Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel „Klassik macht Schule“: Die Radio Philharmonie unterwegs in Pfälzer Schulen

Musikerinnen und Musiker der Deutschen Radio Philharmonie konzertieren im Musiksaal des Hohenstaufen-Gymnasiums in Kaiserslauter
Musikerinnen und Musiker der Deutschen Radio Philharmonie konzertieren im Musiksaal des Hohenstaufen-Gymnasiums in Kaiserslautern.

Wer, wie der SWR dies immer wieder tut, Orchester kaputtspart, der vernichtet viel mehr als Klangkörper. Dies beweist ein neues Schulprojekt der Radio Philharmonie.

Musikvermittlung ist für ein Sinfonieorchester heutzutage keine Pflichtaufgabe, es ist Herzensangelegenheit – und zugleich Nachweis der Existenzberechtigung. Lange sind die Zeiten vorbei, in denen die Aufgabe eines Klangkörpers ausschließlich darin bestand, möglichst gelungene Konzerte zu geben. Natürlich ist dies auch heute noch das primäre Ziel für alle Musikerinnen und Musiker eines Orchesters. Aber da ist eben noch mehr. Die gesellschaftliche Bedeutung und die gesellschaftliche Verantwortung von Orchestern ist immer größer geworden, das ist bei der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern (DRP) nicht anders als bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.

„Klassik macht Schule“ heißt ein in dieser Woche im Saarland und in Rheinland-Pfalz gestartetes neues Projekt der DRP, das die bisherigen Vermittlungsangebote wie Schüler- und Familienkonzerte oder auch das Format „Klassik für junge Ohren“ ergänzen wird. Dabei schwärmen sechs Ensembles der DRP in Rheinland-Pfalz und im Saarland aus und versuchen, Schülerinnen und Schülern in moderierten Konzerten klassische Musik näher zu bringen. Sie erlebbar zu machen, auch, indem Schwellen- und Berührungsängste abgebaut werden. In der Pfalz sind Schulen in Pirmasens, Zweibrücken, Kaiserslautern, Neustadt und Thaleischweiler-Fröschen dabei, zum Beispiel das Neustadter Leibnizgymnasium, das Immanuel-Kant-Gymnasium in Pirmasens, das Helmholtz-Gymnasium in Zweibrücken oder auch das Albert-Schweitzer- und das Hohenstaufen-Gymnasium in Kaiserslautern. In letzterem waren wir bei einem Besuch der DRP dabei.

Body Percussion zu alter Musik

Die Radio Sinfonie ist mit einem Streichquartett, bestehend aus Min-Jung Suk-Neubert (Violoncello), Shoko Murakami (Violine), Theresa Jensen (Violine) sowie Benedikt Schneider (Viola) vertreten, ergänzt um die Flötistin Britta Jacobs. Das Programm besteht aus kurzen Ausschnitten aus unterschiedlichsten Werken aus ganz verschiedenen Epochen. Das älteste ist der Choral „O Virtus Sapientiae“ der Hildegard von Bingen (als Instrumentalversion); das jüngste die „Carrot Revolution“ der 1991 geborenen amerikanischen Komponistin Gabriella Smith.

Die Musiker moderieren ihre Vorträge, führen kurz in die Werke ein, erzählen aus dem Leben der Komponistinnen und Komponisten. Vor allem aber wollen sie wissen, was die Musik in den Jugendlichen der beiden achten Klassen des Kaiserslauterer Hohenstaufen-Gymnasiums auslöst. Es dauert ein bisschen, bis das Gespräch wirklich in Gang kommt. Doch die Schülerinnen und Schüler hören aufmerksam zu, selbst bei eher sperrigen Werken. Niemand gackert, es wird so gut wie nie getuschelt. Und immer freundlich applaudiert. Und das selbst, als Britta Jacobs sie zur Body Percussion auffordert, also zum Tanzen, Stampfen, Schnipsen und Klopfen. Das Streichquartett fängt nun lässig an zu grooven, und alle machen mit. Offensichtlich sogar mit Spaß. „Das kennen die schon. Die sind Kummer gewöhnt von uns“, meint Musiklehrer Joachim Junker lachend.

