Berlinale Intendantin Tricia Tuttle darf bleiben

Gestärkt nach der Krise? Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt im Amt.
Gestärkt nach der Krise? Berlinale-Chefin Tricia Tuttle bleibt im Amt.

Tricia Tuttle bleibt Chefin der Berlinale, bekommt aber „Empfehlungen“ mit. Dies ist das nicht vollends überzeugende Ergebnis der jüngsten Krisensitzung.

Seit einer Woche wird in der Öffentlichkeit das Ringen um die Zukunft der Berlinale diskutiert, nachdem Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eine außerordentliche Sitzung des Aufsichtsrats der Berlinale-Trägergesellschaft einberufen hatte. Auslöser war eine Preisträgerrede auf der Abschlussgala: Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib warf der Bundesregierung vor, Partner „des Völkermords im Gazastreifen“ zu sein. Im Raum stand vor der dann ergebnislosen Sitzung eine Trennung von Intendantin Tricia Tuttle, die seit 2024 die Berlinale führt.

Nach aufwühlenden Offenen Briefen und Petitionen von Filmkünstlern, die sich für Tricia Tuttle einsetzten und vor einem Eingriff in die Kunst- und Meinungsfreiheit warnten, hatte sich jedoch eine Kehrtwende abgezeichnet. Nun gab es diesen Mittwochmittag in einer weiteren Sitzung des Aufsichtsrats, dessen Vorsitzender Weimer ist, grünes Licht für Tuttles Weiterbeschäftigung.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte die Anti-Israel-Rede eines Regisseurs auf der Berlinale-Abschlussgala zum Anlass für K
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte die Anti-Israel-Rede eines Regisseurs auf der Berlinale-Abschlussgala zum Anlass für Krisensitzungen genommen.

„Es gibt die Entscheidung, dass Frau Tuttle weitermacht“, sagte Wolfram Weimer danach im Kulturausschuss des Bundestags. Er sei nun „guter Hoffnung, dass die Turbulenzen der vergangenen Wochen rund um die Berlinale aufhören und geheilt werden“ könnten.

Details wiederum verbreitete das Gremium namens Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) als Träger der Berlinale in einer Pressemitteilung: „Der Aufsichtsrat begrüßt die Bereitschaft der Intendantin, Tricia Tuttle, ihre Tätigkeit fortzusetzen und bedauert die Überlagerung künstlerischer Arbeit der jüngsten Berlinale durch politischen Aktivismus“, heißt es darin.

„Verhaltenskodex“ und „beratendes Forum“

Zugleich formulierte der Aufsichtsrat „Empfehlungen für die Stärkung des Festivals“. Geplant sei ein – der Öffentlichkeit bisher nicht näher erklärter – „Verhaltenskodex“. Er soll für alle Kulturveranstaltungen des Bundes gelten. Vorgesehen sei zudem ein „beratendes Forum“. Wie dieses Forum aussehen und arbeiten soll, wird nicht näher definiert. Zudem betont der Aufsichtsrat, dass er sich dem Ziel der KBB anschließe, „jüdische Perspektiven zu schützen, zu fördern und hörbar zu machen“. Außerdem heißt es vage, die Berlinale möge sich „personell und finanziell zukunftsfest machen, insbesondere mit Blick auf die Einbeziehung der Filmwirtschaft, der Medienhäuser sowie potenzieller Investoren“.

Die „Empfehlungen“ dienten dazu, das Festival „langfristig weiterzuentwickeln“ und die „gesellschaftliche Akzeptanz sowie die wirtschaftliche Stabilität“ der Berlinale abzusichern. Zugleich lobte der Minister in der Mitteilung Tuttles Führung: Sie habe „der Berlinale den Weg aus einer sich bereits länger abzeichnenden Krise gewiesen. Ich bedanke mich für ihre Bereitschaft, diesen Weg fortzuführen.“ Sein Ministerium und der Aufsichtsrat würden „die notwendigen Prozesse konstruktiv begleiten“. Und: „Die Kunst und die Künstler sollen wieder im Zentrum der Berlinale stehen.“

