Literatur
Immer schon ein König: Der neue Roman von Nobelpreisträger Lászlo Krasznahorkai
Eine Satire, eine Tragödie. Jósef Kada ist 91, Elektriker außer Dienst – und nicht nur sein Name gemahnt an Franz Kafkas Josef K. Kada jedenfalls haust mit Hund Zsömle ärmlich oben an der höchsten Stelle des Waldes, auf der Bergkuppe eines Kaffs bei Eger, Nordungarn. Mit Bellevue, zugegeben. Aber eigentlich sollte „Onkel Jószi“, wenn es nach ihm ginge, auf einem Thron residieren. Eine Sicht, die auch die Gruppe von „sieben oder wie viel Mann“ teilt, die eines Tages bei dem Kauz auftaucht und ihn – wie er sich selbst – ernsthaft für den rechtmäßigen König von Ungarn hält.
Am Anfang: „Dschingis Khan“
Ein Landwirt ist unter den Besuchern, der heißt wie der Operettenkomponist: Lehár. Ein Autolackierer, Privatgelehrte, ein Professor – alles Angehörige obskurer Verbindungen wie der „Weltnationalen Volksherrschaftspartei“, der „Vierundsechzig Burgkomitate“, der „Miles Christi“ etc. Auch ein gewisser László Krasznahorkai gehört zu denen, die fest an Abenteuerliches glauben: dass mit Onkel Jószi der „Enkel des Enkels von Dschingis Khan“ und Verwandte von Béla IV. aus der Dynastie der Arpáden bei Kanisterwein mit ihnen zusammensitzt. Der aktuelle Literaturnobelpreisträger Krasznahorkai leistet sich in seinem 2024 im ungarischen Original erschienenen Roman „Zsömle ist weg“ einen herrlichen Cameoauftritt als verschrobener Musiklehrer und Sänger ungarischer Volksweisen.
Und warum auch nicht? Der verhinderte Jószi I., der vorgibt, 1944 von Reichsverweser Miklós Horthy in einer Geheimzeremonie zum König von Ungarn gekrönt worden zu sein – verkehrt, wer’s glaubt –, auch sonst mit Größen: mit dem Papst, dem „Dschimmi Karter“, „Brett Pitt“ und der „Schollie“. Oder dem deutschen Bundespräsidenten; Anfang der 2010er-Jahre, der erzählten Zeit, dürfte das Horst Köhler, Christian Wulff oder Joachim Gauck gewesen sein. Auch einen gewissen Heinrich XIII. Prinz Reuß zählt er zu seinen Freunden – ein Verweis darauf, dass nationalmythologische Spinnereien wie seine durchaus in realiter existieren.
„Er will das Gleiche wie ich, doch seine Mittel sind andere“, lässt Kada über den inzwischen vor dem Frankfurter Oberlandesgericht als Rädelsführer eines Reichsbürgernetzwerks angeklagten Nachfahren thüringischer Fürsten verlauten. Aber während der Prinz die Umsturzpläne seiner Truppe jetzt „irreal“ nennt, bleibt Krasznahorkais angeblicher Königsprätendent bis zum Schluss bei seiner mutmaßlichen Verblendung. Immer weiter mäandernd wird die Farce um ihn entfaltet, die untergründig an die Großmachtfieberträume von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán anschließt – Krasznahorkais Antipoden.
Genau elf Punkte braucht Krasznahorkai auf über 300 Seiten – neben unzähligen Gedankenstrichen, Semikolons und Kommas – nur, um die gleich vielen Kapitel abzuschließen. Der Weltliterat, 1954 im ungarischen Gyula geboren, pflegt schon immer einen markanten Stil. Schon 2005 gewann er damit den Man Booker Prize, bevor er jetzt mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Seine Werke sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Die meisten seiner jüngsten Romane, so auch „Zsömle ist weg“, hat die kongeniale Übersetzerin Heike Flemming ins Deutsche übertragen. In endlos dahinfließenden, musikalisch murmelnden Sätzen entwirft Krasznahorkai apokalyptische Szenerien und setzt tiefgründige psychologisch-politische Pointen.
Schloss und Irrenhaus
Seit seinem, von dem jüngst verstorbenen Regisseur Béla Tarr als siebenstündiges Schwarz-Weiß-Epos mit langsamen Kamerafahrten verfilmten Debüt „Satanstango“ (1985) geht das so. Krasznahorkai schreibt mikroskopisch scharf und mit formaler Konsequenz. Diesmal balanciert er mit einem verschwörerischen Parlando den irrwitzigen Abgrund aus, auf dem sich Onkel Jószi mit seinen prahlerischen Selbstermächtigungsfantasien bewegt. Denn ein Minimini-Rest von Möglichkeit bleibt dann doch immer bestehen, dass an Kadas Geschichte etwas dran sein könnte.
Zumal ihn plötzlich offizielle Stellen empfangen. Nur als er bei einem Ausflug zu einem geheimen Waffenlager merkt, dass seine vermeintlichen Untertanen eher einen gewaltsamen Umsturz planen, kippt die zwischen komisch und beklemmend oszillierende Sache. Erst ist er strikt dagegen, dann liebäugelt er doch. Schließlich macht die real existierende Staatsmacht mit den monarchistischen Umtrieben kurzen Prozess.
Verhaftungen folgen. Jósef Kada aber landet als verbannter König in einer psychiatrischen Klinik, die eigentlich gar nicht mehr existiert. Mit anderen Worten: Eine andere Art von Kafka-Schloss.
Lesezeichen
László Krasznahorkai: Zsömle ist weg; Roman, aus dem Ungarischen von Heike Flemming; S. Fischer, Frankfurt am Main; 302 Seiten, 25 Euro.