Bilder der Macht Kühl wie „Kraftwerk“: Was will uns das erste Gruppenbild der Regierungskoalitionäre sagen?
Vielleicht schon das berühmteste Selfie der blechernen Zwanzigerjahre, Annalena und die drei fancy Jungs, Volki, Chris und Robbie, offene Hemdkragen, lässig, die Ampel-Band backstage, die bleiernen Merkeljahre lappen im Hintergrund als loses Kabel von der Decke. Die Botschaft: Wir rocken das Ding.
Nun allerdings hat der Mann am Drücker, der Pfälzer Volker Wissing, erzählt, dass es für den ikonischen Schnappschuss acht Anläufe brauchte. Einmal schaute Habeck zu habeckisch. Dann flexte – Wissings Worte – der „Spirit“ nicht. Es hakte schon am Anfang. Zum Schluss der Ampelregierung war man zerstritten wie die Gallagher-Brüder von Oasis. Soll’s ein Omen werden: Jedenfalls liegt das nüchterne erste Gruppenbild mit Dame der Krawatten-Regierung Friedrich Merz bildästhetisch so weit von dem der Vorgänger entfernt, wie Bora Bora vom Sauerland.
Absicht oder Zufall, ist „Rambo Zambo“-Merz etwa (auch) popkultureller Checker? Die drei gleichgroßen Anzugträger und, na ja, Saskia Esken halt in minimalistischer Bluse mit geometrischen Mustern, stehen – was gleich allen aufgefallen ist – wie Kraftwerk vor ihren Pulten.
Gegründet Ende der Sechziger – in den Zeiten der ersten Großen Koalition unter Kanzler Kiesinger. Es handelt sich kurzum um die deutscheste aller Bands. Weltberühmt, Weltstandard „Made in Germany“. Ihre Markenzeichen: Kühle, Distanziertheit, Innovation, Vorsprung durch Technik. Die Kraftwerk-Mensch-Maschinen-Musik ist der Soundtrack der fetten Jahre gewesen. „Wir fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn“, ihren duldende Dauer illuminierenden Knaller „Autobahn“ kennt jedes Kind der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre – und die besten jungen Erwachsenen von heute.
Oft waren sie ihrer Zeit voraus. Im Kraftwerk-Song „Himmel hoch“ aus dem Jahr 1970 sind „Fliegerbombengeräusche“ im Hintergrund zu hören, was sich entfernt nach jetzt anhört. „Vor uns liegt ein weites Tal“ lautet eine Zeile in „Autobahn“ (1974), sie könnte auch als vorauseilende Gegenwartsbeschreibung durchgehen, während, dass die Sonne „im Glitzerstrahl“ scheint, doch eher nach Zukunftsmusik klingt. Und „Retrofuturismus“, die Ästhetik der Band, wie sie Kunstmenschen klassifizieren, nach der Politik von Friedrich Merz. Gleichwohl lag auch „Kraftwerk“ manchmal falsch.
So bleibt zu hoffen, dass es dem baldigen Kanzler mit seinen Wohlstandverheißungen nicht so geht wie der Band mit dem Titel „Nachrichten“, der 1975 erschien. Darin wird nämlich fabuliert, 1985 würden in Deutschland 55 Kraftwerke stehen. Eine – aus ihrer Sicht – apokalyptische Zukunftserfindung, die allerdings dann doch nie eingetreten ist.