Reportage RHEINPFALZ Plus Artikel Kurzreise nach Bethlehem: Krippenkunst in der Pfalz

Heilige Familie in der Wurzelgrotte: Kernszene der Osterrieder-Krippe in der Landauer Marienkirche.
Heilige Familie in der Wurzelgrotte: Kernszene der Osterrieder-Krippe in der Landauer Marienkirche.

Landau, Speyer, Bornheim: Das sind die Stationen dieser Weihnachtsgeschichte. Einer ihrer Protagonisten ist der „Krippenwastl“. Aber auch Batman und Harley Quinn treten auf.

Es ist der 15. Dezember. Das Klima im pfälzischen Bethlehem ist trocken. Und so wirbeln Noah und Sofia ordentlich Staub auf, als sie Maria und Josef das Quartier in der Wurzelgrotte zuweisen. „Das ist nicht schlimm. Der Staub legt sich gleich wieder“, beruhigt Gemeindereferent Artur Kessler die beiden Kinder, die ihm dieses Jahr dabei helfen dürfen, die Weihnachtskrippe in der Landauer Marienkirche einzurichten.

Dabei hantieren Sofia und Noah mit waschechten Antiquitäten. Die Krippenfiguren der Marienkirche haben bereits mehr als 100 Jahre auf dem Buckel: 1921 wurden sie von Sebastian Osterrieder (1864-1932) gefertigt, einem Münchner Bildhauer, der sich auf Weihnachtskrippen für Kirchen spezialisiert hatte, was ihm den bayerischen Uznamen „Krippenwastl“ einbrachte.

Krippen für Papst und Kaiser

Schon als kleiner Junge soll Osterrieder Krippenfiguren geknetet haben – aus dem Brotteig seines Vaters, der Bäcker war. Später, nach seinem Studium an der Münchner Kunstakademie und einer Begegnung mit neapolitanischer Krippenkunst, entwickelte Osterrieder ein spezielles Hartgussverfahren, das ihm erlaubte, seine Figuren in einem gewissen Maß seriell zu produzieren. Dazu wurde eine Hohlform, in die der „Krippenwastl“ zuvor ein Drahtgerüst einpasste, mit einem Gemisch aus Gips, Champagnerkreide und Hasenleim ausgegossen.

„So liegt das Jesuskind besser“: Noah und Sofia richten die Krippe in der Marienkirche ein.
»So liegt das Jesuskind besser«: Noah und Sofia richten die Krippe in der Marienkirche ein.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erfreuten sich Osterrieders Krippen großer Beliebtheit. Tout le monde bestellte bei dem Münchner plastische Vergegenwärtigungen der Geburt Jesu. Kaiser Wilhelm II., Papst Pius X., Prinzregent Luitpold und Konrad Adenauer gehörten zu des „Krippenwastls“ Kunden. Ebenso wie einige Pfälzer Pfarreien. Die Kirchen St. Ulrich in Deidesheim, St. Peter in Hettenleidelheim und St. Maria Himmelfahrt in Herxheim besitzen Osterrieder-Krippen, auch die Schlosskirche in Blieskastel. Und eben die zwischen 1907 und 1911 in einem Mix aus Neoromanik, Neofrühgotik und ein paar Jugendstil-Details errichtete Marienkirche in Landau.

Drama der Anbetung

Während Kessler, Noah und Sofia das Miniatur-Betlehem in der Apsis eines Seitenschiffs Stück für Stück bevölkern, bleibt Zeit, einige der Figuren, die Mitte der 90er-Jahre durch Hermann Frübis fachmännisch restauriert wurden, genauer zu betrachten. Auffällig ist die starke Bewegtheit der Gestalten. Viele bestechen durch expressive Gesten. Die Gewänder zeigen einen quasi-barocken dynamischen Faltenwurf. Diesen erzielte Osterrieder, indem er seine Akteure in richtige Stoffe kleidete, die er dann in Leim tränkte und modellierte.

Sakralkunst vom „Krippenwastl“: Osterrieders Krippenfiguren bestechen durch dramatische Körpersprache.
Sakralkunst vom »Krippenwastl«: Osterrieders Krippenfiguren bestechen durch dramatische Körpersprache.

Einer der Landauer Hirten wirft sich vor dem Wunder im Stall besonders dramatisch in den Staub. Das gibt Noah zu denken: „Gehört das wirklich so? Tut ihm das nicht weh?“, will der Junge wissen. „Du kannst ihn ja auf etwas trockenes Moos legen“, regt Artur Kessler an. Gesagt, getan – schon ist der pathetisch vor der Geburtsgrotte kauernde Hartguss-Held weicher gebettet.

