Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Landgang: Das Dorf als literarische Metropole, eine Deutschlandreise

Die Provinz als literarische Hauptstadt: Kall in der Eifel, sein Wohnort ist auch der Schauplatz der Romane des vielfach ausgeze
Die Provinz als literarische Hauptstadt: Kall in der Eifel, sein Wohnort ist auch der Schauplatz der Romane des vielfach ausgezeichneten Autors Norbert Scheuer.

Insbesondere seit die Pandemie tobt, entfaltet die Provinz offensichtlich einen neuen Sog. In der deutschsprachigen Literatur ist dieser schon allgegenwärtig. Statt Berlin- boomen Dorfromane wie der von Christoph Peters. Warum? Eine literarische Deutschlandreise.

Zum Beispiel der „Dorfroman“ von Christoph Peters. Eines der besten Bücher dieses Jahres, auch wenn es nicht mal auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis steht. Eine nachhallende Liebesgeschichte und bundesrepublikanische Herkunfts-, Zeit- und Mentalitäts-Geschichtsschreibung in einem. Darin kommt ein Städter heim in sein ehemals stockkatholisches Heimatkaff am Niederrhein. Zu Besuch aus Berlin, er ist vor 30 Jahren mehr oder weniger vor der sozialen Stickluft dort geflüchtet. Aber jetzt überlegt er ernsthaft zu bleiben. Sein Vater ist schon ziemlich taperig. Um die 80. Seine Kinder sind alle aus dem Haus. Weit weg wie der Erzähler. Eine quasi natürliche Generationenfolge droht, zu reißen. Wie ein rosafarbener Elefant steht die Frage im Raum, ob er seine Eltern durch Wiedereinzug vor einem traurigen Altenteil bewahren soll. Er hängt an seiner Herkunft. Und er fragt sich, was eigentlich ihn fortdrängt hat. In seinem alten Kinderzimmer sitzt der Erzähler und kramt in Erinnerungen. Ein sehr gegenwärtiger Held.

Zurück aufs Land, heim in die Heimat, die Anwandlung befällt jedenfalls in letzter Zeit viele genervte Großstadtbewohner, beschleunigt noch von der Pandemie. Die Mieten, die Hektik, der Stress, kein Abstand, kein Garten. Der urbane Raum ist unwirtlich geworden, die Clubs zu. Das Virus hat ihn zusätzlich entwertet. Dazu haben Soziologen, Stadtplaner, Geografen einen Wandel im Verhältnis der Menschen zur ländlichen Idylle ausgemacht. Positiv natürlich, angefixt durch den unwahrscheinlichen Erfolg etwa von Heile-Welt-Zeitschriften wie „Landlust“, die die titelgebende Stimmung weiter anfixen. Kein Wunder also, dass die Immobilienpreise im Umland steigen. Bei der Kulturproduktion indes ist die Provinz seit einiger Zeit schon das neue große Ding. Als Handlungsort, anders als die Großstadt überschaubares Feld, um tiefere Einblicke in das deutsche Gemüt zu gewinnen, Sehnsuchtsraum sogar – und sei es für etwas, das verloren scheint. Die Dorfherkunft, plötzlich mutiert sie zum erzählerisch verwertbaren Migrationshintergrund.

„25 km/h“, heißt ein Film, in dem zwei ungleiche Brüder – der eine reist aus Singapur zur Beerdigung des Vaters an – von ihrem Heimatort Löchingen im Schwarzwald aus eine Deutschlandreise durchs platte Land antreten. „Dark“, die international erfolgreiche deutsche Netflix-Serie, spielt in einer fiktiven Kleinstadt namens Winden und wurde unter anderem in einem Waldgebiet bei Kallinchen bei Zossen, Brandenburg, im Nuthetal in Sacrow und in Kladow gedreht. Aus der deutschsprachigen Literatur aber sind Landstriche wie diese, die man allerhöchstens durch Erwähnung auf einem Autobahnabfahrtsschild kennt, mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Angefangen mit Stephan Thomes 2009 erschienenen Roman „Grenzgang“, der im Oberhessischen siedelt. Und nicht wegen des boomenden, auf gut Deutsch so genannten „Nature writing“.

Unter Leuten in Ostfriesland

Juli Zehs Bestseller „Unterleuten“ zum Beispiel spielt in Brandenburg. Dörte Hansens Debüt „Altes Land“, das den Niedergang eines imaginären Dorfes vor den Toren von Hamburg literarisiert, war 2015 der meistverkaufte deutschsprachige Roman. Der oben schon erwähnte Christoph Peters derweil erzählt stark autobiografisch gefärbt in Etappen vom Aufwachsen in einem Ort, der in seinem Buch Hülkendonck genannt wird.

