Architektur
Kolumbarien: Wenn die Toten Leben in die Kirche bringen
Was machen mit Kirchen, die ihre Gemeinden verloren haben? Aus manchen werden exklusive Lofts mit gotischen Fenstern, in anderen feiert man heute Partys oder es werden Filme gezeigt. Und wieder andere werden komplett zu Urnenkirchen umgewidmet – die erste ihrer Art in Deutschland war vor 22 Jahren die altkatholische Pfarrkirche Erscheinung Christi in Krefeld. Und dann gibt es noch die Idee einer Art Simultankirche für Leben und Tod wie sie 2009 erstmals in der Betonrundkirche Heilige Familie in Osnabrück geschaffen wurde. Urnenstätten sind hier in den normalen Kirchenbetrieb integriert.
Das Charmante an einer solchen Doppelnutzung: Sie ist nicht nur sinnvoll, sondern durchaus auch lukrativ. Einnahmen aus der Vermietung können Kirchengemeinden beim Unterhalt ihrer Gebäude helfen. Die Preise für eine Einzelnische liegen im Schnitt zwischen 2500 und 3500 Euro bei einer Nutzungsdauer von 15 oder 20 Jahren.
Birgit Weindl, die Beauftragte der evangelischen Landeskirche in der Pfalz für Kunst und Kirche, hat vor ein paar Jahren stark für das Konzept geworben. „Das war eine Zeit lang ziemlich modern“, sagt sie. Kolumbarien galten als Rettung für den Kirchenraum. In anderen Landeskirchen hatte sich die Idee bewährt. Als 2013 allein im Bistum Essen 100 Gotteshäuser vor der Schließung standen, rief man Architekten-Symposien ins Leben, um Modelle zu entwickeln. In der Pfalz stehe diese Entwicklung noch bevor, ist Weindl überzeugt. „Im Grunde droht seit 15 Jahren, dass Kirchen dicht gemacht werden müssen.“ Die Synode habe bereits über die Hälfte aller evangelischen Gotteshäuser in der Pfalz nachgedacht.
Wie groß der evangelische Kirchenbestand in der Pfalz ist, darüber gibt es keine verlässlichen Informationen, sagt Bernd Ehrhardt von der Bauabteilung. „In der Landeskirche gab und gibt es bislang niemanden, der sich zentral und fortlaufend um eine vollständige Gebäudestatistik kümmert.“ Nach einer alten Erhebung gibt es 505 Kirchen, von denen allerdings schon einige profaniert sind, meist wegen erheblicher Bauschäden wie in Großniedesheim, Herxheim am Berg, Kaiserslautern und Ludwigshafen.
In katholischen Gemeinden gibt es noch 460 Kirchen im Bistum Speyer, sagt Stephan Tschepella aus dem Bauamt des bischöflichen Ordinariats. 15 sind in den vergangenen zehn Jahren aufgegeben worden. Wie es mit den anderen weitergeht, darüber gebe es noch keine konkreten Vorgaben.
Energetisch und klimatechnisch sind die großen Gebäude schwer zu halten. Ein Beispiel: Die gotische Stiftskirche in Kaiserslautern für einen Gottesdienst hochzuheizen, koste je nach Wetter 300 bis 500 Euro. Viele Gemeinden bauen Sitzheizungen ein, um zu sparen. Doch allein für eine Orgel dürfe die Temperatur nicht unter acht Grad fallen, sagt Weindl. Werden Dachreparaturen fällig, gehe es gleich um Millionenbeträge wegen der großen Höhe. Ist kein Geld mehr da, weil Kirchensteuereinnahmen wegbrechen, bleibe nur noch der kontrollierte Verfall – oder es gibt neue Ideen für eine Nutzungserweiterung.
Weindl berät die Gemeinden vor Ort. Die Idee von künstlerisch gestalteten Kolumbarien ist ihr besonders willkommen – auch, damit nicht noch mehr Bestatter auf die Idee kommen, „hässliche Urnennischen, die wie Schließfächer aussehen, in Garagen einzurichten“, wie sie sagt. Andere wirken wie Schwimmbad-Umkleiden. Und auch auf manchen deutschen Friedhöfen entstehen – nach dem Vorbild Frankreichs oder Italiens – teils meterhohe, monolithisch wirkende Urnenwände, dem Ursprung ihres Namens durchaus gerecht: Taubenschlag. Kolumbarien müssten den Hinterbliebenen einen würdevollen Trauerraum bieten, findet Weindl. „Die Leute entscheiden auch nach der Optik, wo sie beerdigt werden wollen. Keiner will ins Eck gequetscht sein.“
Architektonisch ist es durchaus ambitioniert, wenn die Toten ihre letzte Ruhe unter den Lebenden finden. Ein echtes Vorzeigeprojekt ist die katholische Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Schutz in Kaiserslautern. Hier wurde 2021 das erste Kolumbarium im Bistum Speyer in eine Kirche integriert. Bei einer großen Sanierung hat das Architekturbüro Bayer/Uhrig in den beiden Seitenschiffen zehn Urnenkapellen eingerichtet, deren Nischen mit Keramikplatten verschlossen werden. Das Projekt wurde vom Deutschen Architektenbund ausgezeichnet.
