Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel Magische Töne für eine magische Nacht: Startenor Jonas Kaufmann im Rosengarten

Er ist und bleibt ein Strahlemann, zeigte sich in Mannheim aber auch sehr verletztlich: Jonas Kaufmann.
Er ist und bleibt ein Strahlemann, zeigte sich in Mannheim aber auch sehr verletztlich: Jonas Kaufmann.

Weit mehr als zwei Stunden Auszeit vom trist-grauen Alltag mit all seinen Krisen und Problemen. Das bescherte Startenor Jonas Kaufmann seinen Fans beim Konzert in Mannheim.

Der 56-jährige Münchner Tenor Jonas Kaufmann ist ja der absolute Weltstar der deutschen Klassikszene. Zugleich aber gibt es wohl auch keinen zweiten Sänger, der mit so vielen Klischees oder Etiketten versehen worden ist: Heldentenor ist darunter vielleicht noch die zutreffendste. Denn das tatsächlich ist Kaufmann, auch wenn er über ein viel weiter gefächertes Repertoire verfügt. Aber da wären dann eben auch noch Attribute wie Charmeur, Herzensbrecher, Strahlemann und dergleichen mehr. Bei seinem Auftritt in Mannheim war er eines vor allem nicht: Heldentenor. Denn mitgebracht hatte er die leichte Muse, die Operette, die vielleicht alles ist, aber eben nicht leicht – zu singen. Und er zeigte sich bei manchen Nummern gleichermaßen bedingungslos wie fast schon verletzlich.

„Magische Töne“ als Auftrag

„Magische Töne“, der Titel von seinem jüngsten Album, hat auch der Tournee ihren Namen gegeben, mit der Kaufmann nun zusammen mit der schwedischen Sopranistin Malin Byström und begleitet von der Philharmonie Baden-Baden unter der Leitung von Jochen Rieder im Mannheimer Rosengarten gastierte. Der Titel bezieht sich auf eine recht berühmte Tenorarie aus einer Oper, die es nur noch selten ins Repertoire der Theater schafft: die Arie des Assad aus Karl Goldmarks „Die Königin von Saba“, 1875 in Wien uraufgeführt.

Das mag jetzt vielleicht etwas naiv klingen, aber Kaufmann meint das ernst. Es geht ihm genau um das: um Magie. Um Verzauberung des Publikums. Um zweieinhalb Stunden, die aus dem tristen Alltag entführen sollen. Die Sorgen, Ängste und Kümmernisse werden dann gleichsam mit an der Garderobe abgegeben. Hier, im ausverkauften Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens, haben sie jedenfalls keinen Platz. Hier herrscht der Geist der Operette, genauer gesagt jener Operette aus deren sogenanntem „Silbernen Zeitalter“, das man ungefähr zwischen 1900 und 1940 ansetzen kann.

Kaufmann im Festspielhaus von Erl in Tirol. Er ist Intendant der dortigen Festspiele.
Kaufmann im Festspielhaus von Erl in Tirol. Er ist Intendant der dortigen Festspiele.

Kaufmann setzt ganz auf die österreichisch-ungarische Melodienseligkeit dieser Zeit, also vor allem auf Komponisten wie Franz Lehár und Emmerich Kálmán, singt Arien – wie auch Malin Byström, mit der Kaufmann auch einige Duette zelebriert – aus „Gräfin Mariza“, „Land des Lächelns“ oder „Der Zarewitsch“. Diese Musik könnte man böswillig als Weltflucht im Dreiviertel-Takt bezeichnen, schließlich schwofte man ja tatsächlich auf einem Pulverfass, das mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs so richtig in die Luft flog. Doch die größere Katastrophe sollte ja noch folgen. Aber Kaufmann nimmt die Operette in Schutz, nicht nur, indem er sich ihr bedingungslos hingibt, vielleicht sogar ausliefert. Man spürt seine Liebe zu dem Genre mit jedem Ton, den er singt. Etwas auf der Strecke bleibt für manche so vielleicht die frivole Leichtigkeit, die Ironie, welche diesen Werken eben auch immer mit eingeschrieben wurde. Aber Kaufmanns Ansatz entschädigt hier völlig, zumal er ja auch durchaus Temperament und Charme zeigt, gerade in den Duetten oder in seinen launigen Moderationen.

