Kultur Meister des Epigramms
Die Dichtungen und Mythologien der Antike waren das Lebenselixier dieses Lyrikers. Jetzt ist Arnfrid Astel im Alter von 84 Jahren in seiner Wahlheimat Trier gestorben.
Von seinem Dichterfreund Johannes Bobrowski wurde der junge Arnfrid Astel bereits 1964 ehrfürchtig als „Alkibiades“ angesprochen, mit dem Namen des Atheners also, der den Typus des unabhängigen, ideologieresistenten Staatsmanns verkörpert. Bobrowski, damals der prominenteste Lyriker Deutschlands, hatte den Dichter und Epigrammatiker Astel im November 1964 auf einer Tagung in Weimar kennengelernt und war von seinen Gedichten sehr beeindruckt. Bereits in dieser Zeit schrieb der 1933 in München geborene und in Weimar aufgewachsene Astel Epigramme in antiker Tradition. Epigramme waren ursprünglich Inschriften auf Tempeln, Gräbern, Weihgaben oder Gastgeschenken. Seit 1959, als der Student der Germanistik und Biologie in Heidelberg die Zeitschrift „Lyrische Hefte“ gründete, gelang es Astel, aus dieser ehrwürdigen antiken Form poetische Funken zu schlagen. In den 1970ern wurde Astel bundesweit bekannt durch seine „Strafzettel für den Rechtsstaat“, die mit ihren gesellschaftskritischen Pointen linke Debatten über die Neutronenbombe oder über die RAF munitionierten. Wegen politischer Unbotmäßigkeit verlor er zwischenzeitig seine Stelle als Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk, wo er von 1967 bis zu seiner Pensionierung 1998 viele Dichterkollegen ungeheuer inspirierte. In diesen Jahren der Politisierung, als man dankbar Astels politischen Erkenntnisblitzen („Zwischen den Stühlen sitzt der Liberale auf seinem Sessel“) applaudierte, hat man systematisch übersehen, dass der studierte Biologe Astel nicht nur radikale politische Gedichte schrieb, sondern auch eine zarte Naturdichtung. Sein großes dichterisches Vorbild war dabei der englische Dichter Gerard Manley Hopkins, der 1868 dem Jesuitenorden beitrat und eine sprachberauschte, enthusiastische Naturdichtung erschuf. Eines der erschütterndsten Gedichte Astels ist seinem Vater Karl Astel gewidmet, einem furchtbaren Rassehygieniker des NS-Staats, der sich kurz vor dem Einmarsch der US-Armee nach Jena im April 1945 das Leben nahm: „Die Wolkenschlösser sah ich einst als Kind. / Ich lag im Fieber unter Federbetten. / Und sah gespiegelt in dem Lampenhalter / die große Schwester unter meinem Bett. / Auf Skiern holte mir von Oberhof / mein Vater in der Röhre Diplosal. / Das färbte meine Pisse deutlich rot, / doch blieb ich seitdem an dem langen Leben. / Ich wurde älter als mein Vater, Sohn. / Wie soll ich die in Würde stellvertreten?“ Am 13. April sollte Astel von der saarländischen Landesregierung der Ehrentitel „Professor“ verliehen werden. Am Montag ist Arnfrid Astel, der sich seit dem Freitod seines Sohnes Hans Arnfrid Astel nannte, im Alter von 84 Jahren gestorben.