Musiktheater
Mannheimer Monteverdi in Schwetzingen
Im ersten Jahr seiner Amtszeit als Intendant der Oper begann Albrecht Puhlmann am Mannheimer Nationaltheater einen Claudio-Monteverdi-Zyklus. Nun wurde dieser bei den SWR Festspielen im Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses mit „L’Orfeo“ abgeschlossen. Es ist eine szenisch wie musikalisch eindrucksvolle Produktion.
1607, als die Gattung Oper noch keine zehn Jahre alt war, hatte sie mit „L’Orfeo“ bereits ihr erstes großes Meisterwerk. Dass der Rang dieser Oper in Schwetzingen jederzeit spürbar wird, spricht für die Einstudierung.
Regisseur Markus Bothe, mit dessen Inszenierung von „Il ritorno d’Ulisse in patria“ der Zyklus 2017 seinen Anfang genommen hatte, setzte nun auch „L’Orfeo“ in Szene. Konzeptionell geht es darum, wie sich durch Kunst Welten lebendig werden lassen; es geht um das Künstlertum ganz allgemein, um den Blick und um das Schauen.
Konkret ist zu sehen, wie sich die Musica des Prologs in eine Museumswärterin verwandelt und wie vor Orfeo als Besucher unserer Tage plötzlich die Figuren in Botticellis „Primavera“ lebendig werden und das Spiel beginnt. Der Weg in die Unterwelt führt durch ein barockes Stillleben. Im Hades freilich gibt es kein Bild: Hier blinken – in der Art einer Installation – zerbrochene Spiegel im Raum. Am Ende, als Apollo den Sänger an den Himmel holt, wird Orfeo selbst zum Kunstwerk, in Anspielung auf „Comedian“ des italienischen Künstlers Maurizio Cattelan: jenes Werk mit der aufgeklebten Banane.
Markus Bothe bietet im Bühnenbild von Robert Schweer und in den Kostümen von Justina Klimczyk eine anspielungsreiche und bildstarke Inszenierung von großer Suggestivität, die sich deutlich auf das Stück bezieht und zugleich den Bezug zur Gegenwart sucht.
Der wird in den beiden Vorstellungen bei den Schwetzinger SWR Festspielen nicht zuletzt dadurch betont, dass Julian Prégardien den Orfeo singt (in den Vorstellungen im Juni singt Valerio Contaldo). Prégardien findet einen phänomenalen, hochintensiven Ausdruck, der einerseits von erlesener Gesangskunst getragen ist, andererseits aber auch extreme Akzente nicht ausspart.
Musikalisch ist dieser „L’Orfeo“ ohnehin sehr lebendig. Jörg Halubek bietet mit seinem Ensemble Il Gusto Barocco einen stilistisch sicheren, faszinierend vielfarbigen und flexiblen Monteverdi. Sagenhaft sind die Geisterchöre mit dem Herrenchor des Nationaltheaters in Alistair Lilleys Einstudierung. Barocke Klarheit und Wagner’sche Aura werden eins.
Auch das Mannheimer Ensemble glänzt in der Musik des frühen 17. Jahrhunderts: Shachar Lavi als Musica und Speranza durch beredte Diktion, Amelia Scicolone als Euridice und Echo durch feine Stimmführung sowie Marie-Belle Sandis als ausdrucksvoll gestaltende Messaggera. Nathanaël Tavernier singt den Caronte mit noblem Bass, Ilya Lapich den Apollo mit bestechender Beweglichkeit. Auch die anderen Rollen sind vorzüglich besetzt.
Info
Weitere Vorstellungen im Rokokotheater am 4., 6. und 7., 12. und 13., 23. und 24. Juni. www.nationaltheater-mannheim.de