Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Kitt für den Riss in der Welt: Ein Lob der Müdigkeit

Müde ist das neue Hellwach.
Müde ist das neue Hellwach.

Die Augenlider auf halbmast, vielleicht sind sie das Symbol der Verfassung, in der wir uns auch abseits des jahreszeitlich Gebotenen befinden. Wir sind müde. Aber es ist halb so schlimm. Über die Produktivität des Zustands zwischen Halbwachheit und Weggedämmertsein.

Das Stück für jetzt ging vor acht Jahren über die Bühne des Karlsruher Staatstheaters. Schuhabgabe im Entree, dafür wurde Bettzeug gereicht. Das Parkett, ein Matratzenlager unter Zeltdach. Globen glommen, über den Köpfen Videosterne am Theaterhimmel. Auf T-Shirts, die verteilt wurden, stand „It’s okay if you sleep“, es ist okay, zu schlafen. Später wurden Nackenmassagen, Apfelschnitte und Schokokekse angeboten.

Stefan Ottenis Inszenierung hatte zwei Schlüsseltexte von Byung-Chul Han und Peter Handke über ein Gefühl zum Thema, das uns nach – gefühlt – Jahren der Pandemie jetzt, anno 2021, fast vollends erfasst hat. Bleierne Erschlaffung, Aufraffversagen, gehemmter Tatendrang. Die Augenlider auf halbmast, vielleicht sind sie das Signum der Verfassung, in der wir uns auch abseits des – Frühjahr, gähn – jahreszeitlich Gebotenen befinden.

AHA- und Aha-Momente

Wir sind müde. Müde der Brücken-, Tunnel-, Unterführungs-Lockdowns, was auch immer, des Impfversagens, des Homeschooling, des ewigen Spazierengehens, müde, müde vor Zoom und Teams zu hängen, müde des Paketausfahrens, des Pizzalieferns, Notbetreuens, Gesundpflegens, Wartens, bis alles vorbei ist, müde der AHA-Momente, müde der Müdigkeit. Zeit, diese Stimmung zu retten, die uns unsere Endlichkeit näherbringt und anscheinend so kränkt. Denn, schon richtig, der transitorische Zustand zwischen Wachheit und weggedämmert mag uns den Alltag vermiesen. Er vermag es aber auch, uns in höhere Sphären zu versetzen. Oder um es mit dem schon angesprochenen Peter Handke zu sagen, die Müdigkeit ist das „Mehr des weniger Ich“.

„Versuch über die Müdigkeit“, heißt der 1989 geschriebene Text des Nobelpreisträgers, in dem er den Schwebezustand feiert. In der Karlsruher Aufführung wurde er mit Byung-Chul Hans elf Jahre später erschienenem Essay „Müdigkeitsgesellschaft“ verwirbelt, in dem der in Seoul geborene Philosoph die allgemeine Erschöpfung als Folge von Überambitioniertheit diagnostiziert. Motto: selbst schuld. Wir brechen unter einem Übermaß an Positivität zusammen.

Der erschöpfte Tatmensch

Die Leistungsgesellschaft, so Han, habe Individuen hervorgebracht, die sich ganz ohne Aufsicht selbst optimieren und ausbeuten würden, bester Laune, versteht sich. Ergebnis: Burn-out. Bei Handke heißt es: „Die Inspiration der Müdigkeit sagt weniger, was zu tun ist, als was weggelassen werden kann.“ Wenn man es richtig bedenkt, beschreiben beide Denker zwei Seiten einer Medaille. Bedeutet: Der leerdrehende Tatmensch endet dort, wo sich der Müde, Erschöpfte, schon befindet. Warum also nicht das Beste daraus machen?

Vorbild: Juliette Gréco, die aus der mit tiefen Augenringen zelebrierten Schlaflosigkeit zur existenzialistischen Göttin avancierte. Vorbild: die müden Helden der Malerstars Ferdinand Hodler und Neo Rauch. Vorbild Novalis, der Romantiker, der als erster meinte, die Müdigkeit lasse das Außen und das Innen des Menschen in Verbindung treten. Mit anderen Worten: Sie kittet den Riss zwischen Ich und Welt. Vorbild Rilke, der glaubte, unplanbare Müdigkeiten hätten ihn zu einem „Weltinnenraum“ und zu ungesehenen Einsichten geführt.

Der Ich-Erzähler in Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ braucht viele Seiten, um aufzustehen. Ilja Iljitschs im Aspik seiner Trägheit verharrender Held Oblomow ist weltberühmt wie sein Gegenteil, Thomas Manns Thomas Buddenbrook, der – ein Opfer des Willens zu wollen – vor seiner Zeit stirbt. Zugelassene Müdigkeit kann Produktivität verhindern und ein Augenöffner sein – positiv gewendet, was, schon klar, einer geschafften Schichtarbeiterin, einem Pfleger nach dem Dauerdienst, einer Lastwagenfahrerin, die nachts unterwegs war, schwerer fallen dürfte. Wilhelm Genazino (1943 bis 2018) jedenfalls, dem grandiosen Autor schluffiger Figuren, die einfach nicht aus dem Quark kommen wollen, verhalf die erkenntnisverschärfende Halbwachheit zu exzeptionellen Wahrnehmungen.

Müdigkeitsbeschäftigungen

Als Schüler, so schrieb der Büchnerpreisträger einmal, sei er in der Hauptsache „Müdigkeitsbeschäftigungen“ nachgegangen. Wie: „aus dem Fenster sehen, Vögel zischen vorbei, es regnet, das Wasser donnert gegen die Scheiben, die Tropfen laufen lange herunter“. Genazino: Ohne Müdigkeit „hat man eigentlich keine Aufmerksamkeit, so etwas überhaupt interessant zu finden“. Bei Peter Handke heißt das: „Dank meiner Müdigkeit wurde die Welt ihren Namen los und groß.“ Im Umkehrschluss schrumpft das hektische Tagesgeschäft auf Augenwinkelmaß. Stress läuft in Zeitlupe ab. Mit aufgerissenen Augen starren wir auf die Inzidenz, mit müdem Blick schauen wir im besten Fall auf unsere inneren Werte. Voller Weltvertrauen, wenn’s gut geht, ungetrieben davon sogar sich selbst uneinholbar einen Schritt voraus zu sein, voller utopischer Gedanken. „Müden Herzen“, dichtete 1816 die 18-jährige Luise Hensel (1798 bis 1876), „sende Ruh, / nasse Augen schließe zu. / Lass den Mond am Himmel stehn, / und die stille Welt besehn“. Sehen wird das mal so: Das Wachsein kann warten.

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