Kultur Mainzer Staatstheater: „Nibelungen“ auf Pfälzisch

Spielmann Volker (Michael Pietsch) spielt für und mit König Gunther (Sebastian Brandes, unten, als Zwerg Alberich) Siegfrieds He
Spielmann Volker (Michael Pietsch) spielt für und mit König Gunther (Sebastian Brandes, unten, als Zwerg Alberich) Siegfrieds Heldentaten.

Eine Inszenierung voller überbordender Spielfreude und Humor, die aber auch Anlass gibt, über unselige Männerbündnisse und Machtverliebtheit nachzudenken: Regisseur Jan-Christoph Gockel, in Katzweiler bei Kaiserslautern aufgewachsen, hat mit dem Nordpfälzer Puppenbauer Michael Pietsch eine hoch spannende, innovative Version von Hebbels „Nibelungen“ auf die Bühne des Mainzer Staatstheaters – und auch vor und auf das Haus – gebracht, die allerdings einige Zuschauer überforderte.

„Euer Mythos ist geköpft“, heißt es gegen Ende. „Jetzt folgt unsere Zeit, das Europa der Frauen“, sprechen Brunhild und Kriemhild unisono – Hand in Hand auf den Trümmern des hölzernen Riesen stehend, der gulliverhaft das schöne Bühnenbild (Julia Kurzweg) prägt. „Im Namen der Opfer“ versetzen sie sich, Heiner Müllers „Hamletmaschine“ zitierend, in Ophelia, in Elektra. Auch von Medeas Geschichte hat sich Jan-Christoph Gockel bei seiner Hebbel-Aneignung inspirieren lassen. Die #MeToo-Debatte spielt hier hinein ins Finale des wilden Spiels, in dem sich zuvor die Nibelungen-Brüder Gunther, Giselher und Gerenot samt ihrem treuen Spielmann Volker, angestachelt von Hagen, sozusagen selbst zerfleischt haben: Gockels „Nibelungen“-Lesart ist auch eine Abrechnung mit einer männerdominierten Welt, in der vermeintliche Familienehre und die Sicherung der eigenen Machtposition über allen Gefühlen und aller Vernunft steht und Frauen die Leidtragenden sind. Inszenierungen von Jan-Christoph Gockel, der seit 2014/15 Hausregisseur in Mainz ist und seine Liebe zum Theater auf der Freilichtbühne Katzweiler und am Kaiserslauterer Pfalztheater entdeckt hat, sind stets politisch unterfüttert. Sein Theater aber ist nie pädagogisch-didaktisch, sondern lebensprall, ja bisweilen hoch komisch, vor Ideen übersprudelnd und ins Jetzt eingebettet, weshalb eine Bibelturm-Anspielung nicht fehlen darf. Siegfried ist kein blonder Recke, sondern ein energiegeladener, hoch motivierter, etwas naiver Hipster mit türkischen Wurzeln (Nicolas Fethi Türksever), mal im Fell-Lendenschurz, mal im Lila-Rosa-Silber-Pullover zu Skinny Jeans (Kostüme: Sophie du Vinage) durch die Szenerie tollend und die auf Anhieb in ihn verliebte Kriemhild (Anika Baumann) plötzlich schüchtern anschmachtend. Auch als Drachentöter versprüht er nicht allzu viel Testosteron, wird der Kampf doch als niedliches Puppenspiel gezeigt: Wieder hat Jan-Christoph Gockel gemeinsam mit Michael Pietsch eine Spiel-im-Spiel-Situation erdacht. Der Puppenbauer aus St. Alban stellt den Schauspielern verblüffend ähnelnde Puppen, selbst geschnitzt aus Pfälzer Holz, als Doppelgänger zur Seite. Selbst ausgebildete Schauspieler und Ensemblemitglied seit 2014/15, tritt er dazu als Spielmann Volker (von Alzey) auf und dirigiert auch den mit seinem Nibelungenschatz quasi verschmolzenen Holzdrachen. Für den einfältig-gutmütigen König Gunther (Sebastian Brandes) lässt Volker in seinem „Imaginarium“, einer eigenen fahrbaren Bühne – „Hamlet“ wie Terry Gilliam lassen grüßen –, Teile der Nibelungen-Sage aufleben. Zwar darf dabei gekichert werden, doch gelingt es Jan-Christoph Gockel gerade in der ersten Hälfte gut, die Balance zwischen Spiel und Ernst zu halten – auch dank des starken Ensembles. Henner Momann ist kein Hagen, dem die Boshaftigkeit auf Anhieb anzusehen ist, er schmeichelt sich geschickt überall ein. Und Leoni Schulz ist eine wahrhaft respekteinflößende Brunhild. Doch vor allem sorgt die Inszenierung für Staunen und spricht alle Sinne an. Höhepunkt ist die Doppelhochzeit zwischen Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brunhild, choreografiert als tänzerisch-artistischer Reigen mit sich drehenden Motiven zur wunderbar stimmigen elektronischen Musik von Andreas Catjar, der stets auf der Bühne präsent ist und später gar als allen Intrigen widerstehender Etzel reüssiert – auf Schwedisch, seiner Muttersprache. Ebenfalls eine schlüssige Idee: Die Nornen werden von älteren Herren in Ganzkörpernacktkostümen als ältere Damen gespielt (Armin Dillenberger, Martin Herrmann, Johannes Schmidt). Keine hehre Heldensage wird hier also erzählt, und so geht die Inszenierung auch aus dem Theater heraus: Ein Vorspiel fängt draußen auch Passanten ein, inklusive kleinem Bildungsbürgerquiz: Wie heißt Siegfrieds Schwert? Excalibur ruft jemand, aber auch Nothung stimmt nicht. Wir sind ja bei Hebbel, nicht bei Wagner. Im zweiten Teil, zu Kriemhilds Rache, geht es gar aufs Dach: Per Live-Video verfolgen die Zuschauer das luftige Geschehen vor der Domkulisse, mit Kriemhilds anklagendem Gesicht in Großaufnahme. Die zweite Hälfte des Abends fällt danach zwar doch ein wenig zu derb aus, inklusive einem wüsten Kannibalismus unter den treu zu Siegfried-Mörder Hagen stehenden Brüdern. So erntet Jan-Christoph Gockel am Ende auch einige Buhs. Doch die Begeisterung für seine Demythisierung des Stoffs überwiegt. Termine Nächste Aufführungen. 2., 8., 13., 20. und 25. Mai, www.staatstheater.mainz.com

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