Berlinale
Intendantin Tricia Tuttle will Festival weiter führen
76 Mal hat die Berlinale nun stattgefunden, selbst während der Pandemie. Kontroversen, teils heftige, gab es in dieser Zeit durchaus, auch einen Festivalabbruch. Aber stets wurde dabei um Filmkunst gerungen, nicht um das Drumherum.
Der Streit um die Zukunft der Berlinale stimmt traurig. Zumal eine Entscheidung über die Führung keine Lösung der Frage mit sich bringen dürfte, was jemand auf einer Preisverleihung wohl sagen wird. Ein Filmfestival ist zwar kein Ort, um sich in einem Krieg zu positionieren, doch offenbar sieht dies die internationale Filmwelt anders. Wie kann es weiter gehen?
Freiheit für die Kunst?
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wünscht sich, dass bei Preisverleihungen niemand mehr Deutschland vorwirft, „Partner in einem Völkermord“ zu sein, wie es der syrisch-palästinensische, in Deutschland lebende Regisseur Abdallah Alkhatib am Samstag vor einer Woche in seiner Dankesrede auf der Berlinale-Abschlussgala tat. Sein Film „Chronicles From The Siege“ hatte den Preis als bestes Debüt gewonnen – zu Recht, sagen Kritiker, die den Film gesehen haben. Dennoch war die Entscheidung für diesen Film vielleicht zugleich ein politischer Kommentar.
Wie könnte verhindert werden, dass es 2027 ähnliche Szenen geben wird? Und sollte es das? Dass bis dahin Frieden in Nahost herrscht, ist ein Wunschtraum. Soll also kein palästinensischer Filmemacher mehr auf der Berlinale prämiert werden? Das verlangt Wolfram Weimer sicher nicht. Schließlich wäre das ein Eingriff in die Kunstfreiheit und in die Unabhängigkeit des Festivalprogramms. Sollte die interne Diskussion in diese Richtung gehen, wäre das Festival am Ende. Kein Regisseur würde mehr einen Film einreichen. Und niemand würde ein solches Festival leiten wollen.
Versöhnliche Signale
Was also wird besprochen? Für diesen Mittwochmittag ist eine Aufsichtsratssitzung der Trägergesellschaft der Berlinale einberufen, Vorsitzender ist Wolfram Weimer. Und wie schon vor fünf Tagen, als die erste Sondersitzung anstand, gibt es einen Tag zuvor bereits Hinweise: Sie gehen nun in die gegenteilige Richtung als zuvor und lassen auf eine versöhnliche Einigung hoffen: Berlinale-Chefin Tricia Tuttle hat in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur (dpa) angekündigt, dass sie die Berlinale weiter führen möchte.
Es ist ihre erste öffentliche Wortmeldung, seit es hieß, sie solle entlassen werden. Diese Information hatte die „Bild“-Zeitung vergangenen Donnerstag gestreut. Auf der am Freitag folgenden Sitzung wurde dann keine Entscheidung getroffen. Zwischendurch hieß es aus Weimers Büro, Tuttle selbst habe zu verstehen gegeben, sie wolle die Leitung abgeben. Hat sie ihre Meinung geändert, nachdem ihr Tausende Filmschaffende Unterstützung zugesagt haben und zugleich die Einmischung der staatlichen Geldgeber als Eingriffe in die Kunstfreiheit geißelten? Oder hatte sie doch nie selbst überlegt hinzuschmeißen?
Tuttles Zweifel
Die Wahrheit liegt offenbar dazwischen. Sie habe bereits vor sieben Tagen mit Weimer gesprochen und sich dabei gefragt, „ob ich in einem Umfeld, in dem meine Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich ernsthaft in Zweifel gezogen wurden, weiterhin effektiv arbeiten könnte. Wir diskutierten die Möglichkeit meiner einvernehmlichen Kündigung. Das waren ehrliche Gespräche“, sagte Tricia Tuttle nun gegenüber dpa. Und sie äußerte sich in diesem schriftlich geführten Interview auch zu den vielen Stimmen, die sie unterstützten: Die breite Resonanz habe auch unterstrichen, dass es in der Debatte nicht um eine einzelne Preisverleihung oder eine Person gehe, sondern darum, „dass kulturelle Einrichtungen darauf vertrauen können müssen, innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen agieren zu können“. Die starke Botschaft ihrer vielen Unterstützer hätte auch ihre eigene „Klarheit nach einigen schwierigen Wochen wiederhergestellt“.
Sie hatte also tatsächlich gezweifelt. Und unabhängig davon, ob die „Bild“-Information über Überlegungen, sie abzurufen, dennoch einen wahren Kern hatte: Die merkwürdige öffentliche Diskussion im Vorfeld und Nachgang interner Gespräche wirkt sich positiv aus. Das Ergebnis der Sitzung morgen jedenfalls kann nur lauten: Es geht weiter mit Tricia Tuttle. Und ihr Programmteam hat weiter freie Hand, die seiner Ansicht nach besten Filme auszuwählen und gegensätzliche Meinungen zuzulassen.
Wunsch nach „institutioneller Unabhängigkeit“
„Wir sind auf einem guten Weg, die Berlinale zukunftsfest aufzustellen“, sagte Wolfram Weimer diesen Dienstag dazu der Deutschen Presseagentur. Über Details werde am Mittwochmittag auf der Sitzung gesprochen. Mehr sagte er zunächst nicht.
Tuttle selbst wurde ausführlicher und nannte quasi via dpa schon ihre Bedingung: „Ich bin sehr stolz auf mein Team und das Festival und möchte die gemeinsam begonnene Arbeit in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit fortsetzen.“ Beides muss Weimer garantieren, damit es auch eine 77. Berlinale geben kann.