In realiter handelt es sich um Hönnepel, ein paar Hundert Einwohner. Ein Dorf bei Kalkar, in dem Peters aufgewachsen ist. In Sichtweite des als größtes Atomkraftwerk der Welt geplanten Schnellen Brüters, der nie ans Netz ging und mittlerweile als Freizeitpark dient. In Hönnepel/Hülkendonck war einmal das Zentrum der AKW- und Anti-AKW-Bewegung, bevor der Flecken wieder in der Versenkung verschwand.

Aber auch die Wetterau, in der die autobiografischen Romane (zuletzt „Die Familie“) des aktuellen Deidesheimer Turmschreibers Andreas Maier spielen, gilt nicht unbedingt als Nabel der Welt. Dito das mittelhessische Staufenberg, dem Ort seiner Kindheit hat der große Peter Kurzeck ein Denkmal gesetzt. Jan Brandt, der unter anderem in London studiert hat, kehrt in seinen Werken mit Vorliebe in seine ostfriesische Heimat zurück.

Gerade Brandt ist eine Art Spezialist für die Peripherie. In den sozialen Medien sieht man ihn gerade in Cloppenburg und Co posieren, wo er als „Literarischer Landgang“-Stipendiat des Literaturhauses Oldenburg unterwegs ist. Norbert Scheuer dagegen bewegt sich schon ewig auf dem Schauplatz seiner gefeierten Eifel-Epen. So glaubt man als Scheuer-Leser/in Kall und seine Bewohner/innen zu kennen, ohne je dort gewesen zu sein. Eine Gemeinde im Kreis Euskirchen, zu der 23 Mini-Orte wie Dottel, Rüth und Steinfelderheistert gehören. Oder Wallenthalerhöhe mit 23 Einwohnern.

Die Stadtflucht als Heilquelle

Norbert Scheuer wohnt nebenan in Keldenich und ist – auch zu Recherchezwecken, wie in seinen Büchern zu lesen ist – Stammgast im Supermarkt-Café. Sehr erfolgreich. „Winterbienen“, sein jüngster Roman jedenfalls stand 2019 im Finale für den Deutschen Buchpreis. Ein Jahrgang übrigens, der prädestiniert ist als Beleg für die These, dass man in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gerade stadtflüchtig ist.

Gewonnen hat damals Saša Stanišic mit einem Werk, in dem er sich auf seine Wurzeln in einem Bergdorf im westlichsten Zipfel Bosniens besinnt. „Herkunft“, der Titel, könnte aber auch über Bov Bjergs Roman „Serpentinen“ stehen, der dieses Mal als Mitfavorit für die Auszeichnung des Börsenvereins des deutschen Buchhandels gilt (siehe untenstehenden Bericht). Ein Vater reist mit seinem Sohn in das Hügelland seiner Kindheit, die Schwäbische Alb, um – sinnbildlich – noch einmal alle Kurven zu nehmen, die sein Leben bestimmt haben. Um seine Dämonen zu bekämpfen. Er ist der Nachfahre einer Selbstmörder-Dynastie. „Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt.“ Wie ein Damoklesschwert hängt die Wendung über der Szenerie, dass gleich ein erweiterter Suizid stattfinden könnte. Sein Wegzug in die Großstadt jedenfalls hat den Antihelden nicht erlöst. Kann ihm die Rückkehr helfen?

Auffällig oft scheint wie bei Bov Bjerg – ein Künstlername, eigentlich heißt der Autor Rolf Böttcher, gebürtig in Heiningen - in der Literatur jetzt das Heilende der Provinz auf. Als Möglichkeit. Manchmal, wie etwa bei Jens Wonnebergers „Mission Pflaumenbaum“, wird auch nur die verbittert-wütende Landbevölkerung analysiert. Bei aller Liebe. Der Blick bleibt zwiespältig.

Berlin ist überall

Oft reisen die „Held/innen“ aus der Hauptstadt Berlin an, aus der Stadt, die insbesondere nach der Wende eine lange Zeit lang die Romanproduktion bestimmt hat. Sie sind dann auf der Suche nach dem Land, das es nicht mehr gibt. Erschöpft träumen sie von stressfreier Waldeinsamkeit und einem eigenen Gemüsegarten. Nur um dann festzustellen, dass auch die Dorfbewohner ihr Obst im Supermarkt auf der grünen Wiese kaufen.

Auch im „Dorfroman“ von Christoph Peters beklagt der Held schon bei der Anreise, dass die Bauern in Hülkendonck ihre Kühe nicht mehr selbst melken. Und dass seine dagebliebene Cousine eine alte Scheune abgerissen hat, findet er unmöglich. Für ihn war sie Inbegriff des Landstrichs. Für sie stand sie nur auf einem Bauplatz, den sie für ihr Eigenheim gebraucht hat. Heißt: Seinem sehnsuchtsvoll nostalgischen Blick kann ihr Pragmatismus nicht standhalten. Auch zu einer Rückkehr in seine Herkunftswelt, an der er doch so hängt, kann er sich letztendlich dann doch nicht entschließen. Mit schlechtem Gewissen immerhin geht’s zurück nach Berlin.

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