Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Literatur vorturnen: Wettbewerb um den Bachmann-Preis gestartet

Necati Öziri, Hausautor des Nationaltheaters Mannheim in der Saison 2020/21. Und jetzt in Klagenfurt.
Necati Öziri, Hausautor des Nationaltheaters Mannheim in der Saison 2020/21. Und jetzt in Klagenfurt.

In Klagenfurt hat der Wettbewerb um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis begonnen. Unter anderem mit einem „Mannheimer“. Aber ohne Publikum. 3sat überträgt die Tage der deutschsprachigen Literatur, bei der eine Jury zuvor gelesene Texte beurteilt, live.

Vielleicht am coolsten kommt Necati Öziri rüber. Der Hausautor des Nationaltheaters Mannheim. Wie er so durch Kreuzberg läuft, Jogginghosen an. Einbiegt in den berühmten „Kotti-Schwenk“ und meint, man müsse immer „genau dosieren, wie viel Kreuzberg und wie viel Adorno man den Leuten gibt“.

„Keine Ersatzspieler“

Andere springen auf dem Trampolin, schwimmen, laufen, turnen: Der sportliche Zugang zur Literatur ist dieses Mal ein Trend in den Video-Selbstporträts bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Das prestigeträchtige Wettlesen um den Bachmannpreis, das bisher als eine Art Sommerfrische des Literaturbetriebs galt, geht zum zweiten Mal hintereinander als Geisterspiel über die Bühne. Ohne Publikum. Nur Moderator Christian Ankowitsch und die Jury, angeführt von Insa Wilke, der künstlerischen Leiterin des Mannheimer Literaturfestivals „lesen.hören“, sind im ORF-Studio vor Ort. 3sat überträgt live. Die 14 Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz präsentieren ihre Texte in aufgezeichneten Videos und werden erst bei den Jury-Diskussionen zugeschaltet.

„Bei Fußballmannschaften gibt es Ersatzspieler. Wir haben keine Ersatzspieler“, erklärt Organisator Horst Ebner. Schon ein einziger Corona-Fall hätte die Veranstaltung gefährden können, sagt er. Nach der Eröffnungsrede des ehemaligen Juryvorsitzenden Hubert Winkels am Mittwochabend, bei der es um sein Metier ging, die Literaturkritik, hat die prestigeträchtige Veranstaltung gestern mit den ersten Lesungen begonnen. Der 1988 in Berlin geborene Necati war als Dritter dran.

Ein fulminantes Lesen

Der Theaterautor las – fulminant - einen Text, in dem ein Todkranker, Arda Murat, seinen Vater adressiert, den er nicht kennt. Er hat die Familie verlassen, bevor Arda geboren wurde. Wurde Revolutionär, womöglich hat er Menschen erschossen. So viel Arda weiß, saß er 18 Jahre im Gefängnis, gemeldet hat er sich nie mehr. Vea Kaiser, selbst Schriftstellerin und neu in der Jury, war sehr begeistert. Sehr gerührt. Sie sah eine passiv aggressive Verzweiflung am Werk. Juror Michael Wiederstein hatte eine verzweifelte Verfluchung gelesen, mit perfekter Dramaturgie, der „gelungenen“. Man merke die „Wucht“ des Textes wie ein „Hammerwerk“, sagte Wiederstein in der Diskussion. Heißt: Necati Öziri setzte ein erstes Ausrufezeichen. Vielleicht gewinnt er sogar einen der fünf Preise, die vergeben werden.

Neun Autorinnen bewerben sich, fünf Autoren. Fünf Lesende stammen aus Deutschland. Neben Necati, auch die jüngste Teilnehmerin, Dana Wowinkel, 1996 geboren. Die Berlinerin Anna Prizkau, mit ihrem Debütroman „Fast ein neues Leben“ hervorgetreten, der das Leben einer Einwandererfamilie in Deutschland beschreibt, ist mit favorisiert. Außerdem ist die Autorin und Musikwissenschaftlerin Nadine Schneider dabei. Und Leander Steinkopf aus Seeheim-Jugenheim, 1985 geboren. In seinem Video sagt er, dass er gerne im Park turnt. Der Schweizer Lukas Maisel derweil meint zwischen zwei Bissen in eine Leberkässemmel: „Schreiben ist wie Würstel essen. Du solltest nie mehr abbeißen, als du kauen kannst.“

Termine

Die Tage der deutschsprachigen Literatur laufen bis Samstag. Preisverleihung ist Sonntag. 3sat überträgt live. Einen Livestream, Videos der Lesungen und der Jurydiskussion und zahlreiche Infos gibt es auch unter www.bachmannpreis.orf.at

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