Alltag
Läuft fürs Spazierengehen: Über eine Bewegung des Moments
Plötzlich erscheinen „Liebesbriefe an das Spazierengehen“ in der „Vogue“. Bei Spotify gibt es eigene Liederlisten dafür. Statt in Clubs, Kneipen, den Biergarten, das Stadion, wird Gassi gegangen. Man sieht sich selbst, was soll’s, sowieso als alter weißer Mann verschrien, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen durch die sinnentleerte Zeichenwelt der Stadt tapern. Biedermeierlich. Offenen Auges. „Kinematografischer Effekt“ nennt der Leipziger Promenadologe Bertram Weishaar die Perspektive, die sich beim Spazieren einstellt. Ein filmisches Schweifen. Das Umherpromenieren war schon immer der Moment, in sich zu gehen und über sich hinaus zu denken.
Wo bin ich hier?
Spazieren, das Wort stammt aus dem Italienischen „spaziare“, sich räumlich ausdehnen. Aufrecht gehen, heißt das nicht, einer Idealform der menschlichen Spezies nahekommen? Und was sagt uns, dass es im Grunde keine weibliche Form des Flaneurs gibt, diesem Inbild des ziellosen Erkenntnisgewinns? Wer bin ich? Will ich sein? Wo bin ich hier? Das sind so Fragen, die sich ergeben, wenn man gedankenverloren einen Fuß vor den anderen setzt. Das heißt, im Fall, dass man sich – geht das nicht viel besser beim Gehen! – dabei inspiriert unterhält.
„Wer sich im urbanen Raum bewegt, liest die Stadt und schreibt sie gleichzeitig mit“, ein Satz des französischen Jesuiten, Soziologen, Historikers und Kulturphilosophen Michel de Certeau. Also mal sehen, was jetzt ansteht?
Werdende oder schon im Endstadium befindliche Paare sind zu sehen, Hand in Hand, oder aneinander abgewandt. Kinder lachen und weinen. Jungs haben sich verirrt und zeigen sich was auf dem Smartphone. Im Kopfkino bei einem selbst läuft, ob überhaupt und wie man wohl wirkt in deren Film. Der Blick fällt auf die leeren Versprechungen, die an den Häuserfassaden stehen.
Auf Kinowerbung für nichts. Den blanken Theateraushang, verblasste Plakate von Konzerten, Lesungen, Brautmodenmessen, die nie stattgefunden haben oder abgesagt worden sind. Die leere Litfaßsäule ist ein Insigne, ein Zeichen, des Lockdowns wie kaum eins sonst. Jetzt ist auch der von sonstigen Gewohnheiten unabgelenkte Moment, in dem einem noch krasser auffällt, wie unwirtlich der öffentliche Raum zugerichtet worden ist.
Europäische Städte wurden ja ursprünglich für Fußelnde erfunden. Und nun? Die schreiende Ungerechtigkeit des Autogerechten. Die den Weg kreuzenden Fahrradstreifen. Überall Ampeln. Die Innenstadt, eine privatisierte Konsummeile, untauglich, wenn die Geschäfte und Cafés geschlossen sind. Oder öd halt. Grün? Zu wenig. Sitzgelegenheiten? Kaum. Aufenthaltsqualitäten? He? Und wer durchs Dorf läuft, der wird gewahr, wie sehr sich doch auch dieser Umraum von der Fußläufigkeit wegbewegt, die in den Städten mit dem Modell der 15-Minuten-Quartiere gerade wiederhergestellt werden soll.
Gibt es das eigentlich noch, den Spaziergangsstopp am Gartenzaun, um einen Schwatz zu halten? Prozessiert man sonntags noch feierlich zum Gottesdienst? Gehen ist ja, abhängig von den Anlässen und Notwendigkeiten, nicht gleich gehen. Wer je – wie der Autor – gesehen hat, wie eine indische Großfamilie durch eine pfälzische Gemeinde spaziert, aufgebrezelt, das Familienhaupt vorneweg, freundlich grüßend, wird es so schnell nicht vergessen. Es wirkt, als sei’s der wahre Luxus, einfach so die Welt zu durchschreiten. Warum das vielleicht tatsächlich so ist, versucht das heute und morgen laufende, digitale Symposium der metropolregionalen Biennale der aktuellen Fotografie zu ergründen.
„About Walking“ heißt die Veranstaltung, bei dem die hiesige Biennale mit dem indischen Chennai Photo Biennale kooperiert. Warum gerade diese Institution, wird mit einer Analogie erklärt. Wie der Spaziergang sei auch die Fotografie ein Mittel, um die Umwelt bewusster wahrzunehmen.
Dringlich unterwegs
Dabei treten Künstler wie Siddharth Agarwal auf, der 6000 Kilometer durch Indien gewandert ist, um die Klimaschäden in seinem Land zu dokumentieren. Stadtplaner sprechen, Städte werden über ihre Geschichte(n) erkundet, virtuelle Wanderungen unternommen. Ein Ziel dabei, erklärt die mitverantwortliche Biennale-Mitarbeiterin Marie-Kathrin Blanck am Telefon, sei es den „transkulturellen Hintergrund“ des Gehens zu beleuchten. Heißt auch, der sozialen Unterschiede gewahr zu werden. Die Dringlichkeit ist auch beim Unterwegssein entscheidend.
Für uns zum Beispiel mag es ja momentan vielleicht gerade ganz nett sein, loszulaufen, sich zu bewegen, herumzuspazieren. Eine Abwechslung für den Moment. Für hunderte Millionen anderer Menschen ist die Fortbewegung per pedes, insbesondere, wenn der öffentliche Verkehr ausfällt, die einzige Möglichkeit, um von A nach B zu gelangen. Gehen, für uns ein Spaziergang. Für indische Wanderarbeiter dagegen ein Leben lang existenziell.