Wien Magier der Sachlichkeit: Wien feiert Rudolf Wacker

Nur auf den ersten Blick harmlos: Rudolf Wackers „Ilse mit Maske“, 1925 .
Nur auf den ersten Blick harmlos: Rudolf Wackers »Ilse mit Maske«, 1925 .

Es ist eine späte Rehabilitation: Aber wie die Wiener Schau zeigt, gehört der Bregenzer Maler Rudolf Wacker nun mal in die erste Reihe der österreichischen Kunst.

In der legendären „Neuen Sachlichkeit“-Schau 1925 in der Kunsthalle Mannheim war der Bregenzer Maler Rudolf Wacker zu seinem großen Bedauern nicht vertreten. In der jetzt laufenden Jubiläumsschau aber ist er dabei. Wichtiger noch: Im Wiener Leopold Museum läuft eine große Retrospektive. „Rudolf Wacker. Magie und Abgründe der Wirklichkeit“ heißt die nach 66 Jahren erste Retrospektive, die an den 1893 in eine gut situierte Bregenzer Unternehmerfamilie hineingeborenen und zeitlebens seiner Heimatstadt verbundenen Maler erinnert. Mit 249 Exponaten wird dabei Wackers Wandel vom frühen Expressionisten hin zum Vertreter einer spezifisch österreichischen Neuen Sachlichkeit mit großer magischer Komponente gezeigt.

Die Idylle, die keine ist

Von der Wiener Akademie abgewiesen, ging Rudolf Wacker 1911 nach Weimar, studierte bei Albin Egger-Lienz, im Ersten Weltkrieg verschlug es ihn 1915 an die russische Front, er geriet in Kriegsgefangenschaft. Fünf Jahre Sibirien folgten. Nach der Heimkehr zog es ihn nach Berlin, in die brodelnde Metropole. Für wenige Jahre dominiert der Expressionismus sein Schaffen. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wird sein Stil dann immer realistischer und seine Werke zeigen sich häufig symbolisch aufgeladen.

Selbstdarstellungen, Frauenakte und Malereien von Puppen, Kasperlfiguren, Pflanzen, Haushaltsgegenständen und Fundstücken, die er begierig sammelte, bestimmen Wackers Bilder und ziehen sich leitmotivisch durch sein jetzt mehr und mehr von neusachlicher Malweise gekennzeichnetes Werk. Später versucht er in Wien Fuß zu fassen, ab 1924 lebt und arbeitet er fast ausschließlich in Bregenz und der heimatlichen Bodenseeregion.

Wackers idyllisch wirkende Bilder seines Begrenzer Umfelds sowie seine Stillleben mit den unscheinbaren Objekten kommen auf den ersten Blick eher harmlos daher, haben es aber in sich. Altmeisterlich mit großer Könnerschaft und ungemein präziser Strichführung gemalt, erfasst und isoliert Wacker die Dinge des Alltags nicht selten vor schwarzem Grund und verleiht ihnen so einen eigenen Zauber.

So führen diese intimen Szenarien in den 1930er Jahren in eine immer abgeschlossenere Welt des Künstlers, der weitab von den Zentren des Kunstbetriebes – von den nationalsozialistischen Machthabern im letzten Jahr seines Lebens wegen seiner Kontakte zu kommunistischen Freunden und seiner Kunst misstrauisch beäugt, von der Gestapo verhört und aller offiziellen Funktionen enthoben. 1939 stirbt er.

Wacker, der Dissident

Als Widerständler schätzen ihn die Kuratorinnen der Schau, Marianne Hussl-Hörmann und Laura Feurle, nicht ein, aber als Dissident, der seine Kritik an den politischen Entwicklungen verschlüsselt zum Ausdruck brachte. Sinnbildlich dafür stehen unheimlicher werdende Bildmotive. Ramponierte Puppen, einsame Pflanzen, Kindergekritzel oder derangiertes Spielzeug in oft geordneten, aber trotzdem kargen Innenräumen werden zum Signum dieser späten Gemälde Wackers. So lässt sich aus den erschütternden Puppenbildnissen, die er mit zerborstenen Köpfen oder verrenkten Gliedmaßen ins Bild setzt, oder den verwelkten Blumenpflanzen und Kakteen immer auch der Zustand der Gesellschaft ablesen. Nicht nur am Nationalsozialismus, so die Kuratorinnen, habe sich Wacker gerieben, Darstellungen versehrter christlicher Skulpturen würden auch auf Kritik am Klerus hinweisen.

Rudolf Wacker war Mitglied der 1925 gegründeten länderübergreifenden Bodensee-Künstlervereinigung „Der Kreis“, Er stand auch mit Künstlern wie dem Speyerer Hans Purrmann in Verbindung, Jetzt rückt das Leopold Museum einen Maler ins grellere Licht, der oft im Schatten der großen Namen der österreichischen Kunst stand, Dabei zeigt sich: Als Künstler von internationalem Format gehört er in die vorderste Reihe.

Die Ausstellung

Rudolf Wacker. „Magie und Abgründe der Wirklichkeit“. Leopold Museum, Wien. Bis 16. Februar 2025. Katalog: 39,90 Euro. www.leopoldmuseum.org

Sinnbild der Gesellschaft: Rudolf Wackers „Schäfchen und Puppe“, 1934
Sinnbild der Gesellschaft: Rudolf Wackers »Schäfchen und Puppe«, 1934
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