Sprache
Mannheim: Im Forum Deutsche Sprache sollen Menschen ihre Sprachbiografie erzählen
Herr Lobin, wieso wird das Museum eigentlich errichtet? Soll es eine Lücke füllen für etwas, das es bislang noch nicht gab? Was sind die Beweggründe?
Wir nennen das Museum ja „Forum Deutsche Sprache“, und darin wird auch der Anspruch deutlich. Es gibt zum Beispiel das Deutsche Literaturarchiv in Marbach mit dem Literaturmuseum, es gibt das Deutsche Historische Museum in Berlin – für die deutsche Sprache gibt es eine vergleichbare Einrichtung bislang nicht. Das Leibniz-Institut in Mannheim ist als Forschungseinrichtung im deutschsprachigen Raum einmalig, und aus diesem Grund verfolgen wir seit geraumer Zeit schon das Ziel, eine Darstellung der deutschen Sprache in Mannheim aufzubauen. Das Besondere ist, dass wir Sprache nicht bloß in einer Ausstellung vermitteln werden, sondern dass wir auch erfassen und dokumentieren wollen. Die Leute, die ins Forum kommen, bringen ja alle die Sprache selbst mit.
Im Museum soll Sprache erlebbar gemacht werden – und eine Linie, die sich durch die Ausstellung zieht, ist die Entwicklung einer Sprache im Laufe eines menschlichen Lebens. Wie visualisiert man so etwas, wie macht man das für Nicht-Wissenschaftler zugänglich?
Das ist in der Tat eine große Herausforderung, und wir sind natürlich noch am Anfang der Entwicklung. Wir können aber auch eine Reihe von Vorarbeiten aus dem IDS einbringen. Aus Textsammlungen – etwa dazu, wie junge Erwachsene Sprache verwenden – lassen sich mögliche Visualisierungen ableiten. Wir werden auf unterschiedliche Arten die Veränderungsprozesse einer Sprache bei einzelnen Menschen in unseren Exponaten zeigen. Man kann darstellen, wie sich Sprachkompetenz in der Kinder- und Jugendzeit verändert und vervollkommnet oder wie sprachliche Eigenschaften mit einer Fachsprache verbunden sind.
Denn das ist ja auch eine wichtige sprachliche Lebensphase: In einer Ausbildung lernt man eine Fachsprache. Zusätzlich werden im Forum auch die klassischen Themen berücksichtigt, etwa die deutsche Sprachgeschichte insgesamt, der deutsche Sprachraum in Europa und der Welt oder die Nutzung der deutschen Sprache in Politik und Medien.
Was verbirgt sich hinter den Sprachspenden, mit denen sich Besucher in die Forschung einbringen können?
Das ist wirklich eine große Besonderheit im Forum Deutsche Sprache. Anders als man vielleicht denkt, ist es gar nicht so einfach herauszufinden, wie die Menschen im deutschen Sprachraum tatsächlich konkret die deutsche Sprache benutzen – schriftlich oder mündlich. Man muss die Leute, von denen man Sprachdaten bekommen möchte, informieren, man braucht Einverständniserklärungen von ihnen – das ist alles nicht so leicht umzusetzen, wenn man die Menschen nicht vor Ort hat.
Wir möchten also diejenigen, die sich durch unsere Ausstellung angesprochen fühlen, bitten, beispielsweise bei einer Befragung mitzumachen. Dazu werden wir ein „gläsernes Sprachlabor“ aufbauen, in dem man etwa seine eigene Sprachbiografie erzählen kann. So lässt sich zum einen erkennen, welche Besonderheiten es in einer individuellen Sprachentwicklung gibt, zum anderen sprechen die Leute spontan, und die Sprache der Gegenwart kommt dabei in all ihren Facetten zum Ausdruck.
Und Sie interessieren sich auch für Daten aus sozialen Netzwerken?
Ja, wir versuchen auch Daten aus der Nutzung von sozialen Medien zu bekommen, beispielsweise Whatsapp-Texte. Die kann man ja nicht einfach irgendwo herunterladen, genauso wenig Facebook-Daten. Das Ganze ist nur mit entsprechender Zustimmung der Spender möglich. Diesen Bereich zählen wir auch zu den Sprachspenden.
Es soll auch einen Kinder-Erlebnisbereich im Museum geben. Wie werden Kinder in Ihre Forschung eingebunden?
