Klassik RHEINPFALZ Plus Artikel Kammermusik XXL: Das 26. Hambacher Musikfest

Unter dem Motto „Ruhm und Schatten“ erklang beim Hambacher Musikfest Musik von Beethoven und George Onslow, es spielten Ian Foun
Unter dem Motto »Ruhm und Schatten« erklang beim Hambacher Musikfest Musik von Beethoven und George Onslow, es spielten Ian Fountain (Klavier), Nick Deutsch (Oboe), Thorsten Johanns (Klarinette), Johannes Hinterholzer (Horn) und Bence Bogányi (Fagott).

Dieses Mal war es kein weiteres Streicherensemble, das Farbe ins Spiel brachte: Stattdessen verpflichtete das gastgebende Mandelring Quartett gleich fünf international renommierte Bläservirtuosen für sein 26. Hambacher Musikfest.

Eine ungewöhnlich große Instrumentenvielfalt ermöglicht ein ungewöhnliches Programm. Ludwig van Beethoven und George Onslow trafen dabei zum Abschluss des Musikfestes unter dem Motto „Ruhm und Schatten“ aufeinander: Es zählt zu den großen Verdiensten der in Neustadt ansässigen Musikerfamilie Schmidt, den bedeutendsten französischen Instrumentalkomponisten seiner Generation aus seinem Dornröschenschlaf befreit zu haben. So endete das diesjährige Festival mit Kammermusik im XXL-Format: Ein kleines Orchester versammelte sich zum Finale auf der Bühne, um Onslows hochromantisches Nonett a-Moll op. 77 glanzvoll zur Aufführung zu bringen.

Fast könnte man Ian Fountain als Hauspianisten des Hambacher Musikfest bezeichnen. Als guter Freund des Hauses setzte er zum nunmehr neunten Mal mit seinem brillanten, glasklar-perlenden und gleichermaßen sanglichen Anschlag herrliche Akzente im kammermusikalischen Geschehen. Mit Jens Bomhardt, Dozentenkollege von Primarius Sebastian Schmidt in Hamburg, befand sich ein weiterer hochkarätiger Streicher im Festivalboot.

Flötistin Wally Hase (links) entpuppte sich als Star der Konzertreihe.
Flötistin Wally Hase (links) entpuppte sich als Star der Konzertreihe.

Als absolut großer Star des achteiligen Konzertreihe aber entpuppte sich die Flötistin Wally Hase. Sie blickt zwischenzeitlich auf eine beachtliche Karriere zurück und eroberte mit ihrem überirdisch warmen Flötenton vom ersten Konzert an die Herzen der Klassikfans.

Unter dem Motto „Nordlichter“ fiel am Mittwoch vor Fronleichnam der Startschuss für eine abenteuerliche Reise durch Nordeuropa, in der Wally Hase an der Seite des Mandelring Quartetts und dem seinerzeit als „Beethoven der Flöte“ bezeichneten „deutschen Dänen“ Friedrich Kuhlau ihren hochvirtuosen Einstand feierte. Mit Carl Nielsen folgte ein waschechter Däne, in dessen Bläserquintett op. 43 sämtliche Gastinterpreten von der blasenden Zunft, darunter Bence Bogányi (Fagott), Nick Deutsch (Oboe), Johannes Hinterholzer (Horn) und Thorsten Johanns (Klarinette) ihren klangvollen Einstand gaben. Zu einem regelrechten Kampf um Leben und Tod geriet die Tango-Quvertüre des Finnen Aulis Sallinen mit dem Mandelring Quartett und Ian Fountain, die den Höhepunkt der Eröffnung markierte und ganz viel Lust auf weitere Raritäten jenseits des Mainstreams machte.

Ein an Dramatik nicht zu übertreffendes kulturellen Ereignis folgte in der Hambacher Jakobuskirche. Unter dem Motto „Romantische Edelsteine“ sollten selten gespielte Werke wenig bekannter Komponisten zum Leuchten gebracht werden, was am Beispiel des leider bereits mit 24 Jahren verstorbenen Belgiers Guillaume Lekeu und des Orgelvirtuosen Louis Vierne gelang. In Leukeus Sonate für Violine und Klavier holte Sebastian Schmidt mit seinem zart schmelzenden, von unglaublicher Intensität beseelten Geigenton die musikalischen Sterne vom Himmel, während im Klavierquintett op. 42 von Louis Vierne das Mandelring Quartett und Ian Fountain schonungslos emotional in Töne gebannte Schicksalsschläge des Komponisten formulierten, darunter der Verlust seines wegen Fahnenflucht kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs standesrechtlich erschossenen Sohnes.

Traditionell ging es in den drei Konzerten in den Hambacher Weingüter Naegele und Müller-Kern unter den Titeln „Fröhliches Miteinander“ und „Heitere Serenade“ nicht ganz so „weinernst“ zu, obgleich auch hier die Veranstalter mit einigen Raritäten aufwarteten, darunter eine Suite für Violine und Kontrabass des Russen Reinhold Gliére, in der Jens Bomhardt sämtliche Klischees vom schwerfälligen Kontrabass mit einem Bogenstrich hinwegfegte und sich ein wildes Gefecht mit Sebastian Schmidt lieferte. Weitere lustige Beiträge zur „Musique pour faire plaisir“ kamen aus der Feder des beim Hambacher Musikfest immer wieder gern gehörten Jean Francaix sowie dem Finnen Carl Nielsen, der mit seiner musikalischen Liebeständchen-Parodie Serenata Invano ein Meisterwerk musikalischer Humoristik hinterlassen hat.

„God save the King“ dürfen wir seit einigen Wochen wieder sagen, und mit der Wiedergabe von Onslows Streichquartett G-Dur op. 9/1, das im zweiten Satz die englische Hymne zitiert, gelang dem Mandelring Quartett beim Festkonzert ein klangprächtiger und repräsentativer Brückenschlag zum englischen Königshaus.

Wie gewohnt endete der Abend im Neustadter Saalbau mit einem Überraschungskonzert, bei dem unter anderem Hornist Johannes Hinterholzer zum Gartenschlauch-Virtuosen mutierte und Sebastian Schmidt mit dem legendären Bravourstück „Le canary“ seine Qualitäten als Teufelsgeiger unter Beweis stellen durfte.

Zum Vormerken: Das nächste Hambacher Musikfest findet von 29. Mai bis 2. Juni 2024 statt.

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