Kunst
„Life“: Kunstweltstar Ólafur Eliasson hat die Baseler Fondation Beyeler geflutet
Neongrünes Wasser flutet das elegante Gebäude, dessen bodentiefe Glasfront an der Stirnseite entfernt worden ist. Menschen laufen auf Stegen durch einen Teil der Ausstellungssäle. Vorbei an leeren weißen Wänden. Wie eine imposante Seebühne liegt das Museum da. Es ist, von draußen, vom Park aus betrachtet, als laufe ein Stück ohne Worte. Menschen mit gezücktem Smartphone. Eine Frau mit blauen Haaren und rosafarbenen Anziehsachen verbiegt sich im Dienst von Instagram. Die Willenlosen kneippen, ungestört von Aufsichtspersonal. Im mit Uranin, einem fluoreszierenden Natriumsalz, eingefärbten Wasser treiben Zwergseerosen, Muschelblumen, Wasserfarne elegisch vor sich hin.
Nachts, wenn die Fledermäuse kommen
Von draußen also Kunsttheater. Drinnen Wasserwelt. Die Architektur rahmt den Blick auf die Freilichtbühne außerhalb. Auf die Bewegtbilder davon, wie Beobachter Beobachter beobachten. Auf picknickende. Picknicker. Leute gehen beschwingt und wandeln in Gedanken. Abstandschoreografien sind im Gang. Licht fällt. Schatten malen schwarze Bilder aufs Grün. Die Ausstellung, die vielleicht auch eine Vorschau darstellt – auf einen Tag danach, die posthumane Zukunft – ist 24 Stunden geöffnet, täglich. Sie steht „allen Lebewesen – Menschen, Tieren, Pflanzen – offen“. Nachts, wenn die Fledermäuse, Vögel, Insekten, die Füchse, wer weiß, das Terrain übernehmen, bestrahlt UV-Licht die Szenerie, die dann aussieht wie von Buñuel gedreht. Kameras übertragen das „Life“-Geschehen live aus der Froschperspektive und so, als würde eine Eule von einem Baum aus darauf schauen, oder ein Vogel im Vorbeiflug. Ein Hund mit Körperkamera soll angeblich die Installation durchstreifen und ein fellnahes Kunsterlebnis senden. Auf der Netzseite der Fondation sagt der Künstler sinngemäß dazu, die Menschen sollen sich mal nicht so wichtig nehmen.
Naturphänomen Kitsch
Wie auch? Außer Homo sapiens, heißt es, seien 100 Millionen Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen auch noch auf der Welt. In der Baseler Installation tropft es, und wallt, feuchtet und riecht es, mikroorganisches Leben schwillt unsichtbar an. Natur und Kultur seien untrennbar verbunden, erklärt Ólafur Eliasson in seinem Film zur Ausstellung, während ihn eine Wärmekamera bunt verpixelt. Rastlos reist der in Berlin und Kopenhagen lebende Großunternehmer in Sachen Kunst seit Anfang der 1990er-Jahre um die Welt, die Menschheit erkenntnisfördernd staunen zu lassen.
Eliassons Kunst besteht meist darin, poetische, sinnliche Verbindungslinien zu den Betrachtenden zu ziehen, dabei ähneln seine Werke teils wissenschaftlichen Experimenten. Manche meinen auch: Sie gleichen Kitsch, der unter zu Zuhilfenahme von Naturphänomenen entstanden ist. Sein Prinzip Überwältigung. Faszination durch Schönheit. Das Atelier des 54-Jährigen wirkt wie eine Wissensfabrik. Er beschäftigt Kunsthandwerker, Techniker, Architekten, Archivare, Administratoren, die am besseren Dasein laborieren, Köche sogar, die ein eigenes Kochbuch herausgegeben haben.
Alle gehen übers Wasser
Weltberühmt seine Aktion in der Londoner Tate Modern, in der er eine künstliche Sonne aufscheinen ließ. In Wien zog gelber Nebel auf von seinen Gnaden. In Wolfsburg schickte Eliasson Besucherinnen und Besucher durch einen von Lavendelduft erfüllten Tunnel. Er ließ künstliche Wasserfälle in den East River, New York, schießen. Einmal brachte er ein Stück des Vatnajökull-Gletschers aus Island ins MoMa PS1, um auf die globale Erderwärmung hinzuweisen. In seiner von Bundesaußenminister Heiko Maas aus Anlass der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in Auftrag gegebenen App „Earth Speakr“ kommt ein Nutella-Glas mit Kinderstimme zu Wort. Und natürlich lässt sich derlei dann, je nachdem als große, sinnstiftende Kunst feiern. Und als prätentiös-esoterischer Kunstquatsch mit Wissenschaftssoße verunglimpfen. Dann ist es „Schwurbelprosa“, wenn Eliasson doziert, in seiner Baseler „Life“-Installation werde Wasser „explizit“. Denn was ist es dann, wenn morgens beim Duschen die Heizung ausfällt?
Eliasson selbst indes will in Basel keine allzu großen Vorgaben machen, wie er sein Werk gerne betrachtet hätte. Kein Katalog erhellt die tieferen Gründe des Kunstsees im Museum. An der Wand kein Text. Keine Führungen. Alle müssen selbst sehen, was ihnen dazu einfällt, wenn sie über grünes Wasser gehen. Die Frage, wann das Schwimmbad endlich wieder öffnet. Der Regenwald stirbt. Ist die Seerose echt? Sind das Kisten, die im Wasser stehen? Hingen hier nicht letztens die Hopper-Bilder, und Wim Wenders stand davor mit einem Anzug, der ihm viel zu groß war? Halt doch das Smartphone nicht so hoch. Das Selfie kannst du gleich wieder löschen. Mann, komm mir bloß nicht zu nah. Hat Ólafur Eliasson recht? Um was ging’s noch mal in Handkes „Die Stunde der wahren Empfindung“? Ist das Hannah dort? Alles recht. Auch wenn nur der blöde, tolle Gedanke durchs Hirn suppt: Ach, wie schön.
Infos
Als Ausstellungsdauer ist Juli angegeben. Tag und Nacht geöffnet. Im Netz: fondationbeyeler.de