Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Müssen Museen jetzt auch noch kriegstüchtig sein, Herr Egle?

„Museen haben mit Wahrnehmung zu tun. Und über die Wahrnehmung kann ich zur Selbstwahrnehmung kommen. Und das ist ja letztlich d
»Museen haben mit Wahrnehmung zu tun. Und über die Wahrnehmung kann ich zur Selbstwahrnehmung kommen. Und das ist ja letztlich das Ziel, das wir verfolgen«: Steffen Egle..

Steffen Egle ist Vorstandsvorsitzender des Museumsverbands Rheinland-Pfalz. Markus Clauer hat sich mit ihm über freien Eintritt, Yoga und die Zukunft unterhalten.

Herr Egle, die wArtehalle in Welchenhausen in der Eifel, ein umfunktioniertes Bushäuschen, ist das wohl kleinste Museum in Rheinland-Pfalz. Das Historische Museum in Speyer zählt zu den größten. Als Vorsitzender des Museumsverbands vertreten Sie beide. Was verbindet sie?
Sie gehören beide zur kulturellen Identität einer Region. In beiden Häusern geht es darum, Historisches zu bewahren und für die Nachwelt zugänglich zu machen. Es sind Orte von Relevanz in ihrer jeweiligen Region, an denen Gesellschaft zusammenkommt und sich in historischer und kultureller Hinsicht selbst vergewissert. So verstehe ich das jedenfalls.

Große Ansprüche. Dabei gelten Museen oft als elitär.
Im Gegenteil, als Museen sind wir demokratische, neutrale Orte, wenn ich es mal so formulieren darf. Und insofern glaube ich, dass wir eine sehr wichtige Rolle spielen in der polarisierten Gesellschaft. Im Museum findet wirkliche Aushandlung statt, Gesellschaftsprozesse werden sichtbar und unterschiedliche Communities werden zusammengeführt.

Klingt gut, aber in der Realität trifft man in Museen wahrscheinlich andere Menschen als auf dem Fußballplatz oder in der Verschwörungstheoretikerblase im Internet. Die Studienrätin eher als den Oberstufenschüler.
Sie haben insofern recht, als wir immer wieder neu darüber nachdenken müssen, wie wir neue Besucherschichten auch für das Museum begeistern können. Und das hängt aus meiner Sicht einerseits mit den Angeboten zusammen, die wir machen – und andererseits mit der Haltung, wie wir den Menschen begegnen. Für eine Haltung der Offenheit und des Willkommens stehe ich ja auch mit dem Museum, dem ich vorstehe, dem Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern. Da versuchen wir exemplarisch, immer wieder neue Gruppen direkt anzusprechen. Und ich denke, dass auch die Träger das inzwischen sehr stark erkannt haben. Denen geht es um Relevanz. Sie müssen über Finanzierungen nachdenken. Und es ist natürlich einfacher, ein Haus zu finanzieren, das eine Breitenwirksamkeit hat, als ein Haus für die „Happy Few“.

Das heißt, zugespitzt gefragt: Soll das Museum jetzt vom Musentempel zum Yoga-Retreat und zur Party-Location für junge Leute werden?
Da muss man einfach mal schauen. So gut wie jedes Thema lässt sich in einer Art und Weise aufbereiten, dass es etwa auch jungen Menschen Spaß macht. Was diese aus meiner Sicht „catcht“, ist das aktive Tun, das Mitmachen, die Selbstwirksamkeit. Im Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern hatten wir kürzlich eine immersive Multimediainstallation, entwickelt von Studierenden der Hochschule Kaiserslautern, in der man durch Gestensteuerung und Bewegung das optische und akustische Ergebnis beeinflussen konnte: Das wollten wirklich alle – noch nicht einmal altersabhängig – ausprobieren.

Wie wäre es, mit freiem Eintritt anzufangen?
Wenn ich sehe, was Familien bereit sind, fürs Kino oder für Freizeitparks auszugeben, bin ich mir nicht sicher, ob der Eintritt allein entscheidend ist. Es geht schon auch – da müssen wir uns ehrlich machen – um die Attraktivität der Angebote. Aber ja, für manche sind auch moderate Eintrittsgelder eine Hürde: Sie gilt es im Blick zu haben. Und ja, wenn mal die Schallmauer von 15 Euro durchbrochen ist, dann wird das Eintrittsgeld zur Barriere. Andererseits gibt es viele kleine, regionale Museen, da ist der Eintritt bereits jetzt kostenlos und es wird nur um Spenden gebeten.