Wir planen einen Bereich, den wir „Zauberwald der deutschen Sprache“ nennen. Er richtet sich an Kinder zwischen ein und sieben Jahren. Das ist das Alter, in dem Kinder normalerweise noch nicht lesen oder schreiben können. Frei zugänglich wird der Bereich nicht sein, sondern unter pädagogischer Anleitung. Er soll dazu dienen, kleineren Kindern ein Grundverständnis dafür zu vermitteln, was es mit der Sprache auf sich hat, etwa mit Lauten und Rhythmen. Dafür haben Kinder schon früh ein Sensorium: Kleinere Kinder haben große Freude an rhythmischen Gedichten, die man mitklatschen kann. Rhythmen und Reime erfüllen eine wichtige Funktion: Sie unterstützen die Kinder nämlich beim Erlernen der Muttersprache, besonders ihrer lautlichen Eigenschaften.
Der Standort des Museums in Mannheim ist ja an einer Schnittstelle von mehreren Dialekteinflüssen: Pfalz, Baden, Hessen. Erhoffen Sie sich davon einen Mehrwert für die Dialektforschung?
Ja, das erhoffen wir uns schon. Die Gäste aus dem näheren Einzugsgebiet werden sicherlich auch eine bestimmte sprachliche Prägung mitbringen. In Baden-Württemberg ist das ja auch schon länger ein wichtiges Thema: In dem Bundesland wurde von der Landesregierung eine Initiative gestartet, um die Dialektnutzung auf verschiedenen Ebenen zu unterstützen. Und natürlich sehen auch wir die dialektale Sprachverwendung als ein wichtiges Thema für unser Forum an.
Das Deutsche ist ja nicht nur wegen solch regionaler Einflüsse einem dynamischen Wandel unterzogen. Würden Sie sagen, die deutsche Sprache wandelt sich schneller als früher und schneller als andere Sprachen?
Das lässt sich schwer quantifizieren. Es gibt bestimmte Einflüsse, denen zurzeit alle größeren Sprachen unterliegen. Das hat zum Beispiel etwas mit den Medien zu tun: Vor 150 Jahren gab es noch keine audiovisuellen Medien, man hat daher die Menschen aus anderen Teilen des gleichen Sprachraums einfach nicht oft gehört. Deshalb hatten die meisten Leute keine genaue Vorstellung davon, wie etwa das Bayerische, das Plattdeutsche oder das Sächsische klingen. Die Medien haben dazu beigetragen, dass ein Ausgleich unter den verschiedenen Varianten der deutschen Sprache stattgefunden hat. Zugleich haben sich aber auch die schriftsprachlichen Medien stark ausgeprägt. Die orientieren sich am Standarddeutschen und tragen eher zu einer Art Verfestigung von Standarddeutsch bei. Deshalb lässt sich das schwer beantworten. Auch die Migration ist ein Einflussfaktor, wobei die sich bislang kaum auf das Standarddeutsche ausgewirkt hat.
Nicht alle Deutschsprecher stehen den Einflüssen von außen offen gegenüber. Ein Paradebeispiel sind Anglizismen. Dabei gab es ja auch vor Jahrhunderten schon Einflüsse aus anderen Sprachen, etwa Latein oder Griechisch ...
Ja, und auch früher hatten die Leute schon ihre Probleme mit diesen Einflüssen. Schon im 17. und 18. Jahrhundert wurden Sprachvereine gegründet, die sich gegen das lateinische Wortgut im Deutschen gewendet haben. Das ist eine kontinuierliche Geschichte, die heute weiter geschrieben wird. Man muss sich bei Anglizismen auch fragen, wer sie verwendet – und in welchen Situationen: In einem Laden mit englischem Namen in der Innenstadt kommen sie wahrscheinlich häufiger zur Anwendung als in einem privaten Gespräch. In dem einen Bereich ist die Dichte der Anglizismen höher, in dem anderen niedriger.
Haben Sie eigentlich ein deutsches Lieblingswort?
Ein deutsches Lieblingswort? (überlegt und lacht) Ja: „Unverfrorenheit“ ist ein schönes Wort. Es ist von der Bedeutung – Frechheit, Unverschämtheit – interessant und es hat einen komplexen Aufbau: Es ist in drei Schritten von dem Verb frieren abgeleitet worden. Bedeutung und Aufbau sind etwas Besonderes im Deutschen, was mir sehr gut gefällt.