Am Ende begutachten Kessler und die beiden Kinder ihr Werk. Die schlanken Wasserträgerinnen am Brunnen werden nochmals ein wenig umgruppiert, Moospolster hier und da ergänzt. Schließlich muss noch der weißfiligrane, an transparenten Nylonschnüren schwebende Verkündigungsengel justiert werden. Dann ist das Bethlehem-Diorama fertig. Durch die ausdrucksstarken Figuren des „Krippenwastls“ wirkt es fast wie eine im Moment eingefrorene Theaterszene. Schnell werden noch die Glasscheiben vor der Krippenlandschaft geputzt, dann aber sorgfältig mit Vorhangstoffen verhängt. Erst an Heiligabend wird die Krippe enthüllt.

Zwei Tonnen Sand für Jesus

Am nächsten Tag im Dom zu Speyer. Hier wird noch intensiv an Bethlehems Landschaft gefeilt. „Insgesamt verbauen wir zwei Tonnen Sand in der Domkrippe“, erklärt Markus Belz. Er ist seit 35 Jahren Sakristan am Speyerer Dom und zusammen mit seinem Kollegen Michael Flörchinger und einigen ehrenamtlichen Helfern auch zuständig für die Schaffung der Krippe, die schon allein durch ihre Dimensionen Ausnahmestatus besitzt und alljährlich ab Weihnachten viel Publikum in den Dom lockt.

Aufbau der Domkrippe in Speyer: Eine Landschaft mit echten Pflanzen entsteht.
Aufbau der Domkrippe in Speyer: Eine Landschaft mit echten Pflanzen entsteht.

Der massive Einsatz von feuchtem Sand ermöglicht es, die Krippenlandschaft mit echten, lebenden Pflanzen zu gestalten. Das trägt wesentlich zur Attraktivität der Domkrippe bei. Man sieht Olivenbäume, kleine Palmen, Cycas, Rosmarin und Zwergversionen schlanker Mittelmeerzypressen. Lauter Gewächse, die zur Levante passen. Im Hintergrund sind bereits die pittoresk ruinösen, orientalisch anmutenden Kulissen aufgebaut, die Bethlehem vorstellen sollen. Dazu die Geburtshöhle, die seit 2018 den eher alpenländisch angehauchten Fachwerkstall ersetzt, in dem die Heilige Familie des Doms zuvor untergebracht war.

Als nächstes soll nun ein kleiner Bachlauf entstehen, der richtiges Wasser führt. Das funktioniere wie beim Gartenteich über eine Umwälzpumpe, erläutert Markus Belz. Wobei das Wasser in der Krippenlandschaft symbolische Bedeutung habe. Es stehe für die Taufe und damit für das ewige Leben.

Speyers heimlicher Star

Und wann ziehen die Figuren in die Krippenlandschaft ein? „Erst in der Nacht vor Heiligabend“, da ist der Küster strikt. „Sobald am 23. Dezember der Dom schließt, holen wir die Figuren nacheinander aus der Sakristei und platzieren sie in der Krippe. Das ähnelt fast einer Prozession“, fügt er schmunzelnd hinzu. Und dann lässt sich Belz doch noch erweichen, den heimlichen Star der Speyerer Domkrippe schon jetzt vorzuführen. Es ist: ein kleiner Elefant. „Der ist der Hit bei den Kindern“, betont der Domsakristan stolz. Das kann man verstehen. Denn der junge Dickhäuter, der einen ausgewachsenen Artgenossen mit menschlichem Lenker ergänzt, ist frappierend naturalistisch und lebensnah gestaltet. Der Südtiroler Holzbildhauer Filip Piccolruaz hat ihn in den späten 1990er-Jahren geschnitzt.

Ein Blickfang der Domkrippe: der kleine Elefant des Südtiroler Bildhauers Filip Piccolruaz.
Ein Blickfang der Domkrippe: der kleine Elefant des Südtiroler Bildhauers Filip Piccolruaz.

Damit gehört der Elefant zu den jüngsten Ergänzungen der Domkrippe. Deren figürlicher Kernbestand ist älter. Die Heilige Familie, der Verkündigungsengel oder auch die Heiligen Drei Könige, die immer erst am 6. Januar Einzug in die Krippenlandschaft halten, datieren aus dem Jahr 1924. Geschaffen hat sie der bayerische Bildhauer Otto Zehentbauer, der sich sein Kunststudium in München finanzierte, indem er dem 16 Jahre älteren Sebastian Osterrieder zur Hand ging. So schließt sich der Kreis zur Krippe in der Landauer Marienkirche.

Speyers Bethlehem-Panorama 2018. Dieses Jahr sind die Pflanzen anders verteilt. Und es wird einen Bachlauf geben.
Speyers Bethlehem-Panorama 2018. Dieses Jahr sind die Pflanzen anders verteilt. Und es wird einen Bachlauf geben.

