Interview
Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken wird 75: Hier verrät er, was das mit ihm macht
Am Montag werden Sie 75 Jahre alt, davon haben Sie die letzten 50 mit der Band BAP zugebracht. Was treibt Sie heute noch an, Songs zu schreiben und auf die Bühne zu gehen?
Wir waren ja fast immer unterwegs. Es war selten, dass wir mal zwei Jahre nicht gespielt haben. Wir haben immer den Kontakt zu den Leuten gesucht und auch gehalten. Das ist uns wichtig. Und wenn ich heute auf der Bühne stehe, erkenne ich vom Gesicht her ganz viele Leute im Publikum wieder. Da ist eine unglaubliche Verbundenheit. Und das ist es letztlich auch, was mich immer weiter machen lässt: Zu sehen, wie das Publikum Spaß hat.
Schlagen wir mal den ganz großen Bogen zurück. Bevor Sie sich der Musik verschrieben haben, hatten Sie sich einer anderer Seite der Kunst zugewandt: Sie waren Maler. Was kann die Musik ausdrücken, was die Malerei nicht konnte?
Spontanität. So eine Ausstellungseröffnung, eine Vernissage, ist eine ganz andere Nummer als ein Rockkonzert. Die waren mir im Gegensatz zu Konzerten immer ein bisschen unangenehm. Wenn man es genau nimmt, macht sich das Publikum ja so ein Konzert selbst. Es ist emotional aufgeschlossen, direkt in den Reaktionen. Das macht unglaublich viel Spaß. Bei einer Kunstausstellung stehen die Leute vor einem Bild, was ja auch in Ordnung ist, und machen sich Gedanken dazu. Das ist wirklich komplett anders, heißt aber nicht, dass ich das nicht auch gerne gemacht habe.
Malen Sie heute noch?
Ich kümmere mich um alles, was bei uns mit Artwork zu tun hat. Und zwischendurch mache ich meine Collagen. Also ganz unterdrücken kann ich das nicht – aber richtig zum Malen komme ich nicht mehr. Und da ich weiß, dass ich dazu neige, mich zu verzetteln, fange ich auch erst gar nicht wieder damit an, denn dann mache ich nämlich weder das eine noch das andere richtig. Das macht keinen Sinn.
Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, Musik ist kein Hobby, das ist mein Lebensweg?
Ja, das weiß ich noch ganz genau. Das kann ich sogar vom Datum her benennen. Es war der 28. August 1982 – in unserem Durchbruchsjahr. Da haben wir auf der Loreley gespielt. Wir hatten überhaupt nicht damit gerechnet, was da auf einmal auf uns eingestürmt ist. Wir hatten gerade mit dem vierten Studioalbum unser drittes vom Thron gestoßen. Mit dem waren wir auf Platz 1 angekommen, als schon das nächste erschien. Wir hatten also Platz 1 und 2 der Album-Charts belegt. Und dann dieser Jubel, dass das Konzert über Eurovision in ganz Europa ausgestrahlt wurde. Wir hatten damals überhaupt keinen Karriereplan. Wir dachten, wir machen das ein paar Jahre und dann geht jeder in seinen Beruf oder ins Studium zurück und gut ist. Doch auf einmal wurde mir an dem Tag klar, das scheint ein bisschen länger zu dauern - vielleicht zehn Jahre oder so.
Köln ist ja mehr als nur Kulisse für Ihre Musik. Ist es ein Lebensgefühl, das sich in der Musik ausdrückt?
Die Leute hier sind grundsätzlich aufgeschlossen und nett. Das erfährt man direkt, wenn man als Fremder nach Köln kommt und sich mal an eine Theke stellt. Man bleibt keine fünf Minuten alleine. Irgendeiner drängt dir ein Gespräch auf. Dieser Kölsch-Patriotismus kann manchmal ein bisschen peinlich werden, aber das ist okay. Ich bin hier aufgewachsen. Ich kann Dir hier in einem Radius von einem Kilometer rund um den Chlodwigplatz von jeder Straßenecke eine Story erzählen. Es ist meine Heimat, es ist mein Heimatdorf. Und ich bin, wenn ich da durch die Gegend gehe, nichts Besonderes. Die Leute kennen mich und grüßen nett. Alles wunderbar.
