Bildhauersymposium im Schweinstal
Lohn der Mühen: Fünf Skulpturen entstehen in vier Wochen
Das Hämmern, Flexen und Bohren wird nun bald ein Ende haben. Morgen setzt die Finissage im Steinbruch Picard im Schweinstal den Schlusspunkt hinter das 13. Internationale Bildhauersymposium des Vereins Skulpturen Rheinland-Pfalz. Eigentlich ist es ja nun schon die 14. Ausgabe, merkt Jürgen Picard an, Seniorchef des Natursteinwerks und bis vor wenigen Monaten Vorstand des Vereins. Eine Ausgabe fand anno 1990 allerdings auf Lanzarote statt. Sie wird gerne „übersehen“, blieben doch die seinerzeit entstandenen vier Kunstwerke auf der Kanarischen Insel.
Wie auch immer, laufen bereits jetzt die zeitlichen Planungen zur nächsten Ausgabe der Traditionsreihe, die seit 1986 stattfindet und dem Skulpturenweg des Landes inklusive der neuen fünf Arbeiten stolze 87 Werke in Nord-, West- und Südpfalz bescherte. Das kommende Symposium soll möglichst bereits Ende dieses Jahres ausgeschrieben werden, gibt der neue Vereinschef Christopher Naumann als ambitioniertes Ziel vor. Im kommenden Sommer sollen die Teilnehmer ausgewählt werden, die dann ein Jahr später, also 2025, in die Westpfalz anreisen. Schon während des Symposiums ist also vor dem Symposium für den promovierten Kunsthistoriker, der nach seinem Studium in der Landeshauptstadt lange Jahre im Umfeld der Mainzer Galerie und Stiftung van der Koelen wirkte und seit Februar hauptberuflich als Kulturamtsleiter in Flörsheim am Main arbeitet. Bereits die laufende Ausgabe der Symposiumsreihe lässt eine eigene Handschrift erkennen.
Vernetzung ist Trumpf
So setzt Naumann, typisch für die Generation jüngerer Kulturmacher, ganz auf Vernetzung. Das betraf zunächst die Pfalzgalerie Kaiserslautern, in der nicht nur erstmals die Vernissage zum Bildhauersymposium stattfand. Auch hat der neue Museumsleiter Steffen Egle, seit einem guten Jahr im Amt, dem Verein und seinen Künstlern einen eigenen Raum im zweiten Obergeschoss zur Verfügung gestellt, in dem sie sich mit ihren Anliegen und Kleinskulpturen begleitend zum Symposium präsentieren können. Eine Zusammenarbeit, die Naumann in den kommenden Jahren auch im Hinblick auf den Museumsträger, den Bezirksverband Pfalz, gerne vertiefen möchte. Eine zweite Kooperation begann Naumann mit der RPTU. In einem Seminar erarbeitete er mit Studenten unter anderem Texte zu den Künstlern, die in einem Katalog erscheinen sollen.
Für das Publikum hieß es diesmal an neuen Terminen (samstags nachmittags statt sonntags morgens) anzureisen in den Steinbruch, und das nicht nur, um die Symposiumshalbzeit zu begehen, sondern neuerdings auch, um die Finissage mitzuerleben. Konnten die Skulpturen in den Vorjahren bereits an ihren Standorten begutachtet werden, so warten sie nun noch im Steinbruch auf die Finissagengäste. Was dem Publikum die Fahrerei durch die Westpfalz erspart, bringt den Künstlern ein Plus an Arbeitstagen, können sie doch bis zuletzt an ihren Werken feilen. Ein Vorteil, der sich gerade in diesem Jahr bezahlt machte.
Regengüsse und Sturzbäche
Bis auf den Mazedonier Aleksandar Eftimovski, der seine vier Meter hohe Stahlplastik in Form eines überdimensionalen Bohrers in den Werkshallen der Firma Picard im Tal fertigte, waren die Bildhauerkollegen weiter oben im Steinbruch voll der Witterung ausgesetzt. Und diese bestand in der ersten Symposiumshalbzeit vorrangig aus Regen. Geschützt nur von notdürftigen, selbstgebastelten Unterständen, arbeiteten Markus Sauermann aus Guntersblum, der Wahl-Münchner und gebürtige Birkenfelder (Nahe) Christian Hinz, die in Darmstadt geborene und in Berlin lebende Birgit Cauer sowie der Niederländer Chris Peterson zunächst unter erschwerten Bedingungen.
Zeitweise fegten heftige Regengüsse beinahe horizontal über das weitläufige Areal, durchzogen kleine Bäche das Steinbruchgelände. Wohl dem, der Regenbekleidung im Gepäck hatte – etwa Peterson mit seinem schweren Seemannsölzeug – oder schlichtweg die Nässe ignorierte wie der Rheinhesse Sauermann, der im übrigen als einziger der Mannschaft schon eine Woche vor dem offiziellen Startschuss seine Arbeit begann. Der Grund: Fast ausschließlich bedient sich Sauermann der alten Steinmetztechniken. Hammer, Meißel und Krönel sind bei ihm Trumpf, nur im Notfall setzt er mal eine Flex ein.