Auferstehung für Kirchengemeinden
„Unser Vorbild waren die alten Friedhöfe um die Kirchen“, erklärt Dekan Steffen Kühn. Sein Fazit nach fünf Jahren ist ausgesprochen positiv: „Die Verstorbenen haben unsere Kirche lebendiger gemacht und auch uns.“ Neue Kontakte und Kommunikation hätten allein schon die Besuche der Hinterbliebenen gebracht. Kühn: „Seelsorgerisch ist das eine tolle Sache. Pastoral und finanziell zeigt die Kurve nach oben, was ja heute eher ungewöhnlich ist. Und das hat auch mit Auferstehung zu tun.“
Dabei kann sich nicht jede Kirchengemeinde mit der Idee eines Kolumbariums in der eigenen Kirche anfreunden. Schließlich werden die Gläubigen jedes Mal mit der Vergänglichkeit konfrontiert, wenn sie in die Kirche gehen, wenn sie Taufe, Hochzeit, Weihnachten und Ostern feiern.
Der Betrieb ist Kühn zufolge recht günstig, hat die Gemeinde doch keinen Verwalter eigens für das Kolumbarium angestellt. Dabei muss die Kirche jetzt tagsüber immer offen sein, auch Führungen brauchen Personal. Das alles läuft in Maria Schutz über Ehrenamtliche. Die Gemeinde begleite die Menschen, wenn sie kommen, um sich ein Grab auszusuchen, vielleicht mit ihren Enkeln, denen dabei die Tränen in die Augen schießen. „Es ist Arbeit, aber eine froh machende Arbeit“, sagt Kühn, der sogar von Kircheneintritten berichtet.
1,6 Millionen Euro hat der Bau des Kolumbariums gekostet , und noch einmal 150.000 Euro fallen für das Ewigkeitsgrab an, das im Juni eingeweiht werden soll. Etwa ein Viertel der Urnengräber sei belegt oder reserviert, sagt Kühn. Das Kolumbarium ist ein ökumenisches Projekt und steht auch Konfessionslosen offen. Erstaunlich ist, dass das Interesse aus der Stadt Kaiserslautern eher kleiner ist als ursprünglich gehofft. Stattdessen gebe es mehr Reservierungen von außerhalb.
Urnennischen aus dem Buch des Lebens: Zwei Projekte sind derzeit geplant
Dass sich Kolumbarien auch in noch ältere Gotteshäuser einbauen lassen, zeigt das besonders gelungene Beispiel des Frankfurter Architekturbüros Wandel Lorch Götze Wach, das 2017 in einem Seitenschiff der reich mit historischen Kunstwerken ausgestatteter Karmeliterkirche Boppard im Bistum Trier eingerichtet wurde. Die Steinplatten aus Jura-Kalk vor den 720 Kammern sind mit Messingkreuzen versiegelt, deren Farbe das Gold einer Pietà aus dem 15. Jahrhundert aufnimmt.
Drei Kolumbarien hat die in Landau-Godramstein lebende Bildhauerin Madeleine Dietz bereits gestaltet, eins im saarländischen Webenheim, einem Ortsteil von Blieskastel. Die Protestanten in dem 560-Seelen-Dorf wollten trotz klammer Kassen nicht von ihrer denkmalgeschützten Martin-Luther-Kirche lassen und sich mit dem Kolumbarium 2021 eine neue Geldquelle erschließen. Dietz baute Urnenwände in Form von Buchseiten, die frei im Raum stehen. „Seiten aus dem Buch des Lebens“, nennt die Bildhauerin sie.
Ähnlich will sie die 168 Urnennischen für die Landauer Stiftskirche gestalten. Es ist eins von zwei aktuellen Projekten in der Landeskirche. Das Kolumbarium entsteht aber nicht in dem Gotteshaus, sondern einem von außen zugänglichen Anbau am Chor. Der kleine barocke Rundbau, Mausoleum genannt, gehörte wohl einmal zum Kirchhof, stand aber zuletzt lange leer. Eine halbrunde Urnenwand will die Künstlerin in der ihr eigenen Kombination aus Stahl und Erdfarben gestalten. Jede Nische in den Schränken aus gewalztem Stahl soll mit einer Holzfront verschlossen werden, die Dietz in Gelb-, Braun-, Ocker- oder Grauschattierungen individuell gestalten will. Warme Töne würden Geborgenheit vermitteln, sagt Dietz. In diesem Kolumbarium möchte die 72-Jährige selbst einmal bestattet werden.