Tricia Tuttle hatte bereits am Montagabend in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur schriftlich mitgeteilt, die Berlinale weiterzuleiten. Sie hat einen Vertrag bis 2029. Sie hatte allerdings auch die „Unabhängigkeit in der Programmgestaltung und der institutionellen Leitung“ zur Bedingung gemacht. Nach der gestrigen Sitzung wird auch sie in der offiziellen Pressemitteilung des KBB-Aufsichtsrats zitiert: Sie begrüße die Entscheidung des Aufsichtsrats, „sein Vertrauen in meine Leitung der Berlinale zu bekräftigen“. Sie kündigte an, die Empfehlungen des Gremiums „sorgfältig prüfen“ zu wollen, und dankte dem Aufsichtsrat „dafür, dass er die Bedeutung der Unabhängigkeit unserer Arbeit erneut hervorgehoben hat“.

Viele Künstler hatten sich hinter die Berlinale-Intendantin gestellt.
Viele Künstler hatten sich hinter die Berlinale-Intendantin gestellt.

Im Interview mit der Deutschen Presseagentur hatte die 56-Jährige ihre Arbeit genauer beschrieben: „Meine Verantwortung als Direktorin, die ich sehr ernst nehme, besteht darin, allen Beteiligten – Geldgebern, Filmemachern, Branchenvertretern, Sponsoren, dem Publikum und meinem Team – aufmerksam zuzuhören, aber letztendlich unabhängige Entscheidungen innerhalb unserer rechtlichen und institutionellen Rahmenbedingungen zu treffen.“ Sie und ihr Team seien „rechenschaftspflichtig für die öffentlichen Mittel, die etwa 40 Prozent unseres Budgets ausmachen. Diese Rechenschaftspflicht umfasst Transparenz, gute Führung der Organisation und wirtschaftliche Effizienz“. Sie verwies aber auch darauf, dass die Berlinale, die im zweiten Jahr ihrer Führung erneut ein Zuschauerplus verbuchte, 60 Prozent ihres Budgets selbst verdiene. „Die Berlinale ist also kein Subventionsprojekt, sondern eine öffentliche Investition in die internationale kulturelle Präsenz Deutschlands. Sie ist auch ein Wirtschaftsmotor, der Arbeitsplätze und jährlich mehr als 100 Millionen Euro an wirtschaftlichem Gesamteffekt generiert“, betonte sie.

Das Gesicht wahren.

Das ist durchaus so zu interpretieren, dass Tuttle genau weiß, wie sie die Berlinale führen möchte – und dass sie sich nicht hineinreden lassen wird. Dienen die vage gehaltenen „Empfehlungen für die Stärkung des Festivals, um es langfristig weiterzuentwickeln“ des Aufsichtsrats also nun eher dazu, damit das Gremium und Minister Weimer unbeschadet aus der unrühmlichen Debatte heraustreten können?

In die künftige Gestaltung der Abschlussgala scheint sich Tuttle zumindest nicht hineinreden lassen zu wollen. „Es ist völlig legitim, dass Menschen mit dem, was auf der Bühne gesagt wird, nicht einverstanden sind. Demokratischer Diskurs beinhaltet Meinungsverschiedenheiten, und die Emotionen kochen auf allen Seiten hoch. Aber diese Art von Meinungsverschiedenheiten sollte nicht zu einer institutionellen Krise oder Richtlinie führen“, hatte sie im dpa-Interview betont.

Doch gab sie sich auch versöhnlich: „Die Intensität dieser Debatte zeigt etwas, das ich innerhalb des Festivals selbst beobachtet habe: Deutschland hat eine robuste und aktive Demokratie, und die Menschen legen großen Wert auf Kultur. Als jemand, der nicht hier aufgewachsen ist, aber gerne hier arbeitet, finde ich diese Ernsthaftigkeit inspirierend. Es gibt auch Elemente dieser Diskussion, die Deutschlands historische Verantwortung nach dem Holocaust berühren. Als Leiterin einer so wichtigen Kulturinstitution nehme ich diese Verantwortung sehr ernst.“

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