Der 56-jährige ist einer der wenigen absoluten deutschen Weltstars der Klassikszene.
Der 56-jährige ist einer der wenigen absoluten deutschen Weltstars der Klassikszene.

Besonders deutlich wird dies in Lehárs berühmtem „Wolgalied“ aus dem „Zarewitsch“. Eine Nummer, bei der Tenöre gerne zeigen, was sie so alles drauf haben, wie sie schmachten, aber eben auch strahlende Spitzentöne singen können. Kaufmann tut das nicht. Er blendet das für Operetten typische Happy End aus und ist ganz in dem Text, den er da gerade singt. Und der beginnt eben genau so: „Allein! wieder allein!/Einsam wie immer./Vorüber rauscht die Jugendzeit/In langer, banger Einsamkeit.“ Da kommt man dann eben mit Charmeur und Herzensbrecher nicht wirklich weit.

Kaufmann nimmt sich ganz zurück, singt zum Teil im Pianissimo, weicht ins Falsett aus, wo er doch schönste Spitzentöne schmettern könnte (über die er ja in Übermaß verfügen kann). Aber das er hat halt gar nicht mehr nötig. Wem auch sollte er noch etwas beweisen müssen? Und so wird aus dieser vermeintlichen Tenor-Bravourarie eine sehr nachdenklich stimmende Nummer, die dadurch umso intensiver wirkt. Dieser Ansatz, den Kaufmann nicht nur hier wählt, rechtfertigt auch den Einsatz von Mikrofonen. Nur so ist gewährleistet, dass sein leiser, inniger, zarter Gesang überall im Saal zu hören ist.

Kennste so nicht!

Vielleicht noch zwei Beispiele. „Komm, Zigány“ aus Kálmáns „Gräfin Mariza“. Kennste doch, oder? Kennste so nicht! Und auch hier rechtfertigt der Text Kaufmanns Interpretation. Die Situation mag voller Klischees sein, sie ist aber auch voller bittersüßer Melancholie, und die hört man bei ihm in jedem Augenblick mit. Der absolute Höhepunkt dann aber bei jener bereits erwähnten Arie „Magische Töne“ von Goldmark. Kaufmann bleibt quasi durchgängig in der Kopfstimme, riskiert dabei wirklich viel – und gewinnt alles. Das ist so ungeschützt wie sonst nur Liedgesang sein kann. Und das macht es dann eben auch zum Ereignis.

Aber natürlich kann er auch anders, auch dank des feurigen Temperaments seiner Bühnenpartnerin. Mit der zusammen macht er zum Beispiel aus dem Duett „Komm mit nach Varasdin“ aus Kálmáns „Gräfin Mariza“ eine mitreißende Nummer, die regelrecht grooved, so dass man seine Füße nicht stillhalten kann. Überhaupt scheint die wunderbare Sopranistin Malin Byström Kaufmanns Liebe zur Operette zu teilen. Und nach einigen Anlaufschwierigkeiten in der Ouvertüre zur „Mariza“ kommt auch die Philharmonie aus Baden-Baden unter Rieder auf Betriebstemperatur.

Sieben Zugaben

Die braucht es dann auch für eine sieben (!) Nummern umfassende Zugabenstrecke, bei der Rieder irgendwann sein Handy rausholt und sowohl das Publikum als auch die Beteiligten auf der Bühne filmt. Dort hüpft und tanzt Jonas Kaufmann wie wild zusammen mit Byström zu „Die Juliska, die Juliska aus Buda-, Budapest, die hat ein Herz aus Paprika“ aus Fred Raymonds „Maske in Blau“. Ein fulminantes Finale für einen grandiosen Abend. Magisch eben.

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