emotionale Augenblicke wechseln sich innerhalb des lässig-coolen Crescendo dauernden Bewegens ab. Ein jubelnder Aufschrei des Publikum kommentierte diese geniale Tanzkomposition. Noch lange nicht von derselben Klasse, aber dennoch eindrücklich schließlich ist Marina Mascarells Versuch über das Jetzt. Ihr „Hefty Flood“ gerät zum Lehrstück darüber, wie aktuelle Tanzkunst die Wahrnehmung herausfordert. Nur kleine Lampen, wie Glühwürmchen oder später ein Sternenhimmel, beleuchten eine aus herumliegenden Tanzteppichen geformte, wellenartig sich bewegende, unwirtliche Landschaft. Zu hören ist ein raumgreifender, von hohen einzelnen Tönen durchdrungener, wenig melodiöser Soundteppich, der einzeln ins Mikro gehauchte Worte bis zur Unkenntlichkeit verschluckt. Dazu erheben sich teils fast nackte, sich fließend bewegende Kreaturen, sobald sie in den Fokus direkt sie anleuchtender Taschenlampen geraten. Eine Topographie der Verlorenheit tut sich auf. Zu erleben ist ein Auftauchen und Verschwinden in einer alles wieder verschluckenden, trostlosen Landschaft. Man wird dieses Bildes dennoch irgendwann müde und versteht, dass es seinen Sinn am Ende aus einem grandiosen Moment gewinnt: Mann und Frau tanzen, getrennt durch eine Wand, auf der sich sein Körper als ihr Körper gebender Schatten abzeichnet, einen narzisstischen Zwilling. Paul Lightfoots und Sol Léons „Subtle Dust“ beschließt den Abend. Der neue Surrealismus, den die beiden im Tanz begründeten, wird in dieser verrätselten Szenerie noch einmal mehr zum Augenschmaus. An Compagniegründer Kylián erinnernde Bewegungsflüsse, die eine ähnliche Melancholie in sich tragen, entfalten sich vor realistischen Landschaftsaufnahmen wie flammend rote, wehende Wolken, ein Neumond oder eine Graswiese. Ein Mann im Mantel, drei Männer in schwarz-weißen Zebrahosen, Frauen in schwarzen und weißen Blusen kreieren verschiedene Konstellationen, die nicht zu deuten sind, sich intuitiv ergeben haben müssen. Immer wieder muss man an „Melancholia“ von Lars von Trier denken. Ein Werk, das weit aus der Fantasie heraus geschaffen wurde und sich mit apokalyptischen Gedanken verbindet.

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