Kultur
Nackt ist Pflicht: Eine besondere Museumsführung in Stuttgart
Das Plakat, schreiend gelb. Die Urheberinnen traten in Affenmasken und bewaffnet mit Bananen auf. Die Guerilla-Girls, anonyme Aktivistinnen, ließen 1989 New Yorker Busse durch die Stadt cruisen mit der Aufschrift. „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu kommen?“. Damals war das eine beißende Kritik daran, dass im „Met“ 85 Prozent der Aktdarstellungen Frauen zeigten, aber nur fünf Prozent der Werke von Künstlerinnen stammten. Jetzt erst, am Sonntag im Stuttgarter Haus der Geschichte, indes lautet die Antwort auf die Guerilla-Frage aller Zweifel entkleidet tatsächlich: Ja und noch mal Ja.
Schuhe sind erlaubt. Ansonsten müssen alle Besucher dann blankziehen, um in die Ausstellung „Frei Schwimmen – Gemeinsam?!“ zu kommen, in der es unter anderem um die Freikörperkultur geht – auch die Männer und alle dazwischen. Nackt ist Pflicht, als ginge es in die Sauna. Dabei bleibt ein Museum im Sommer meist kühl. Die Führung ist, wie die Wiederholung am 14. September, schon lange ausverkauft. Die andrängenden Medien aber müssen draußen bleiben, während die in kaiserliche Gewänder gewandeten Naturisten vor den Exponaten stehen. Aufnahmebereit bis in die Knöchel, wie anzunehmen ist.
Entzückt wie Ronaldo?
Nicht umsonst ziehen sich Fußballer mit Vorliebe ihr Trikot über die Rübe, um den frenetischen Applaus der Massen hautatmungsaktiv zu inhalieren. Zugegeben, die in Stuttgart demzufolge zu erwartende Verzückung des Publikums hätte man – aus forschendem Interesse freilich – schon gerne gesehen. Schließlich enthüllt das Ereignis neben Astralkörpern und Cellulite so manches.
Die Paradoxie zum Beispiel, dass die in ihren Refugien residierende, alteingesessene FKK-Bewegung im wahrsten Wortsinn auszusterben droht – während es die neuen Nudisten umso stärker in die außerhalb des Strafrechts ungeschützte Öffentlichkeit drängt. Zum Wandern, Joggen und Fußballspielen, um ins Museum zu gehen, so wie der liebe Gott sie schuf, die Stuttgarter Nacktführung ist nicht die erste ihrer Art.
So propagiert der Verein Get Naked Deutschland, der die Stuttgarter Ohne-alles-Führung mitorganisiert hat, das einfach Nacktsein endlich als einen Naturzustand anzuerkennen – als nichts Besonderes, unverbunden mit dem immer virulenten Sexuellen, wie es in den Verlautbarungen der Aktivisten heißt. Es ist ein Kummer, den die Museen gewohnt sind, seit Jean Fouquet im Jahr 1456 die Brust der stillenden Muttergottes entblößte – mit erotischer Absicht, wie man ihm in Nachhinein unterstellt.
Die Kunstgeschichte ist voll von nackten Menschen, nackten Frauen vor allem, siehe oben. Spätestens mit der Performancebewegung und Protagonisten wie Marina Abramovic sind diese in den Ausstellungshäusern auch livehaftig gegenwärtig. Die Museen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erstaunlich gewandelt, bildungsbürgerlich entblößt, wie so manche finden.
Weinproben werden abgehalten, DJs treten auf, man sieht Menschen sich beim Yoga vor Gemälden verbiegen. In Schweden werden Rezepte für den Museumsbesuch ausgestellt. Ganz in dem Sinn wurde bei einem Workshop im Kaiserslauterer Museum Pfalzgalerie ein „Healing Culture Network“ gegründet, ein Netzwerk für heilende Kultur. Warum auch nicht? Wer weiß schon, wie heilsam es sein wird, wenn sich jetzt öfter nackte Exponate und nackte Besucher unverstellt und unverhüllt begegnen – zum besseren Verständnis, endlich auf Augenhöhe sozusagen.