Kunst „Johnny, das ergibt doch gar keinen Sinn“: Jonathan Meese in Ludwigshafen

Meese macht in seiner Schau Meese-Sachen mit Mutter Brigitte Renate.
Meese macht in seiner Schau Meese-Sachen mit Mutter Brigitte Renate.

Das Hack-Museum zeigt die Künstlerbücher des Kunst-Berserkers und selbsternannten Muttersöhnchens Jonathan Meese. Natürlich ein Coup für Lu.

Von Jonathan Meese kann man halten, was man will. Ihm egal. Seine großflächig mit Farbe, na ja, bereicherten und hieroglyphisch betexteten Leinwände, auf denen bisweilen seine Unterhosen getackert sind, heißen „MIT DIESEM ULTRAGEILEN FLEEZESHIRT KANNST DU RICHTIG AUF PLANETUSSE ,VENUSS„ ABSCHLABBERN, SAGT COLONOL ,PLANETO HITSPECHTL„ (FREEEEZE)“. Oder so ähnlich. Muss man nicht verstehen. Meese, 55, in Tokio geboren, aufgewachsen als in Privat-Sprachen und -Obsession versponnenes Kind im holsteinischen Ahrensburg, lebt zumindest als Kunstkauzfigur Jonathan Meese sowieso in seiner eigenen, sich selbst ausgrenzenden, hermetischen Welt.

Ein Kindskopf, Scharlatan, vielleicht auch Erz-Künstler, neuer Hugo Ball, Joseph Beuys oder, wie er selbst glaubt: ganz was Neues, das die Zukunft beherrschen wird. Seit 2006 propagiert er die „Diktatur der Kunst“ als „die einzige und letzte menschenungemachte Weltanschauung“. Regelmäßig redet er sich in bis zu sechsstündigen Performances in wirrste Rage. Für ihn ist alles gut, auch das „Busfahren mit Liebe“ Kunstpraxis, alles Spiel, alles gleichwichtig und immer – wie für jeden gescheiten Skeptiker – auch das Gegenteil richtig. Die Diagnose seiner, bei jedem seiner Auftritte livehaftig allgegenwärtigen, inzwischen 96-jährigen Mutter lautet: „Jonathan hatte keine Pubertät. Wenn die anderen in die Disco gingen und rauchten, saß er in seinem Zimmer und hörte Hörspiele. Seine Pubertät hat er jetzt als erwachsener Mensch.“

Hitler-Gruß am Rand

Kein Wunder, dass er, die – zumindest zeitweise – fast Weltberühmtheit, mit Zottelhaar und -bart, gespielt oder nicht, in aller Öffentlichkeit Hitler-grüßend und salutierend am äußersten Rand der Nervenheilkunde laboriert. Jetzt ist der Wahlberliner, der zwei Tage die Woche in seine Hamburg-nahe Kindheitsheimat zurückkehrt, um mit seinen Stofftieren zu spielen, also in Ludwigshafen gelandet.

Im Hack-Museum wird ihm – wie zuvor etwa auch den deutschen Weltstars Gerhard Richter und Sigmar Polke – eine Kabinettausstellung gewährt. „JONATHAN MEESE: GESAMTKUNSTWERK ,ERZBUCH’ (BUCH DER BÜCHER)“ heißt die Schau, die eine Auswahl seiner zwischen 1993 bis ungefähr 2007 geschaffenen Künstlerbücher, beschrifteten Kladden, Zeichnungsromane, Comics, Leitzordner und „Propagandabücher“ in Vitrinen zeigt. Dazu, in braunen Schubern ausstehende Atlanten, in Schlangenleder-Imitat und mit goldgeprägten Titeln versehen wie eine Heilige Schrift. Anlass der von Meese als „wichtigste Schau bisher“ gefeierten Ausstellung, ist ein zu dem weit gefassten Komplex erschienenes, von Robert Eikmeyer, Stephan Kallage und Doris Mampe herausgegebenes Werkverzeichnis aller dazugehörigen Arbeiten.

Wann sieht es im Museum schon mal aus, wie in einem Vierzehnjährigen-Zimmer aus den Achtzigerjahren: Meese-Installation.
Wann sieht es im Museum schon mal aus, wie in einem Vierzehnjährigen-Zimmer aus den Achtzigerjahren: Meese-Installation.

380 sind es, denn obwohl auch Künstler wie Anselm Kiefer, Hamilton Finlay oder Richard Prince dem Medium einen Teil ihrer Schaffenskraft widmen, ist Meese auch in diesem Metier wieder einmal Erz-Produktionsweltmeister. Hunderttausend Seiten und Blätter habe er produziert, erzählt er gerne. Dazu die Geschichte, dass seine Mutter 1995, da war er noch Student an der Hochschule für bildende Kunst Hamburg, nach 800 Seiten erschöpft das Abtippen seiner, ihm von der Kunst höchstselbst eingegebenen und handschriftlich festgehaltenen Einfälle aufgeben musste.