Und der Blick auf Deutschland – hat sich der im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Natürlich hat sich da was verändert. Mittlerweile ist die zweitstärkste Partei in Deutschland leider eine rechtsnationale Partei. Das ist Horror. Das hätte ich so nicht für möglich gehalten. Aber auch die Medien haben sich verändert – da muss man nur mal auf diese ganzen sogenannten Sozialen Medien blicken, wo die Leute nur noch Überschriften-Journalismus finden oder manipuliert werden wie nur was – und das wird ja durch die KI immer schlimmer. Du kannst ja alles Mögliche künstlich erzeugen und die Leute in Richtungen manipulieren, in die sie gar nicht wollen. Das ist sehr, sehr bedenklich und eine Situation, die wir weltweit vorfinden. Wir müssen aber in Deutschland vor der eigenen Haustür kehren. Ich bin mir allerdings noch nicht so richtig sicher, wie man an die Leute herankommt.
Und welche Rolle kann Musik in diesen Zeiten zunehmender Polarisierung spielen?
Wenn man Live-Musik auf der Bühne spielt, kann einem keiner reinreden. Wir spielen das, was wir wollen, und damit kommen wir auch ganz nah an die Leute ran. Das ist wichtig. Da kann einem keiner irgendwas vorschreiben. Mit Musik kannst du die Leute erreichen und kannst sie vor dem Verhärten bewahren, denn dahin werden sie von den Sozialen Medien immer weiter getrieben und werden immer härter, immer verbissener. Vor dieser Härte und Verbissenheit kann Musik bewahren. Das ist wunderschön. Allerdings müssen irgendwann insbesondere auch die öffentlich-rechtlichen Medien mal mitspielen und kritische Sachen zulassen, statt ständig bemüht sein, gute Laune zu verbreiten. Wenn irgendwo mal rechte Ausschreitungen oder andere schlimme Sachen passieren, dann läuft schon mal „Kristallnaach“, da das alle kennen. Das war es dann aber auch schon. Insoweit müsste wirklich mal was passieren.
Die deutsche Pop- und Rockmusik der letzten Jahre ist ja eher von Weinerlichkeit und privater Nabelschau geprägt. Fehlt da nicht der Biss, auch mal anzuecken?
Ja, das ist komplett konfektioniert, eins wie das andere.
Was unterscheidet den jungen Niedecken vom heutigen Niedecken?
Ich bin eigentlich ganz stolz darauf, dass ich immer in meiner Spur geblieben bin. Ich habe immer noch die gleichen Interessen. Ich habe allerdings auch ein unglaubliches Glück gehabt. Wer kann schon über all die Jahre von seinem Hobby leben, seine Familie davon ernähren und durch die Welt reisen. Im Mickey-Maus-Heft war es Gustav Gans, dem alles in den Schoß gefallen ist, der aber auch ein arrogantes, nerviges Arschloch war. Dagegen bin ich so eine Art netter Gustav Gans.
Wenn ich Ihre Tourneepläne ansehe, ist mit 75 noch lange nicht Schluss. Also nichts mit Rente?
Ich weiß noch, als ich 65 wurde, stand das Telefon nicht still. Alle wollten etwas zum Thema 65 hören. Ich habe gar nicht gewusst, was die wollten. 65 war doch gar keine runde Zahl. Dass man da normalerweise in Rente geht, ist mir erst an diesem Tag bewusst geworden. Aber ich mache so lange weiter, wie ich fit bin. Allerdings will ich nicht zu weit in die Zukunft planen, weil ich ja auch nicht weiß, wie sich eins aus dem anderen entwickelt. Nach dieser Devise lebe ich eigentlich schon die ganze Zeit. Ich werde jetzt 75, mein Vater ist nur 76 geworden, meine Mutter 79 und mein Halbbruder sogar nur 60. Also da kann man sich schon mal Gedanken darüber machen, wie man sich seine Zeit einteilen soll.