Ein Thema, das Sie stark in den Blick nehmen wollen, ist die Provenienzforschung. Dabei geht es insbesondere um während der Nazizeit verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut, vor allem aus jüdischem Besitz. Warum ist das gerade jetzt wichtig?
Man hätte sich schon viel früher des Themas annehmen müssen. Bei einer Umfrage im Vorfeld des vom Museumsverband organisierten Modellprojekts, bei dem unter anderen Museen auch das Frankenthaler Erkenbert-Museum und das Stadtmuseum in Bad Dürkheim beteiligt waren, haben wir festgestellt: Über 80 Prozent der befragten Museen in Rheinland-Pfalz hatten mit dem Thema Provenienzforschung noch nichts zu tun.

Was ist bei dem Projekt herausgekommen?
Zumindest hat es gezeigt, wie schnell man Ergebnisse generieren kann, wenn man dem Thema Aufmerksamkeit und Ressourcen widmet. Und wie interessant und berührend die Themen sind, auf die man stößt, beispielsweise in Bad Dürkheim, das eine sehr ambivalente Geschichte mit dem Nationalsozialismus hat. So gut wie alle Kommunen haben Deportationsgeschichten, natürlich in größerem Umfang dort, wo es wie in Bad Dürkheim größere jüdische Communities gab.

Geredet wird aber immer nur über die spektakulären Fälle wie die Rückgabe von Max Liebermanns „Blumenstauden im Wannseegarten“ aus der Münchner Pinakothek der Moderne an die Erben des jüdischen Sammlers Albert Oppenheimer?
Das hat natürlich damit zu tun, dass sie einerseits in den Museen feste Plätze haben – und manchmal auch große Marktwerte. Sie haben zudem den Vorteil, dass ihre Herkunftsgeschichte leichter nachvollzogen werden kann. Bei einzelnen Haushaltsgegenständen oder einer Büchersammlung ist das oft nicht der Fall. Aber auch diese können theoretisch aus einer jüdischen Sammlung stammen und im Kontext einer Deportation oder einer Exilgeschichte ihren Besitzer gewechselt haben. Da ist es unter Umständen ungemein schwieriger, das rückzuführen. Aber oft geht es auch lediglich darum, die Tatsache ins Auge zu nehmen, dass sie über diese Geschichte überhaupt ins Museum gekommen sind. Und es ist zum Beispiel in Bad Dürkheim besonders gut gelungen, weil die Dokumentation so gut ist.

Im Museum Pfalzgalerie, in dem Sie Direktor sind, wird gerade die Rückgabe von Max Slevogts „Selbstbildnis mit weißer Schleife“ (1907) an die Erben des von den Nazis verfolgten marxistischen Schriftstellers Eduard Fuchs verhandelt. Wie weit sind die Verhandlungen?
Der Bezirkstag Pfalz hat in diesem Fall schon im vergangenen Jahr die Restitution des Gemäldes beschlossen. Aktuell sind wir mit den Erben in guten und vertrauensvollen Gesprächen in Bezug auf einen Rückkauf des Selbstbildnis. Über die Ergebnisse werden wir zur gegebener Zeit informieren.

Die Politik hat den Umgang mit Verdachtsfällen reformiert. Inzwischen lässt sich ein Schiedsgericht bei strittigen Fällen auch einseitig von der Opferseite aus anrufen.
Die Politik hat erkannt, wie schleppend in den Museen die einzelnen Fälle voranschreiten, und hat eine neue Schiedsgerichtsbarkeit etabliert. Die Tatsache, dass das durch die Schiedsgerichtsbarkeit jetzt verstärkt Claims (Rückforderungen) auf Museen zukommen können, erfordert, dass man dann in den Häusern schnell reagieren kann. Und das ist aus meiner Sicht nur möglich in dem Moment, in dem man eine Ressourcen, ein Netzwerk, in welcher Form auch immer hat – etwa eine Beratung, wie sie der Museumsverband gerne anbieten würde.

Heißt das, Sie werden beim Museumsverband eine eigene Stelle dafür einrichten?
Zumindest war es eine Motivation, mich im und für den Museumsverband zu engagieren, um dieses Thema voranzubringen. Im Bezirksverband Pfalz jedenfalls sind wir über unsere eigenen Maßnahmen zur Provenienzforschung ein ganz großes Stück weitergekommen und haben eine weitere Förderung über das Magdeburger Zentrum für Kulturgutverluste bekommen. Den allermeisten Beteiligten ist aber klar, dass wir Dauerstrukturen schaffen müssen.

Trotz der Fortschritte, die Sie beschreiben, gibt es weiterhin Kritik. Warum gibt es in Deutschland kein Restitutionsgesetz wie in Österreich?
Die Frage kann ich nicht beantworten. Das sind einfach Interessenslagen an ganz unterschiedlichen Stellen. Aber ich stimme zu, dass mutmaßlich erst ein solches Gesetz dazu führen wird, dass etwa auch private Sammlungen sich diesem Thema stellen. Das ist auch mit dem neuen Schiedsgericht nicht gelöst.

Anderes Thema: In England und der Schweiz kann man mit einem ärztlichen Rezept ins Museum gehen. Warum nicht bei uns? Die Heilkraft von Kultur gilt laut einer Metastudie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als erwiesen.
Es ist doch so: Die Menschen meditieren, wenn sie in mental angespannten Situationen sind. Oder machen Yoga. Dass das Museum ein Ort sein kann, der genau das auch leistet – dieses Bewusstsein ist oft nicht vorhanden. Dabei ist das Thema zwingend mit Museen konnotiert. Allerdings hat auch das damit zu tun, wie wir uns als Museum präsentieren ...

Die Haltung, von der Sie vorhin schon sprachen?
… als Orte nämlich, an denen Menschen zusammenkommen, an denen sie einen Ort der Gemeinschaft erleben – also Stichwort Einsamkeit. Im Angelsächsischen hängt dieses Konzept „Kultur auf Rezept“ ganz stark mit dem Thema zusammen. Und da können wir als Museen Angebote machen, die Gemeinschaft stiften, in der man gemeinsam Dinge unternimmt. Wir können der Raum sein, der einen Anlass dazu bietet, tatsächlich über sich nachzudenken. Ich bin da sehr offen.

Also halten Sie bald Sprechstunden im Museum ab?
Eine Sprechstunde würde ja sozusagen die Heilerlaubnis voraussetzen. Ob wir die haben und ob wir das anstreben sollten, das weiß ich nicht. Aber wir können uns Menschen ins Haus holen, die tatsächlich an dieser Schnittstelle arbeiten, die eine Sensibilität für Kunst und zugleich eine Expertise haben. Museen haben mit Wahrnehmung zu tun. Und über die Wahrnehmung kann ich zur Selbstwahrnehmung kommen. Und das ist ja letztlich das Ziel, das wir verfolgen.

Und was kann der Museumsverband dafür tun?
Einerseits beraten. Andererseits, glaube ich, hätte ein Haus mit entsprechendem Projektantrag sicherlich gute Chancen, als innovatives Projekt wahrgenommen und gefördert zu werden. Projektfördermittel stehen jedes Jahr in nicht unerheblichem Umfang zur Verfügung.

Ein anderes Großthema ist mit der Flutkatastrophe im Ahrtal und der prekären Weltlage aufgeploppt. Wie sicher sind die Museumsbestände im Notfall?
Die Aufbewahrungsbedingungen in den Museen und die Notfallplanung sind tatsächlich ein Thema, das wir sehr stark priorisieren. Der konkrete Anlass der Flutkatastrophe im Ahrtal hat dabei im Denken viel bewirkt. Und im Nachgang ist das im Bewusstsein gewachsen. Jetzt müssen wir schauen, was es braucht, um voranzukommen.

