Dresden
Magie zum Anfassen: Die Harry-Potter-Schau in Dresden
Schon vor dem Eingang des Erlwein Forum liegt ein Hauch von Hogwarts in der Luft. Kinder in schwarzen Umhängen zupfen aufgeregt an den Ärmeln ihrer Eltern, junge Erwachsene diskutieren darüber, welchem Haus sie wohl angehören – und selbst ältere Besucher lächeln erwartungsvoll. Auf sie wartet keine gewöhnliche Schau, sondern ein sorgfältig inszeniertes Eintauchen in die Welt von Harry Potter.
Drinnen beginnt die Reise nicht mit einer nüchternen Einführungstafel, sondern mit einem persönlichen Moment: Jeder Besucher erhält ein interaktives Armband und stellt sich gewissermaßen seiner eigenen Hogwarts-Aufnahmeprüfung. Hauswahl, Zauberstab, Patronus – die Entscheidungen werden digital gespeichert. Hier beginnt das Prinzip dieser Ausstellung: Sie will nicht nur zeigen, sondern einbeziehen. Als der eigene Name auf einer großen Projektion erscheint, fühlt man sich für einen Moment tatsächlich wie ein Erstklässler auf dem Weg in die Große Halle.
Alohomora – und die Tür öffnet sich
Doch zunächst einmal geht es nicht zur Einschulungsfeier sondern in einen Raum, an dessen Wände rundherum eine riesige Karte des Rumtreibers projiziert wird – jenes geheime Dokument von Hogwarts, das alle Personen, Geheimgänge und Bewegungen auf dem Schulgelände in Echtzeit anzeigt. Auch mein Name findet sich – dank dem interaktiven Armband – darauf. Ein Mitarbeiter gibt noch einmal letzte Instruktionen, erklärt, wie wir fortan mit den Bändern Punkte für unser Haus sammeln können und entlässt uns dann mit einem „Alohomora“ – dem Zauberspruch zum Öffnen von Türen – in die eigentliche Ausstellung.
Die führt zunächst vorbei an Porträts und Gemälden berühmter Zauberer. Wie in Hogwarts üblich bewegen sich einige der Gestalten in ihren Rahmen. Und auch die fette Dame, deren Porträt den Eingang zum Gemeinschaftssaal von Gryffindor verbirgt, zwinkert uns verstohlen zu. Es ist keine detailgetreue Filmkulisse, sondern eine atmosphärische Rekonstruktion. Und doch genügt sie, um sofort Erinnerungen zu wecken.
Ehrfurcht vor Dumbledores Gewand
In Glasvitrinen hängen Originalkostüme aus den Filmen: bestickte Umhänge, fein gearbeitete Knöpfe, Stoffe mit sichtbaren Gebrauchsspuren. Vor Dumbledores Gewand bleiben die Menschen stehen, sprechen leiser, fast ehrfürchtig. Plötzlich wird aus Fantasy Filmgeschichte – und aus Filmgeschichte Handwerk. Schautafeln erklären, wie Designer Farben bestimmten Häusern zuordneten, wie Stoffe altern gelassen wurden, damit sie „gelebt“ wirken.
Besonders eindrucksvoll ist die Mischung aus Museum und Erlebnisparcours. In Hagrids Hütte mit den übermannsgroßen Sesseln und Stühlen duftet es nach Holz, im Kräuterkunde-Bereich darf man eine kreischende Alraune „ziehen“. Immer wieder leuchten Displays auf, reagieren auf das Armband, addieren Zählerstände. Im Quidditch-Bereich können Besucher auf einem Besen reiten und Bälle durch die Torstangen werfen. Mit all diesen Aktionen werden Punkte für das eigene Haus gesammelt. Die Ausstellung lebt von diesem spielerischen Mitmachen – und davon, dass Generationen hier aufeinandertreffen.
Alles dient der Illusion
Ein paar Schritte weiter flackern grünliche Lichter über einem Tisch mit Zaubertränken. Glasbehälter gluckern, Nebelschwaden ziehen durch den Raum. An Bildschirmen kann sich der Besucher zwischen dem Brauen von Liebes-, Glücks- oder Vielsafttrank entscheiden. Hier ist nichts zufällig arrangiert: Licht, Sound, Geruch – alles dient der Illusion. Und doch bleibt die Ausstellung transparent genug, um zu zeigen, wie diese Illusion entsteht.
Zwischen Filmrequisiten finden sich auch Elemente aus der Theaterproduktion „Harry Potter und das verwunschene Kind“ wieder, die noch bis Ende Juli in Hamburg zu sehen ist. Bühnenkostüme und Skizzen zeigen, wie sich die magische Welt jenseits der Leinwand weiterentwickelt hat. Die von J.K. Rowling geschaffene Welt hat längst verschiedene Medien erobert: Buch, Film, Bühne. Die Ausstellung begreift sich als Schnittstelle all dieser Formen. Sie dokumentiert nicht nur, sie feiert.
Was beim Rundgang auffällt: Die Ausstellung setzt weniger auf reine Nostalgie als auf Atmosphäre. Soundeffekte, Projektionen und Lichtinstallationen erzeugen das Gefühl, selbst durch die Gänge von Hogwarts zu streifen. Gleichzeitig bleiben die Exponate museal präsentiert, mit Hintergrundinformationen zu Design, Dreh und künstlerischer Umsetzung.
Begehbares Erinnerungsalbum
Am Ende führt der Weg durch den obligatorischen Fanshop – voll mit Zauberstäben, Schals und Schokofröschen. Die Preise sind hoch, die Begehrlichkeiten ebenfalls. Manche zögern, andere greifen entschlossen zu. Doch selbst ohne Souvenir bleibt etwas zurück: das Gefühl, für zwei Stunden aus dem Alltag hinausgetreten zu sein. Ein Lächeln in den Gesichtern aller Alterssparten, das man eher von Freizeitparks als von Ausstellungen kennt. Vielleicht liegt genau darin auch die Stärke der Schau: Sie schafft es, für ein paar Stunden die Grenze zwischen Realität und Fantasie porös werden zu lassen. Nicht als bloße Kulisse, sondern als gemeinsames Erlebnis. Die Ausstellung in Dresden ist mehr als eine Ansammlung von Filmrequisiten. Sie ist eine liebevoll gestaltete Reise in eine Welt, die für viele längst Teil ihrer Kindheit – und für manche noch immer ein Stück Zuhause – geworden ist. Ein begehbares Erinnerungsalbum – eines, in dem sich Besucher selbst wiederfinden.