Ist es aber nicht schwierig, selbst den Zeitpunkt zu finden, mit Würde von der Bühne abzutreten?
Ich denke, dass ich es selber merken werde, wenn ich es nicht mehr kann, wenn es sich merkwürdig anfühlt. Falls ich es nicht merken sollte, würden meine drei Damen daheim mir das schon stecken.
Welche Phase hat Sie als Künstler am stärksten geprägt?
Das war, und das hat jetzt mit Musik erstmal gar nichts zu tun, als ich 1974 zum ersten Mal in den USA war und mich in der New Yorker Kunstszene herumgetrieben und auch bei weltbekannten Malern assistiert habe. Da habe ich richtig eine andere Luft gespürt. Die Zeit war für mich bewusstseinserweiternd. Dann bin ich wieder zurück und habe mein Examen gemacht. Mein Vater fand das mit der Malerei überhaupt nicht gut, weshalb ich auf jeden Fall zeigen musste, dass ich da engagiert bin und nicht so einen Pseudo-Bohemian abgebe, der den ganzen Tag nur in der Kneipe rumhängt und kifft. Und dann kam die Phase, wo ich durch die Kneipen getingelt bin und von meinen Solo-Gigs als Musiker leben konnte. Das war eine gute Schule, war aber alles noch nicht auf ein Berufsziel ausgerichtet. Zu der Zeit war ich hauptsächlich Maler, konnte aber von dem bisschen Kneipenmusik leben.
Sie haben ja auch gesundheitliche Rückschläge erlebt. Wie verändert so eine Krise den Blick auf Karriere und auf Prioritäten?
Den Schlaganfall habe ich als Gelbe Karte wahrgenommen, und um Gelb-Rot habe ich nicht gebettelt. Der Schlaganfall war ja nicht Folge eines unsoliden Lebenswandels, sondern ich hatte eine Woche durchgehustet und durch diesen Husten hat sich in der Halsschlagader eine Wunde gebildet, aus der ein Gerinnsel ins Gehirn gestiegen ist. Der Schlaganfall wurde also eigentlich durch einen dämlichen Husten ausgelöst. Aber trotzdem hatte ich ein halbes Jahr Wortfindungsprobleme. Am Anfang konnte ich gar nicht sprechen. Meine rechte Seite war mehr oder weniger gelähmt. Ich habe zwar Gitarre gespielt, aber das Plektrum fiel ständig aus der Hand. Ich hatte kein Gefühl mehr in den Fingern. Und viele Worte musste ich auch neu lernen. Nur das Kölsch, meine Muttersprache, war noch da. Hochdeutsch nicht mehr. Das war ein irres Erlebnis. Und auch wenn niemand damals daran geglaubt hat, für mich war klar, dass ich weiter Musik machen werde.
Hat sich Ihr Verhältnis zu Ruhm und Öffentlichkeit im Laufe der Jahrzehnte verändert?
Ich bin ja immer in meiner Heimatstadt wohnen geblieben. Deshalb kennen mich hier auch viele Leute und je nachdem, ob ich viel im Fernsehen oder in der Zeitung bin, drehen sich mehr Leute als sonst nach mir um. Aber trotzdem kann ich ungestört mit der Straßenbahn fahren. Die Leute sind alle nett zu mir. So war ich einen Monat nach dem Schlagerfall mit meiner Tochter im Supermarkt einkaufen. Als ich draußen auf sie gewartet habe, kommt eine Oma mit einem Rollator direkt auf mich zu und sagt, „Jung, dat ess esu schön, dat et dir widder joot jeht!“. Sagt es, dreht sie sich um und geht wieder in die gleiche Richtung, aus der sie gekommen war.
Info
Vergangenes Jahr stand Niedecken dem Speyerer Künstler Thomas Duttenhoefer im Tiefenthaler Kunstkabinett von Wolfgang Thomeczek Modell. (wir berichteten) Im Spätsommer zeigt eine Ausstellung dort das Ergebnis.