Theater
Live aus dem „Sterberaum“: Eine Installation von Kunststar Gregor Schneider in Darmstadt
Gregor Schneider, morbider Typ, schon auch: ja. Ein Künstler, weltberühmt. Sein erster Ferienjob: Sargträger in einem Bestattungsunternehmen. Er fand es damals „sehr intim“. „Ich habe das mit Erfolg gemacht“, sagte er einmal gut gelaunt dazu, „durfte vorneweg“. Dabei ist es geblieben, beim Sujet Tod in der Gegenwartskunst.
„Totes Haus Ur“ heißt sein Hauptwerk. Er hat dafür sein Elternhaus umgebaut. Es steht in Reydt, Mönchengladbach. Schneider, Jahrgang 1969, zog neue Wände ein, ließ angeranzte Tapeten hängen, legte dunkle Ecken frei, versetzte das Interieur durch diskret angebrachte Motoren in gespenstische Vibrationen. Manche Zimmer wirkten wie Tatorte, die kurz zuvor verlassen worden waren. In anderen schien pure Tristesse zurückgeblieben.
2001 war ein Teil der psychopathischen Immobilie im deutschen Pavillon bei der Venedig-Biennale installiert. Schneider bekam dafür den Hauptpreis, den Goldenen Löwen. Sich darin zu bewegen und zu kriechen sogar, war eine verstörende Erfahrung. Eine innere Reise auch. Der scheue Künstler war fortan und zu Recht ein Star, gleichwohl gilt er als leicht verschroben. Er kaufte etwa das Geburtshaus von Joseph Goebbels, das gegenüber von seinem „Haus Ur“ in Reydt stand. Er zog ein, durchkämmte jeden Winkel nach „Flöhen“ der Erinnerung; barg Utensilien, schlug den Putz ab, riss Dielen ein. Dann verfrachtete er alles im LKW und fuhr es nach Warschau, Ghetto-nah.
Er reinstallierte einen grellweißen Verhörraum nach Fotos aus dem Gefangenenlager Guantánamo. Er legte sich in eine Kiste mit frisch gegossenem Beton und entkam im letztmöglichen Moment. Manche Vorhaben indes gingen auch daneben. Zum Beispiel ließ man es aus Furcht vor Terror nicht zu, als er in Venedig eine Nachbildung der Kaaba in Mekka aufstellen wollte.
Einen echten Karriereknick indes verursachte 2008 Schneiders bloße Ankündigung, einen Menschen, der eines natürlichen Todes stirbt oder gerade gestorben ist, in einem „Sterberaum“ im Museum „ausstellen“ zu wollen. Groß war die Empörung. Die Reaktionen verheerend. Er bekam Todesdrohungen. Jetzt ist das finale Kunstwerk im Staatstheater Darmstadt auf der leeren Bühne vor einem leeren Zuschauerraum aufgebaut.
Warmes Licht fällt durch große Fenster. Der Hintergrund der theatralen Kunstaktion ist selbstredend die Pandemie. Seit gestern Abend wird live aus dem geschlossenen Staatstheater übertragen. Aber keine Angst, niemand stirbt. Stattdessen sollen mit der Light-Version Fragen aufleben, wie es in einem Schreiben heißt.
„Wie gedenken wir der Corona-Toten? Wie denken wir an unsere Sterblichkeit? Wird der Tod verdrängt?“ So in dem Dreh. „Wir haben uns gefragt“, lässt sich Intendant Karsten Wiegand zitieren, „ob es einen Raum geben kann, der hilft, diesen zugleich sehr persönlichen und gesellschaftlichen Fragen konzentriert nachzuspüren.“ Aus dem Sterbe- ist ein Denkraum geworden. Schön und gut. Für den Künstler indes scheint die Ursprungsidee vom musealen Live-Ableben offensichtlich immer noch nicht passé. Es selbst zu tun, er hätte nichts dagegen, sagte er vor einiger Zeit in einem Interview. Klingt jetzt extrem makaber: Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.