Und wie wollen Sie das anstellen?
Das Land hat zum Beispiel ein Kulturgutkataster vorangetrieben. Da war der Museumsverband sehr stark involviert. Dabei ging es darum, überhaupt einmal Standorte von national bedeutsamem Kulturgut zu erfassen. Und jetzt gilt es, in der Notfallplanung auch zu überlegen, was in entsprechenden Verbünden passieren muss, wenn es zu einem Klimaereignis kommt oder zu anderen Szenarien. Ich würde schon sagen, dass das auch mit Blick auf die Weltlage wichtig ist. Das haben wir uns vor zehn Jahren vielleicht so noch nicht vorgestellt. In Bezug auf Krankenhäuser und ihre Ausstattung für den Notfall ist das Thema gerade breit diskutiert worden. Aber diese Frage müssen wir uns in den Häusern tatsächlich auch stellen – zuallererst in der Beratung.

Sie sprechen von Kriegstüchtigkeit?
Also das ist ein Begriff, der in die politische Diskussion eingeführt worden ist. Ich würde es allgemeiner formulieren. Es geht um die Fähigkeit, dass wir uns auch in Museen auf Krisenszenarien, egal welcher Art, einstellen können – das sollten wir tun. Museen werden sehr stark über ihre Ausstellungsaktivität und ihre Vermittlungsaktivität wahrgenommen. Das ist das, was sie nach vorne hin attraktiv macht. Aber die zeitintensive Arbeit im Hintergrund ist generell genauso wichtig, um Museen zukunftsfähig auszustatten. Ein Augenmerk darauf zu legen, dass inventarisiert wird und dass die Depots so ausgestattet sind, dass Kulturgut wirklich bewahrt wird und hier nicht große Probleme entstehen, die im Zweifel teurer sind oder im Worst Case dazu führen, dass wir Kulturgut verlieren – das sind schon wichtige Themen.

Wenn man Ihnen so zuhört, steht viel Arbeit an. Viele der von Ihnen vertretenen Museen profitieren vom Ehrenamt und werden ehrenamtlich getragen. Kein Problem?
Tatsächlich wird das zunehmend eine Herausforderung werden. Auf jeden Fall. Die Menschen, vor allem die jungen Menschen, committen sich immer weniger gerne dauerhaft. Sie versuchen mehr, ihre Selbstständigkeit und Flexibilität zu wahren. Dieses dauerhafte Engagement, das es braucht, und dieses langfristige Engagement werden weniger, in der Tat. Und das wird zu Herausforderungen führen. Auch der demografische Wandel ist einfach ein Problem. Die Leute werden älter. Das mag manchmal vielleicht sogar nicht schlecht sein ist erstmal eine gute Nachricht, weil viele ältere Leute sich ehrenamtlich engagieren und die Zeit haben, sich einzubringen. Aber nach hinten raus wird es weniger – schon in der mittleren Perspektive – steht uns ein demokrafischer Wandel bevor.

Hat das Museum trotzdem Zukunft?
Auf jeden Fall. Das belegen die Zahlen – sowohl bundesweit als auch in Rheinland-Pfalz. Der Trend ist gut. Die Anzahl der Besucher wächst. Sie hat sich auch nach Corona gut erholt und gegenüber 1982 annähernd verdoppelt. Und das ist für mich entscheidend: Wie werden Museen angenommen? Werden sie von der Gesellschaft als wichtige Orte akzeptiert? Und da sehe ich im Moment keinerlei Grund zur Sorge, was die Idee des Museums anbelangt.

Zur Person

Steffen Egle, Jahrgang 1975, in Illertissen (Bayern) geboren, Studium in Freiburg, Glasgow, Basel und Heidelberg. Stationen in Paris und New Haven (USA). In der Stuttgarter Staatsgalerie verantwortlich für die Kunstvermittlung. Seit 2022 Direktor des Museums Pfalzgalerie in Kaiserslautern. Seit 1. Januar Vorstandsvorsitzender des Museumsverbands Rheinland-Pfalz.

Zur Sache

Der Museumsverband Rheinland-Pfalz ist die landesweite Anlaufstelle für die rund 500 nichtstaatlichen Museen, Initiativen und Träger. Er bietet Museumsberatung bis hin zu individueller Beratung vor Ort an, veranstaltet Fortbildungen und Workshops. Schwerpunkt ist die Professionalisierung kleinerer Museen. Zukunftsthemen wie die Digitalisierung stehen dabei im Fokus. Institutionell gefördert wird der Museumsverband vom Land Rheinland-Pfalz, dessen Kulturministerium er berät.

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