Weltkunst
Kunst und Ruin: Die Venedig-Biennale droht vor Beginn im Chaos zu versinken
Schlechte Nachrichten branden quasi im Liveticker aus der Einzigartigstadt. Zuletzt ist die Jury der Biennale von Venedig zurückgetreten, die die Löwen vergibt: die begehrten Preise der Ausstellung, die als eine Art Olympische Spiele der Kunst gilt und bei der 99 Nationen mit eigenen Pavillons in den Giardini und in der Stadt angemieteten Repräsentationsräumen konkurrieren.
Die Eröffnungsfeier ist abgesagt; der italienische Kulturminister Alessandro Giuli wollte sie ohnehin boykottieren. Der Zwist mit Pietrangelo Buffafuocco, dem eigentlich von der Meloni-Regierung bestellten Biennale-Präsidenten, eskaliert zur inneritalienischen Krise. Kaja Kallas, die Vizepräsidentin der EU-Kommission, droht, die Fördergelder – zwei Millionen Euro – für die Renommierschau, die seit 1895 existiert, einzufrieren. Die Biennale wirke, monieren Kritiker, wie eine UNO-Vollversammlung, die sich nur vorgeblich um Kunst dreht.
Die Musik geht weiter
„Minor Keys“ heißt ihr Motto. Koyo Kouoh, die in Kamerun geborene und in der Schweiz aufgewachsene Kuratorin der Hauptausstellung mit 111 Künstlerinnen und Künstlern, empfiehlt damit, „einen Gang runterzuschalten“. Ihr Credo: In der Welt tobt das Chaos, die Musik geht weiter. Im Mai vorigen Jahres ist sie in Basel gestorben – mitten in der Planung. Ein Schock. Moll aber, wie „Minor Keys“ übersetzt heißt, sind die Töne, die die Schau seither umgeben, ganz und gar nicht.
Alles begann damit, dass Biennale-Präsident Buffafuocco, der sich selbst als Nonkonformist mit Rechtsdrall inszeniert, Russland erlaubte, erstmals seit Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 in seinen symmetrischen, neorussischen Nationenpavillon in den Giardini – den Gärten am Rand der Lagunenstadt – zurückzukehren. Aus Gründen der Völkerverständigung, wie Buffafuocco argumentierte. Gegen die russische Teilnahme regte sich – siehe EU – internationaler Widerstand. Ukrainische Künstlerinnen und Künstler haben Aktionen angekündigt. Dazu hat sich Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa, Gründerin der rebellischen russischen Punkperformanceband Pussy Riot, angesagt. Gleichzeitig forderten 200 ihrer internationalen Kolleginnen und Kollegen, Israel von der Biennale auszuschließen – wegen Gaza.
Paul Celan und Gaza
Südafrika sagte seine Teilnahme ab, weil die Videoinstallation der ausgewählten Künstlerin Gabrielle Goliath aus seiner Sicht zu einseitig die Opfer der Israelis thematisiere. Das Werk sei „hochgradig spalterisch“, begründete die südafrikanische Kulturministerin die Entscheidung. Kurz darauf ließ die Jury verlautbaren, Russland und Israel bei der Löwen-Preisvergabe zu streichen, weil gegen deren Staatslenker beim Internationalen Strafgerichtshof Anzeigen wegen Menschenrechtsverletzungen vorliegen. Ein einmaliger, politischer, kunstvergessener Akt.
Das israelische Außenministerium jedenfalls warnte, hier werde die Kunst vergiftet. Derweil wollte der betroffene rumänisch-israelische Künstler Belu-Simion Fainaru mit seinem an Paul Celans Gedicht „Die Todesfuge“ angelehnten Werk nicht für die Regierung Netanjahu in Regress genommen werden. Auch die italienische Ministerpräsidentin Meloni zeigte sich irritiert.
Daraufhin trat die noch von der Kuratorin Koyo Kouoh berufene Jury zurück, der die Brasilianerin Solange Oliveira Farkas, die Australierin Zoe Butt, die Spanierin Elvira Dyangani Ose, die Amerikanerin Marta Kuzma sowie die Italienerin Giovanna Zapperi angehörten. Ohne Not, bleibt ein Scherbenhaufen zurück.
Putins Pavillon
Russland will, ausgewählt von „Smart Art“, der Firma Anastasia Karneeva, der Tochter von Putins Außenminister Lawrow, eine Folklore-Kitsch-Tanzperformance zeigen, die an zwei Tagen der Vorbesichtigung aufgeführt wird. Danach sollen Videoaufnahmen an der Außenfassade des geschlossenen Pavillons davon zeugen. Ein Preis dafür wäre so unwahrscheinlich wie ein Espresso für 1,20 Euro im Caffè Florian am Markusplatz. Für Putin allerdings ist es Erfolg genug, wenn Russland und Israel in einem Atemzug genannt werden.
„Ein Schelm“, schreibt der Kritiker Stefan Trinks, „wer denkt, eine propalästinensische Jury könnte über die Bande gespielt haben“ – in der Absicht, mit dem in der westlichen Welt geächteten Putin gleich noch im selben Aufwasch das ungeliebte Israel zu sanktionieren. Fast muss man schon fürchten, dass die Kunst im Abbildgetöse der fugenlosen Weltlage untergeht.
Dabei wird es wahrscheinlich genug zu sehen geben: den Hirsch aus Beton aus der ostukrainischen Stadt Pokrowsk, den die Kiewer Künstlerin Zhanna Kadyrova vor der anrückenden russischen Armee gerettet hat – und der nach seiner Tour nach Venedig den ukrainischen Pavillon „präsidieren“ wird. Die Videoanimationen von Li Yi-Fan, der die KI-Software im taiwanesischen Pavillon an ihre Grenzen bringt. Den 325 Quadratmeter großen Bauernhof der US-Künstlerin Linda Goode Bryant, den ehemals inhaftierte Frauen für die Dauer der Biennale bewirtschaften werden. Oder das Klangkunstwerk von Soundwalk Collective im Klostergarten des Vatikans.
So aber ist sogar die Installation der durch ihre Auftritte beim Theaterfestival im Ludwigshafener Pfalzbau auch beim hiesigen Publikum berüchtigten Blut-Schweiß-und-Exzess-Performerin Florentina Holzinger im österreichischen Pavillon fast zum Randthema geworden. Na ja, doch nicht so ganz. „Seaworld Venice“ nennt sie ihren noch streng gehüteten, angekündigten tanztheatralischen Wassergang mit – ziemlich sicher – nackten Elementen. Er soll zwischen Freizeitpark und Kläranlage oszillieren.
Vom (ost-)deutschen Beitrag sieht man derweil von draußen bisher nur die eisiggraue Trompe-l’oeil-Mosaiksteinfassade, die den von Umbauten der Nazis kontaminierten „Germania“-Pavillon wie einen DDR-Plattenbau aussehen lässt. Und von innen leuchtet es mintgrün wie aus sowjetischen Kasernen. Henrike Naumann, die in Zwickau geborene Konzeptkünstlerin, die ihn zusammen mit der Tochter eines ehemaligen DDR-Vertragsarbeiters aus Vietnam, Sung Tieu, bespielt, ist am Valentinstag dieses Jahr an Krebs gestorben. „Ruin“ ist ihr Beitrag in schwarz-rot-goldenen Lettern überschrieben: eine Anspielung auf das englische Wort „ruin“, das auch architektonische und materielle Überreste bezeichnet, während das deutsche Wort „Ruin“ eher einen Zustand des Zusammenbruchs – ob ökonomisch, gesellschaftlich oder moralisch – meint. Im schlimmsten Fall könnte es am Ende für die Biennale stehen, wenn sie im November mit der Vergabe der Löwen als Publikumspreise endet. Das heißt, wenn nicht doch noch die erste Strophe der DDR-Hymne endlich einmal in realiter zur Erfüllung kommt : „Auferstanden aus Ruinen.“
Die Ausstellung
Die Biennale öffnet am Samstag, 9. Mai. Sie läuft bis zum 22. November. Info: www.labiennale.org