Museen
Mausoleum Museum: Besuch in der Mannheimer Kunsthalle
Das Mobile aus einem Stein und einer Bahnhofsuhr von Alicja Kwade gleicht einem Menetekel. Die Welt dreht sich weiter. Unsere endet. In der Mannheimer Kunsthalle kreist das Werk der polnischen Künstlerin normalerweise beständig hoch oben im himmelschießenden Atrium. Jetzt hängt es schlaff herab. Die Uhr läuft. Aber die Zeit steht scheinbar still. Lockdown. Im Museum ist kaum ein Mensch. Der Pförtner bewacht seine Loge. Im Besuchsbuch steht niemand. In der Garderobe wartet ein vergessener Schirm am Haken. Leere Fächer, aufgeklappt. Das Museum liegt im Halbdunkel der Notbeleuchtung. Kein Licht im Korridor von James Turrell, der in den Jugendstilbau führt. Der Blick fällt auf Brancusis goldglänzenden „Großen Fisch“ in der Eingangshalle. Er hat seine Nachthaube anbehalten. Novembriges Zwielicht hat sich im Museumsshop breit gemacht. Der Videoscreen im Atrium, aus. Die Säle, dicht. Das Museum wirkt wie ein Mausoleum.
In einer früheren Welt hätte in der Kunsthalle am 1. Dezember die große Schau des großen deutsch-französischen Mythenerzählers Anselm Kiefer geöffnet. Mit großem Hallo. In der pandemischen hängt alles von den Zahlen des Robert-Koch-Instituts ab. Und daraus folgend weiteren Konsequenzen. Denkbar, dass auch diese Ausstellung eine virtuelle Veranstaltung wird, zumindest vorerst. Kathrin Sieberling, die Kunsthallen-Pressesprecherin, weiß – wie alle - momentan auch noch nichts Genaues. Sie hegt Befürchtungen.
Die anberaumte Pressekonferenz jedenfalls hat sie vorsorglich abgesagt. Direktor Johan Holten ist heute in Heidelberg im Homeoffice. Den Kaffeeautomaten hat Sieberling wie oft in letzter Zeit für sich allein.
Das heißt, der Ausstellungskurator Sebastian Baden ist noch da. Ein gebürtiger Kaiserslauterer. Er hat seine Hauptarbeit in Sachen Kiefer-Schau bereits gemacht. Die Ausstellung ist aufgebaut. Er wischt auf seinem Smartphone herum. Auf Fotos hieven Spinnenkräne tonnenschwere Bilder an die Wand. Männer stehen auf Scherenhebebühnen. Kiefers Werk tendiert ins maßstablos Grandiose. Fast immer hat es mit Erleuchtung zu tun. Sebastian Badens Laune dagegen ist getrübt von den ungewissen Aussichten.
Museen unter ferner liefen
Der 40-jährige Ex-FCK-Triathlet ist ein vifer Kunstinterpret. 2013 wurde ihm ein internationaler Kunstkritikerpreis verliehen. Aber dafür, dass der zweite Lockdown die 7000 deutschen Museen erwischt hat, fehlt ihm wie den allermeisten seiner Kolleginnen und Kollegen das allerletzte Verständnis. Ausgerechnet sie. Wo doch das große Anti-Covid-19-ABC, Klimatisierung, Abstand, Achtsamkeit quasi zur DNA eines jeden Museums gehört. Und währenddessen dürfen die Geschäfte öffnen. Auch bei Baden hört man die Gekränktheit leise heraus, die seinesgleichen erfasst hat, seit die Maßnahmen gegen das Virus verkündet worden sind.
Dass Museen an diesem 28. Oktober erst gar nicht genannt wurden. Und dann unter ferner liefen. Das heißt, zusammen mit Wettbüros, Spielbanken, Fitnessstudios, Bordellen – „kurz vor dem Zoo“, sagte damals Ulrike Goos, die Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart, „dabei sind wir weder ein Luxus noch ein Freizeitspaß, wir sind Bildungseinrichtungen“.
Wie zum Beweis hält Sebastian Baden jetzt die schon fertige Anselm-Kiefer-Broschüre in der Hand. „Politik, Religion, Mystik, Mythos, Alchemie und Kosmologie bilden die Themenkomplexe, aus denen Kiefer seine bildnerischen und skulpturalen Werke zusammensetzt“, steht darin gleich im dritten Satz.
Badens Kollegin, Christina Végh, Kunsthallendirektorin aus Bielefeld, brachte vor Kurzem ins Spiel, der Staat solle doch, wenn er sich schon Opernhäuser, Museen und Theater als Bildungseinrichtungen leiste, deren „weitläufige und klimatisierte Flächen öffnen“. Für Vermittlungsangebote. Schulunterricht. Auch Anja Karliczek, die Bundesbildungsministerin von der CDU sprach sich dafür aus, dass die von Raum-,-Klima und Platznot geplagten Schulen in „Pfarrzentren und Museen“ ausweichen. Geschichtsunterricht vor Édouard Manets „Erschießung Kaisers Maximilians von Mexiko“ – kann man sich schon vorstellen. Der Vorschlag sollte „zeitnah umgesetzt“ werden hieß es dazu denn auch etwas ungelenk in einem diese Woche veröffentlichten offenen Brief des „Arbeitskreises „Museen für Geschichte“, in dem 35 große Geschichtsmuseen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg und Belgien organisiert sind. Darunter auch das Speyerer Historische Museum der Pfalz und die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim.
Noch ein Menetekel
Museen würden „als soziale Bildungsstätten gebraucht, jetzt mehr denn je!“, heißt es in dem Schreiben. Ob er das auch so sehe? „Unbedingt!“ sagt der Kurator Baden, von der Mund-Nasen-Maske gedimmt, in die Menschenleere des Atriums. Der Blick fällt an das grau-erdige Wellenrelief an der Wand, das dort fest installiert ist. Auch ein Werk des gebürtigen Donaueschingers Anselm Kiefer, der 20 Jahre im Odenwald gelebt und gearbeitet hat, bevor er 1993 nach Südfrankreich und 2007 nach Paris umgezogen ist.
„Sephirot“ heißt das Werk, das als Auftakt der Kiefer-Ausstellung zu sehen sein wird. Ungewiss, ob live und im Museum. Die Arbeit, noch so ein Menetekel. Die jüdische Mystik ist ihr Hintergrund. Sie steht für die Suche nach der Weisheit und die Wiederherstellung der Harmonie.