Ihre anderen beiden Urnengrabstätten stehen im Freien: am ehemaligen Dominikanerinnenkloster bei Sulz am Neckar (2017 geschaffen) und in der Ruine des ehemaligen Klosters von Bad Dürkheim-Seebach. Hier hat Dietz in die romanischen Mauerreste ein Triptychon aus pulverbeschichtetem Aluminium gesetzt. Die mittlere Tafel zeigt die Symbole des griechischen Alpha und Omega. In den Seitenflügeln befinden sich Nischen für die Namenssteine der Verstorbenen. Davor stecken Holzröhren im Boden, in die bewusst schlicht gestaltete Urnen aus ungebrannter Tonerde eingelassen werden. Diese verfallen mit der Zeit: Erde zu Erde, Asche zu Asche. Der Platz für die Überreste der Verstorbenen ist damit nicht mehr von einer Liegezeit abhängig, und die Urne muss auch nicht mehr zu einem späteren Zeitpunkt entsorgt werden.
In vielen anderen Kolumbarien wird die Asche nach Ablauf der Mindestruhezeit der Urnen von 15 Jahren in Ewigkeitsgräber umgebettet. Liegen sie nicht schon auf Friedhofsgelände müssen die Gemeinden wegen des Grundwassers zuweilen die Unbedenklichkeitsprüfung eines Geologen einholen – so geschehen in Webenheim, wo die Kirche in einem Wasserschutzgebiet steht. Auch in Seebach hatten Anwohner Bedenken wegen des Grundwassers. Eine Hürde ist auch die weltliche Friedhofsordnung. Denn der Teil der Kirche, der zur Begräbnisstätte wird, muss eigens profaniert werden. Dabei gibt es wohl kaum eine historische Kirche ohne Stiftergräber oder Gruften.
Starre vor der Strukturreform
Inzwischen ist es in der Pfalz ziemlich ruhig geworden um das Thema Kolumbarien. Bei den Katholiken ist nach Auskunft des Ordinariats derzeit gar keins geplant. Und bei den Protestanten ist neben Landau nur noch ein Kolumbarium im Bau: in der kleinen barocken Bergkirche von Bad Bergzabern. Es ist das zweite evangelische Gotteshaus der Kurstadt neben der großen Marktkirche, kann nicht beheizt werden und wird nur in den Sommermonaten für Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen genutzt. Urnennischen werden nach einem Konzept des Architekturbüros Lampe vier in Landau in die Rückseite eines historischen Holzgestühls eingebaut, das die Sitzreihen umkreist.
Doch warum gibt es nicht schon viel mehr Kolumbarien in Kirchen? Weindl macht das für die evangelischen Gemeinden an einer Wartehaltung angesichts des Umbaus fest, für den immer noch keine Struktur erarbeitet sei. „Es gibt viel Literatur und Erfahrung in der Bundesrepublik für Kirchenumnutzungen. Die Ideen sind grandios, finde ich, aber sie kommen nicht an die, die mit der Problematik befasst sind.“ Da sei die Basisdemokratie der evangelischen Kirche schwierig. „Bei uns entscheiden immer die Presbyterien. Doch die Gemeinden vor Ort wollen ein solches Großprojekt nicht anpacken, weil sie nicht wissen, ob und wie die eigene Kirche die Strukturreform überlebt angesichts der Gemeindefusionen. Das ist alles nicht geklärt. Also hält man sein Geld zusammen, wenn man überhaupt noch welches hat. So lange es noch irgendwie ging, haben die Gemeinden nichts gemacht. Aber jetzt geht's wirklich ans Eingemachte.“
Urnenstätten sind keine Selbstläufer
Auch sind Urnenstätten kein Selbstläufer. Das könne funktionieren, wo noch große Kirchengemeinden vorhanden sind – im „Speckgürtel“ wie Weindl die Vorder- und Südpfalz nennt. Da hätten die Gemeinden auch noch Geld für Renovierungen wie jüngst Rhodt unter der Rietburg und Wachenheim. „Die schwierigen Gebiete“ seien eher die Dorfkirchen in der Nord- und Westpfalz, in den Städten Ludwigshafen und Kaiserslautern. Aber dort, wo die meisten Kirchen bald leerstehen werden, will vielleicht auch niemand begraben sein.
Auch Tschepella vom Bauamt des Bistums Speyer sieht Kolumbarien nicht als Patentlösung für Kirchen, die nicht mehr benötigt werden. „Die Trauerseelsorge muss Teil des pastoralen Konzepts sein.“ Dann könnten Urnenplätze ideell eine Bereicherung und finanziell eine Unterstützung sein. Rein wirtschaftlich ist es ohnehin unrealistisch, mit Urnenplätzen eine Kirche komplett zu unterhalten. Zumal durch das neue Bestattungsgesetz in Rheinland-Pfalz die Nachfrage nach Urnennischen spürbar sinke.