Störche in Bethlehem

Ochs und Esel im Stall, jede Menge Schafe, dazu Kamele und Elefanten – die Geburt Jesu scheint ikonographisch traditionell mit einer ganzen Menagerie verbunden zu sein. In Bornheim gehören auch Störche zum Krippenzoo. Gemeinhin kennt man das Dorf in der Südpfalz als Sitz des Rheinland-Pfälzischen Storchenzentrums. Doch vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag mutiert Bornheim zum Krippendorf. Was zumindest auf symbolischer Ebene eine gewisse Logik hat. Denn wie wir alle wissen, ist’s ja der Storch, der die Kinder bringt.

Das Christkind trifft Meister Adebar: Storchenkrippe.
Das Christkind trifft Meister Adebar: Storchenkrippe.

Auf unserer vorweihnachtlichen Expedition durch die pfälzische Krippenlandschaft bildet Bornheim deshalb die dritte und letzte Station. Am vierten Advent streifen wir durchs Krippendorf und mit uns viele Familien, ebenfalls auf der Suche nach den 100 Weihnachtskrippen, die sich über die Ortschaft verteilen.

Eine der größten ist vor der Katholischen Kirche neben dem Wachthäusel aufgebaut. Der Stall wird, wie könnte es in Bornheim anders sein, von einem Storchennest bekrönt.

Stille Nacht mit Batman

Von hier aus lassen wir uns treiben, finden entlang der Straßen große und kleine Krippen. Manche nehmen den ganzen Vorgarten ein, andere sind als Guckkasten an die Gartenmauer montiert. Wir entdecken eine Schwarzlicht-Krippe, die wie Hinterglasmalerei leuchtet, eine Heilige Familie im Weinfass, die in farblich wechselndem Discolicht pulsiert, und ein Szenario aus Wollgeschöpfen, das gleichzeitig eine Spieluhr ist: „Stille Nacht, heilige Nacht“ ertönt, wenn man an einem Strang zieht.

Poppige Parodie einer Krippe: Harley Quinn und Batman als Maria und Josef.
Poppige Parodie einer Krippe: Harley Quinn und Batman als Maria und Josef.

Für allgemeine Erheiterung sorgt eine Pop-Art-Krippe, die alles nutzt, was an Spielzeug und Actionfiguren greifbar war: Harley Quinn und Batman ersetzen Maria und Josef, eine Einhorn-Herde die Schafe, Disneys Eiskönigin Elsa fungiert als Verkündigungsengel, zwei Mandalorians und ein Sturmtruppler aus dem „Star Wars“-Kosmos mimen die Heiligen Drei Könige, und hinter einem Tannenbaum lugt Olaf hervor, der lustige Zeichentrick-Schneemann mit dem fatalen Sonnenstich. Was für eine verrückte Krippenparodie!

Nachdem wir knapp 40 Bornheimer Vorgarten-Krippen „abgehakt“ haben, sind wir durchgefroren. Also zurück zum Wachthäusel, wo ein lokaler Verein Glühwein ausschenkt. „Klää oder im Schoppe?“, holt uns dort eine willkommen pragmatische Frage auf den weltlichen Boden pfälzischer Gebräuche zurück.

Im Krippendorf Bornheim: Olaf und die drei „Star Wars“-Könige.
Im Krippendorf Bornheim: Olaf und die drei »Star Wars«-Könige.

Weihnachtskrippen

Osterrieder-Krippe in der Marienkirche Landau: ab Heiligabend bis 2. Februar. Veränderung des Szenarios zum 6. Januar. Die Kirche ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet; www.kirchelandau.de

Krippe im Dom zu Speyer: ab Heiligabend bis 2. Februar; Veränderung des Szenarios zum 6. Januar. Der Dom ist Mo-Fr 9-17 Uhr, Sa 9-18 Uhr und So 12-17 Uhr geöffnet. Weitere Infos, auch zu Führungen und Konzerten in der Weihnachtszeit unter www.dom-zu-speyer.de

Krippendorf Bornheim: bis 6. Januar, Krippenführungen So 28.12. und So 4.1. um 17 Uhr ab Wachthäusel (Hauptstr. 45), www.krippen-bornheim.de

Treten ab 6. Januar auf: die Heiligen Drei Könige besuchen die Heilige Familie der Speyerer Domkrippe.
Treten ab 6. Januar auf: die Heiligen Drei Könige besuchen die Heilige Familie der Speyerer Domkrippe.
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Hast du die Pfalz im Blut?

Liebst du die Pfalz genauso wie wir? Gehst du gerne auf Weinfeste? Kennst du dieses Pfalzgefühl, das sich nicht beschreiben lässt, weil man es einfach erleben muss? Hier gibt es Artikel für alle Pfälzer, die die Pfalz im Herzen tragen. Für alle, die wissen, wo Hettrum, Hääschde und Harschem liegen. Und für alle, die warme Sommerabende am liebsten mit ihren Freunden und Dubbeglas in der Hand verbringen.

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