Durch das langsame, quasi meditative Bearbeiten fühlt sich der Bildhauer in vierter Generation nach eigenen Angaben langsam in den Stein, in die entstehende Form hinein. Aus zwei einander gegenüberstehenden Stelen, die wie so oft in Sauermanns Werk an abstrahierte Figuren erinnern, besteht seine Skulptur „Ost-West“. Thematisch dreht sie sich um eine Art Dialog und eine als schmerzlich empfundene Spaltung der Menschheit, eben jene in Ost und West.
Eine ganz ähnlich empathische Herangehensweise an ihren rund zehn Tonnen schweren und eineinhalb auf zwei auf drei Meter großen Stein zeichnet Birgit Cauer aus. Als Privileg, wie sie es nannte, hatte sie mit Mathilde Joseph, zukünftige Elevin der Lauterer Meisterschule, eine tatkräftige Assistentin zur Seite. Und so gelang ihr Vorstoß weit in den Stein hinein, den sie im Übrigen mehr als gleichwertiges Gegenüber denn als reines Material betrachtet. Tief drinnen in ihrem Quader lockt nun eine lauschige Liege für zwei Personen zum Verweilen. Den Stein erfühlen, mit dem Material eine Verbindung aufnehmen zu können, ist eines ihrer Hauptanliegen. Während der Mann im Ölzeug, Chris Petersen, eine ganz andere Wahrnehmung mit seiner begehbaren Skulptur verbindet.
Es geht um die Freiheit
Im Inneren seines häuschenartigen Quaders könne der Besucher die Begrenzung von Freiheit erfahren, beim Heraustreten folglich eine Entgrenzung. Und noch eine Grenze spricht der landestypisch entspannte Niederländer mit seiner Arbeit „Vogelvrij“ an: In Blindenschrift hat er den Titel der Arbeit auf eine Seite seiner Skulptur aufgebracht. Die Begrenzung der Sinne ist so neben der Bedeutung der Sprache Thema seiner Skulptur. Als Denkanstoß will er seine Arbeit verstanden wissen, ob sie dem Betrachter gefalle, sei zweitrangig. Hauptsache, er oder sie entwickle eine Haltung zu seiner Skulptur.
Um die Erfahrung von Freiheit und Weite geht es auch Christian Hinz. Durchschreitet man seinen zweiteiligen „Friedensengel“ von hinten, weitet sich der Horizont. Gleichzeitig möchte man sich in die ergonomischen Halbschalen fallen lassen, die die Vorderfront prägen und die Hinz augenzwinkernd als „Andockstation“ für Friedensengel bezeichnet.
Grenzen überschreiten
Entstanden sind am Ende fünf höchst unterschiedliche Arbeiten, die sich alle um das Thema Freiheit, Schutz und die Erfahrung von Innen- und Außenraum ranken. Sie eint weiter die Botschaft einer tief empfundenen Menschlichkeit, die gerade in unseren von Krisen und Kriegswirren geprägten Tagen enorme Bedeutung erhält. Die Skulpturen lösen also den Symposiumstitel „Frieden und Demokratie“ voll und ganz ein. Und das noch Monate vor dem Ukraine-Krieg formulierte Motto erlangt ungeahnte Aktualität.
Grenzen überschreiten im positiven Sinne will der Verein mit den Standorten der Skulpturen. Und so hat es Vereinschef Naumann diesmal gleich mit vier Landräten zu tun: dem Donnersberger Rainer Guth, auf dessen Gemarkung Birgit Cauers Arbeit ihren Platz finden wird (Dörrmoschel), dem Kuseler Otto Rubly, auf dessen Gebiet die Skulptur von Markus Sauermann stehen soll (an der Wasserburg Reipoltskirchen), dem Kaiserslauterer Ralf Leßmeister, auf dessen Gemarkung Christian Hinz’ Arbeit installiert wird (bei Rodenbach) sowie der Landrätin der Südwestpfalz, Susanne Ganster, auf deren Gebiet Chris Petersons Werk installiert werden soll (Schmalenberg). Fünfter im Bunde ist ZAK-Chef Jan Deubig; der Kreisel nördlich Kaiserslauterns zwischen der A 6 und der A 63, wo Aleksandar Eftimovskis hochaufragende Stahlskulptur die Blicke der Autofahrer auf sich ziehen wird, gehört zum Zuständigkeitsbereich seines Abfallwirtschaftsbetriebs. Letztendlich also fünf starke Kunstpositionen an fünf prominenten geografischen Positionen. Aufwand und Mühen des Symposiums haben sich wieder einmal gelohnt.
Termin
Finissage mit den Künstlern am Samstag, 26. August, 15 Uhr, im Steinbruch Picard im Schweinstal (Abzweigung B270 zwischen Kaiserslautern und Schopp); die begleitende Pfalzgalerie-Ausstellung zum Symposium läuft bis 27. August und ist mittwochs bis sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen.