Literatur Krankheit und Science-Fiction: „Haus zur Sonne“, der neue Roman von Thomas Melle

„Das bin ich“: Thomas Melle
»Das bin ich«: Thomas Melle

Thomas Melle ist bipolar: In „Haus zur Sonne“ versetzt er sich in eine Heilanstalt zur Selbstabschaffung. Am Montag kann er dafür den Deutschen Buchpreis gewinnen.

„Dickflüssig wie Honig, der sich dann verhärtet zu einer Art Harz, in den Adern, den Nerven, bis wieder die totale Lähmung eintritt“. Atemnot in absoluter Todesnähe, so beschreibt der namenlose Erzähler in Thomas Melles „Haus zur Sonne“ die Depression, die auf ihm lastet, ein Kollaps der Neuronen, ein „jahrelanges Warten auf nichts“ bei zugezogenen Vorhängen. Der Anfang vom Ende einer schier endlosen Manie.

Alle Freundschaften weg, das Geld verloren, der Ruf ruiniert. Melle weiß sehr genau, von was er da spricht. Wie sein „Held“ ist der im März 50 Jahre alt gewordene Dramatiker, Schriftsteller und Übersetzter bipolar. Eine schwerwiegende psychische Erkrankung, die ihn mehrfach schon aus der Fassung und in die Psychiatrie gebracht hat – und die seine jüngste Literatur bestimmt. „Ich habe mich in eine Fiktion verpflanzt“, sagte er vor kurzem im „Spiegel“ zu seiner Autorenrolle in seinem neuen Roman, es „sollte nicht so unseriös schillern, was ist echt, was nicht, nein das bin ich.“ Ist es also Melle selbst, der wie der Erzähler nur noch sterben will?

Die Krankheit Leben

Es ist bedrückend. Es ist sehr schwierig. Auch eine Art lesender Voyeurismus. „Die Leute lieben Schicksale wie das meine, wenn sie aufbereitet und zu Literatur geworden sind, zu Kunst, zu Geschichte hinter Glas gesetzt; mit dem wirklichen Geschehen will, verständlicherweise, niemand etwas zu tun haben“, heißt es dazu in dem oben zitierten Interview. Melle hat das alles gerade schon wieder hinter sich.

So erschien 2016 „Die Welt im Rücken“, ein tragisch-komischer Text, in dem der Autor, dem seither ALLE mit Vorsicht begegnen, seine drei manisch-depressiven Schübe rekapituliert. Die Krankheit ist offensichtlich sein Leben. Das Buch war eine – was ihm von vorneherein klar war – scheiternde Ergründung.

Adolf Hitler bin ich

Der Mensch ist nicht einmal in der Lage, zu erklären, was es mit dem Gähnen auf sich hat. Wie dann erst, dass man auf einmal glaubt, David Bowie habe „Space Oddity“ für einen selbst geschrieben – sechs Jahre vor der eigenen Geburt. Dass Goethe nur aus dem Grund geboren wurde, um die Lichtgestalt vorzubereiten, die man natürlich selbst ist. Jeder Popsong eine Widmung, jeder Pups ein exklusives Zeichen. Melle meinte zeitweise, er sei Adolf Hitler. Und gleichzeitig schuld an Nine Eleven gewesen.

„Es mag“, heißt es dann am Ende der selbstquälerischen Vivisektion dann doch noch voller Hoffnung, „mich noch einmal umhauen (…) Dann werde ich dennoch weiterleben. Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein.“ Nun, in der – wenn man so will – Fortsetzung „Haus der Sonne“ lässt er den Erzähler sagen, er habe wirklich geglaubt, dass sich mit seinem damaligen Buch in seinem Leben etwas verändern würde. Aber: „Nein!“. Der Krankheitsschub danach, heißt es jetzt, sei noch vernichtender gewesen. Insofern ist, dass dieses eindrucksvolle Buch, das Melles Realität mit – in seiner Welt – plausibler Science-Fiction verschränkt, überhaupt entstanden ist, ein kleines Wunder. Er nennt es – anders als den Vorgänger „Die Welt im Rücken“ – einen Roman. Aber genau wie mit diesem steht Melle jetzt auch mit „Haus zur Sonne“ beim Deutschen Buchpreis auf der Shortlist. Es ist das dritte Mal, dass der hochbegabte Autor im Finale des Wettbewerbs steht, wenngleich er dieses Mal als Favorit ins Rennen geht.

„Haus zur Sonne“ beginnt mit der bleischweren Trostlosigkeit, die den Protagonisten umfängt. Er ist pleite und bald wohnungslos“, ein „Messie ohne Masse“, denn ihm sind nach seiner neuerlichen Manie nur wenige Kisten mit quasi nichts geblieben. Wie tot fühlt er sich, wie „Asche“, voller Scham, als er im Jobcenter einen Flyer findet, der für ein „Pilotprojekt zur Lebensverbesserung, Traumverwirklichung, Selbstabschaffung“ wirbt, das das Bundesministerium für Wirtschaft sponsert. Er glaubt zunächst an einen Scherz. Dann an Schicksal. Als sein trotz der Anfangsskepsis gestellter Antrag auf Teilnahme bewilligt wird, empfindet er das so, als sei seinem Status „schlichtweg entsprochen“ worden.

„Und mein Leben war vorbei“, resümiert er die Zusage der finalen Heilanstalt nüchtern. Kurze Zeit später schon wird er in einem Geländewagen in ein dystopisches Setting chauffiert – den Sehnsuchtstraum von jemanden, der, gegen seinen erklärten Willen geboren, am besten sofort und möglichst geräuschlos wieder verschwinden will.

Yoga bis zum Schluss

Der Betonkomplex liegt in der Pampa, ohne Netzempfang. Kein WLan. Im Haus zur Sonne werden Lebensmüde aufs Angenehmste in den Tod therapiert. Das Personal scheint französischen Filmen zu entspringen. Auf dem Tisch im Foyer liegt – einer der ironischen Volten – ein Coffee Table Book des düster verschatteten dänischen Filmregisseurs Lars von Trier aus. Wer hier ankommt, hat eingewilligt, in dem unwirklichen Elysium seine letzten Wochen unter den besten Umständen zu verleben. Bis man verpflichtend abtritt, heißt es: freie Auswahl. Heißt, Essen satt, egal was man auch will. Man dümpelt im Pool, geht zum Yoga. Jeder Wunsch ist Befehl. Ein ganzer Katalog des Begehrens bis hin zur wilden Orgie steht zur Verfügung. Er ist das über sich hinausweisende Zentrum des Romans.

Matrix mit Schokoladenmeer

Meisterhaft Violine spielen, makellos aussehen, im Kampfeinsatz als Soldatin sein, globale Friedensverhandlungen führen, heiraten, nur schlafen müssen, wenn man das will, in einem Meer von Schmetterlingen versinken, den Regen kontrollieren, sich wegbeamen können, baden in einem Schokoladenmeer. Was Mensch sich halt so wünscht, im Haus zur Sonne wird es scheinbar wahr. Allerdings nur mit Hilfe psychoaktiver Substanzen und – wie in „Matrix“ – einem Steckanschluss im Nacken. Der Erzähler wünscht sich einen Tag am Strand. Mit Meeresrauschen. Schon sitzt er im Sand. Es funktioniert – irgendwie. Nur hilft es nicht helfen.

Geborgenheit etwa, die er sich so sehr ersehnt, lässt sich so nicht erreichen. Zu „abstrakt“ wird ihm beschieden. Und am Ende wacht er doch wieder auf. Selbst nachdem ihn ein virtueller Amokläufer niedergemetzelt hat. Oder er – nur für den Moment selig – in realitätsnahen Gedanken wie der Hai von Damien Hirst tot im Formaldehyd geschwommen ist.

Kein Zufall übrigens, dass Melle das weltberühmte Kunstwerk heranzitiert. Sein Titel „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“ beschreibt ein Grundproblem, das die Romanfigur (den Autor selbst?) auch befällt: Die physische Unmöglichkeit des Todes in der Vorstellung eines Lebenden. Zudem stellt sich die Frage, was es jemanden bringen soll – nur zum Beispiel –, wie Jesus durch die Wüste zu wandeln, der sich in seinen manischen Phasen tatsächlich für den Messias hält. Die Empfindungen jedenfalls, die der Erzähler hat, wenn er auf Zeit zur Biene im Bernstein mutiert, sind so schal wie die Beschreibungen, die Melle dafür findet.

Alles Klischees, Stanzen, Wandtattoos der Art: Mir ist leicht ums Herz wie nie, der Erzähler glaubt sie sich nicht einmal selbst. Ein rhetorisches Mittel. Umso elementarer liest sich, wenn er danach wieder in sein quälendes Lamento verfällt. Eine mit bitterer Ironie umflorte Endlosschleife der inneren Torturen.

Melles Bücher lese man wie auf einem Laufband, immer in Bewegung, doch ohne Raumgewinn, so hat es der Kritiker Hubert Winkels einmal beschrieben. Depression als ästhetisches Programm. Sein Werk ist von einem Todessehnsuchtsmotiv durchzogen.

Doch nicht Zürich?

„Haus zur Sonne“ hieß schon sein Theaterstück, das 2006 in Erlangen uraufgeführt worden ist – und das eine Selbstabschaffungsfabrik imaginiert. Auch in „Die Welt im Rücken“ erhofft sich der Held (Melle), durch diverse Lebensausgänge zur Erlösung zu gelangen. „Ich wusste nicht, ob ich das Buch zu Ende kriege, oder ob ich vorher nicht selbst abtrete (…) Ich sage nicht, ich möchte in die Schweiz fahren. Aber ich recherchiere“, heißt es in dem schon erwähnten „Spiegel“-Interview. Das klingt bedrückend ambivalent. Nach Ausgang fraglich. Im Roman immerhin kommen dem Erzähler mählich leise Zweifel, ob sein wunschloses Unglück, das notgedrungen in den Exodus mündet, wirklich der Lebensweisheit letzter Schluss darstellt. Das heißt, ob er wirklich sterben will.

Was, wenn sich doch noch etwas finden ließe, das es zu begehren lohnt? Was ist mit Blick da draußen, auf die Blätter, die Wiesen? Will man trotz allen seelischen Elends wirklich mit jemanden tauschen? Was mit der Sehnsucht, es könnte noch einmal anders werden? Oder, kühne These, was, wenn das Leben doch seinen Sinn ergibt? Zum Schluss bleiben viele Fragen, wenn der Held, „ein Kind im Dunkeln“ eigentlich, einem hellen, ungewissen Horizont entgegenrennt. Fast notgedrungen stellt sie sich der Leser am Ende selbst. Ein existenzieller Roman, entlang des Abgrunds geschrieben, der sich auftut – kann sein, vielleicht sogar vor uns allen.

Lesezeichen

Thomas Melle: „Haus zur Sonne“; Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 315 Seiten, 24 Euro.

Mehr zum Thema
x