„Zischt es Euch ruhig … Gurrrrr“

„Johnny, das ergibt doch gar keinen Sinn, was du schreibst“, habe sie gesagt, erzählt er also auch wieder bei der ereignishaften Pressekonferenz am Donnerstagmorgen im Hack-Museum. Und während seine bemützt auf dem Rollator sitzende Mutter seufzend zustimmt, beharrt er darauf, dass jeder seiner Sätze „ein Manifest“ sei. Dazu zählt dann auch die Passage in einem der „Propagandabücher“, in der es heißt „Blubber-Fratze gesteht: Sorry, aber in mir ist momentan eine Art double-feeling angesiedelt: alles andere ist nicht so mein Ding … ciao … ihr seid doch nichts als Katzen im Sack … aber zischt es Euch ruhig … Gurrrrr.“ Bei allem double-feeling, was in einem gegenüber Meese angesiedelt ist, seine Schau in Lu ist natürlich ein Coup.

Der Künstler als junger Mann. Ausschnitt aus einem Künstlerbuch.
Der Künstler als junger Mann. Ausschnitt aus einem Künstlerbuch.

Wann sonst bekommt man denn in Pfälzer Museen eine Kunstausstellung zu sehen, die teils an überbordende Vierzehnjährigen-Zimmer aus den Achtzigerjahren erinnert. Die Stofftiersammlung griffbereit verstaut zwischen Science-Fiction-Masken, Groschenheften, Boney-M-Plakaten, Pop-Platten, Plunder und gelben Suhrkamp-Taschenbüchern. Bei Meese ist alles High und Low. Richard Wagner, sagt er also bei der Pressekonferenz in die mitfilmende Runde, sei für ihn der wichtigste und beste Künstler überhaupt, das heißt natürlich „genauso wichtig wie ein Stofftier“.

Alles gleich wichtig: Ausgestelltes Künstlerbuch.
Alles gleich wichtig: Ausgestelltes Künstlerbuch.

In Meeses Kosmos hat Werbung für einen Sciene-Fiction-Horror-Film wie „Teenage Mother“ (1958) die gleiche Bedeutung wie ein Gemälde von Van Gogh. Aufnahmen von Hitler stehen neben Pornobildern, das Foto des Seins-Philosophen Martin Heidegger ist auf ein Groschenheft geklebt. Eine Reizüberflutung, die im Dienste einer Relativierung vermeintlicher Realität steht, wie der Kunstphilosoph Wolfgang Ullrich im Katalog erklärt. Die Lektüre von Meeses Büchern, schreibt Ullrich, gleiche einem „Exerzitium, das von Überreizung und semantischen Hypertrophien reinigt und daher als Bedeutungsdiätik bezeichnet werden kann“. Meese selbst meint: „Entwerte, entwerte die ganze Zeit.“

Wurst berührt Viereck

Zu sehen sind linierte Hefte mit Gekritzel, Blätter auf denen, kindlich gezeichnet und beschriftet, ein Viereck eine „Zahnbürste“, eine „Bohne“ und eine „Wurst“ – „berührt“. Daneben dicke Klopper wie „Mishima I“, ein Zitat, das sich auf einen Film über die letzten Tage des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima bezieht, der 1970 in Tokio Selbstmord beging. Dort, wo Meese im selben Jahr geboren wurde. Das Riesenbuch ist voller Doppelseiten mit gedrucktem Bildmaterial, Collagen, Fotos, Kopien, dazu Zeichnungen, Malereien, Text. Alles ungefiltert, so, wie er redet und sich echauffiert. Zum Schluss also vielleicht noch ein paar seiner Donnerstagmorgensätze: „Jane Fonda ist für mich ewiglich Kunst.“ „Tiere machen nur Kunst.“ „Family Business ist Kunst.“ „Wenn man sich nicht in Pippi Langstrumpf verlieben kann, hat man mit Kunst nichts zu tun.“ Wobei, mein persönlicher Favorit steht dann doch in einem der Künstlerbücher: „Ihr seid die Luschen Euer selbst. Generell sag’ ich Euch nicht ohne Stolz: I AM IN TOWN AGAIN.“

Die Ausstellung

„JONATHAN MEESE: GESAMTKUNSTWERK ,ERZBUCH’ (BUCH DER BÜCHER)“, bis 6. April 2026. Das Werkverzeichnis „Jonathan Meese. Buch der Bücher“ ist im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen. Info: www.wilhelmhack.museum.de

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