Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Iran: Die Möglichkeit von Literatur als Widerstand

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Amir Hassan Cheheltans Roman „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ zeigt, dass Lesen auch im Leben hilft . Besonders, wenn es darum geht, den Herrschenden etwas entgegen zu setzen, sei es nun der Schah, oder seien es die Mullahs.

Amir Hassan Cheheltans „Der Zirkel der Literaturliebhaber“ ist ein Roman über die Kindheit und Jugend eines künftigen Schriftstellers, zugleich aber auch eine Geschichte der klassischen persischen Literatur, vorgestellt und ausgetauscht bei einem immer donnerstags in einem der besseren Viertel Teherans stattfindenden Treffen in schwierigen Zeiten. In den 1960er und 70er Jahren sind es der Repressionsapparat des Schah-Regimes und dessen Geheimdienst Savak und ab 1979 die Mullahs und ihre Revolutionsgarden, die die Bevölkerung – und somit auch die Literaturliebhaber – terrorisieren.

Amir Hassan Cheheltan ist ein iranischer Autor, er schreibt auf Farsi. Aber seine inzwischen neun Bücher erschienen alle zuerst auf Deutsch und in Deutschland, weil sie von der iranischen Zensurbehörde zuverlässig verhindert wurden und der 1956 in Teheran geborene und als Elektroingenieur ausgebildete Autor sich weigerte, vor den islamistischen Unterdrückern zu kuschen. Auch sein neuestes Werk konnte also nicht in der Originalsprache publiziert werden.

Gedanken eines persischen Pubertierenden

Anders als sein Roman „Der standhafte Papagei. Erinnerungen an Teheran 1979“ von 2018, in dem Cheheltan durch die Augen von Herrn Firuz, Besitzer eines Spirituosenladens im Zentrum der Hauptstadt, von den Schandtaten der mit Khomeini verbundenen Basidischi-Miliz berichtet, ist „Zirkel der Literaturliebhaber“ ein stilles Buch. Es erzählt, wohl weitgehend autobiografisch, von einem Jungen, der in einer sehr liebevollen Intellektuellen-Familie – Vater Literatur-Professor, Mutter Lehrerin – aufwächst und die politischen Verwerfungen quasi nur am Rande miterlebt.

Umso intensiver sind die Assoziationen des irgendwann auch pubertierenden Ich-Erzählers, nicht nur über die Poesie, die er – gelegentlich zum Literaturzirkel zugelassen – mehr oder weniger unbewusst miterlebt und innerlich noch einmal „durchdiskutiert“, sondern auch über die Veränderungen seines Körpers und dessen neue Bedürfnisse. Unvorstellbar, dass die offen geschilderten, manchmal völlig in die anatomische und physiologische Irre gehenden Gedanken des Knaben über den Körper seiner Mutter, Großmutter und einer besonders korpulenten Literaturliebhaberin die iranische Zensur passiert hätten.

Politik und Erotik, die zwei Säulen der Literatur

Literatur beruhe immer auf zwei Säulen: Politik und Erotik, sagte Cheheltan 2019 in einem Interview, weshalb es für ihn absehbar sei, dass die iranische Literatur mit der Zeit unweigerlich verarme, wenn seine Schriftstellerkollegen, anders wohl als einige Filmemacher, sich immer stärker mit den Gegebenheiten arrangierten und in Anspielungen und Metaphern flüchteten. Dabei sei die Poesie der ruhmreichen persischen Dichter wie Rumi (1207 - 1273), Hafiz (1315 - 1390) und Saadi (1210 - 1292) nicht nur grenzenlos frei und sozusagen weltbürgerlich offen, sondern geradezu subversiv und damit belebend, auch in Bezug auf die körperliche Liebe. Kein Wunder also, dass im Literaturzirkel mit großer Leidenschaft die Klassiker verhandelt werden, und man – vielleicht gerade dadurch – allzu lange übersieht, dass sich zwei Spitzel unter die sich lange unpolitisch gebenden Mitglieder gemischt haben.

Selbst als irgendwann die Realität draußen vor der Tür über die Schwelle des Hauses tritt und der Kreis sich zunehmend verkleinert: Literatur hilft auch im Leben. Als Cheheltan im Alter von 24 als junger Offizier in den Irak-Krieg ziehen muss, hat er zuerst Saadis „Duftgarten“ im Gepäck und später, nach jedem Fronturlaub, viele andere, dem Mullah-Regime unverdächtige, weil wohl niemals gelesene Klassiker, keine Leckereien von Mama also, wie die anderen Soldaten. Inmitten von Gewalt und unerträglichem Lärm kann er so „buchstäblich“ überleben.

Lesezeichen

  • Amir Hassan Cheheltan: „Der Zirkel der Literaturliebhaber“, C.H. Beck Verlag, 252 Seiten; 17,99 Euro .

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