Keine Konserve kann das vermitteln

Der hält sich komplett im Hintergrund. Überlässt die Bühne im Musiksaal den Musikerinnen und Musikern – und natürlich den jungen Menschen, die im Laufe des eine Schulstunde langen Vorspiels immer mehr auftauen. Und es ist faszinierend, wie sie die gerade gehörte Musik in Worte und in Bilder fassen. Wie sie versuchen, zu beschreiben. Das in Worte fassen, was sie beim Hören empfunden haben.

Zu Beginn berichten sie von ihren musikalischen Vorlieben. Das Mädchen, das in der Schulband singt, der Junge, der am liebsten Punk hört. Bis ihnen die Namen von einigen klassischen Komponisten einfallen, dauert es ein wenig. Dann aber fällt der Groschen: Schubert, Beethoven, Mozart. Die Profis von der Radio Philharmonie behandeln die Jugendlichen immer auf Augenhöhe, nie von oben herab. Sie haben Verständnis, versuchen sich hineinzuversetzen in die Gefühlswelten, welche ihre Musik in den Schülerinnen und Schülern ausgelöst hat. Und das genau macht den Unterschied aus und zugleich auch solche Schulbesuche von professionellen Musikern so wichtig. Keine Konserve kann jungen Menschen den Zauber von Musik so direkt und unverstellt, aber eben auch so leicht zugänglich vermitteln.

Musik startet das Kopfkino

Aus Mozarts Flötenquartett in D-Dur (KV 285) gibt es Auszüge aus dem überaus beschwingten Eröffnungssatz sowie aus dem langsamen Mittelsatz, einem Adagio. Die Musik beschwört völlig andere Stimmungen, und genau so unterschiedlich sind auch die Assoziationen der Schülerinnen und Schüler. Die fröhlich-forsche Thematik des Allegros verbinden viele mit einer positiv besetzten Natur, in welcher die Vögel – vertreten durch die bisweilen jubilierende Flöte – lustig vor sich hinzwitschern. Ein Junge denkt gar an Filmmusik. „Mir kommt ein alter Walt-Disney-Film in den Sinn, vielleicht ,Bambi’.“

Die Jugendlichen bleiben bei ihren Naturbildern auch bei der Beschreibung des langsamen zweiten Satzes. Nur ist es jetzt eine ganz andere Natur, ein „finsterer Wald“, der „bedrohlich“ wirke. Nur einer verlegt das Geschehen in eine nächtliche Stadt. „Eine schwarze Katze geht traurig durch die Straßen.“ Und fügt hinzu: „Ich habe viel Kopfkino.“ Dabei trifft er den Nagel auf den Kopf, um im Bild zu bleiben: Genau das löst gute Musik, gut interpretiert in uns aus: Eine ganze Kette von Bildern und Emotionen. Eben Kopfkino!

Im Gespräch nach dieser so besonderen Schulstunde ist natürlich auch die aktuelle Situation des Orchesters ein Thema. Wie berichtet, ist dieses durch die Sparpläne des SWR in seiner Existenz als Sinfonieorchester bedroht. Vielleicht sollten auch die Verantwortlichen des Senders einmal an solchen Schulprojekten teilnehmen, um zu verstehen, dass sie eben weit mehr als nur ein klassisches Sinfonieorchester vernichten würden, wenn sie die DRP zum Kammerorchester schrumpfen. Man hat allerdings so seine Zweifel, ob den Strategen in der Senderzentrale des SWR der Wert dieser Musikvermittlung überhaupt klar ist. Denn wäre er es, dann kämen sie nicht auf solch absurden Sparpläne.

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