Identitätsdebatte RHEINPFALZ Plus Artikel Im Zeichen der Zöpfe: Die Identitätspolitik bestimmt die Diskussionen der Stunde

Yoga als verbotene kulturelle Aneignung.
Yoga als verbotene kulturelle Aneignung.

Was hat der SPD-Altvordere Wolfgang Thierse mit der Frisur von Katy Perry zu tun? Identitätspolitik bestimmt die Diskussionen der Stunde. Für die einen lächerliche Ideologie, für die anderen taugliches Mittel im Kampf gegen Rassismus und Benachteiligung. Ja was denn jetzt?

Es ist ein Zufall, dass gerade dieses Werk jetzt die Sachbuchbestenliste anführt. Oder eben nicht. Caroline Fourests Polemik „Generation beleidigt. Von der Sprachpolizei zur Gedankenpolizei. Über den wachsenden Einfluss linker Identitärer. Eine Kritik“ (Edition Tiamat) liest sich schließlich wie der Kommentar des Moments. Worum es geht? Um die Art von linker Identitätspolitik, die seit Tagen den Diskurs bestimmt und unter anderem Übersetzerinnen und Übersetzer, einen Radiosender und eine Berliner Buchhändlerin beschäftigt. Auch in der SPD rumort es deswegen heftig.

Identitätspolitik? Heißt, dass Zeichen die Welt bedeuten. Für die einen ist es Ideologie, für die anderen Ermächtigungsprinzip, anhand von Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung Schuld- und Opferrollen zuzuweisen. Wer etwas sagt, wichtiger zu nehmen als das, was gesagt wird. Betroffene entscheiden zu lassen, wie etwas gemeint war. Minderheiten und ihre Interessen ins Zentrum zu stellen, um sie sichtbar zu machen. Und als handlungsleitendes Motiv hinter allem mächtige „Strukturen“ wie das Patriarchat, den Paternalismus, Kapitalismus, Postkolonialismus zu vermuten.

Generation beleidigt

Ein Generationsproblem ist die Identitätspolitik in ihrer linken Variante deshalb, weil als ihr Hauptfeindbild der alte weiße Mann ungefähr ab 50 gilt. Die Akteure dagegen sind vor allem die sogenannten Millennials, zwischen Anfang der 1980er- und Ende der 1990er-Jahre Geborene. Die Generation „woke“ – wie aufgeweckt –, die aufmerksam und empfindlich ist, was Ungerechtigkeiten gegenüber einzelnen Gruppen betrifft. Die oben erwähnte Autorin Fourest schilt sie im Buchtitel „beleidigt“.

Ganz in dem Sinn wurde in den Niederländen an der Auswahl der Übersetzerin des Gedichts herumgenölt, das die schwarze Dichterin Amanda Gorman zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden vorgetragen hatte. Es gab Proteste, sie als Weiße sei dafür nicht geeignet. Marieke Lucas Rijnevel, eine International-Book-Award-Gewinnerin, warf hin. Dass Gorman selbst durch die Aktion wie nebenbei als schwarze Dichterin festgelegt worden ist, deren Poesie sich einer Hauttyp-unabhängigen Verständlichkeit entzieht, fiel dabei hinten runter. Sie hatte nichts gegen Rijneval einzuwenden gehabt.

Anders der Fall des Radiosenders Bayern 3, bei dem Ende Februar ein Moderator eine südkoreanische Band mit einem Virus verglich. Nach einem Aufschrei im Netz unter dem Hashtag #BR3Racist entschuldigte sich der Sender mit den Worten: „Wenn Aussagen von vielen Menschen als beleidigend empfunden werden, dann waren sie das auch.“

Fast zur gleichen Zeit wurde gegen eine angehende Berliner Buchhändlerin, die den Idealtypus eines politisch korrekten Ladens eröffnet hatte – „queer“ und gedacht als Rückzugsraum („Safe space“), in dem niemand auf Andersfühlende treffen muss – eine Art Internet-Tribunal geführt. Auf Youtube ist es immer noch zu sehen. Der Vorwurf: Ihr Kapital dafür, ein Erbe, wie sie in sozialen Medien freimütig bekannt hatte, sei Nazi-„Blutgeld“. Weil? Einer ihrer Urgroßväter sei schließlich General bei der Wehrmacht gewesen, einer der Großväter in gleicher Ranghöhe bei der Bundeswehr.

Der „Nazihintergrund“

Deutsche werden in dem eineinhalbstündigen Video des tamilischstämmigen Schriftstellers Sinthujan Varatharajah und der gebürtigen Afghanin Moshtari Hilal konsequent „Tätervolk“ und – angelehnt an die Verallgemeinerung Migrationshintergrund – „Menschen mit Nazihintergrund“ genannt. Ebenso pauschal wird das Erbe der Buchhändlerin behandelt, das tatsächlich von der mütterlichen Linie stammt.

Dabei ist linke Identitätspolitik vom Urgrund her auf die Anerkennung von Differenz bedacht. Rechte Identitätspolitik beharrt mehr oder weniger reflexhaft auf den Exklusiv-Status von „Bio-Deutschen“, Donauschwaben, Ur-Pfälzern, Reichsbürgern – mit den entsprechenden Exklusivrechten. Oder etwa darauf, dass islamistischer Terror zum Islam gehört. Die Variante von links dagegen ist eigentlich als taugliches Instrument gegen Rassismus gedacht. Und dafür, gegenseitigen Respekt zu generieren, ganz besonders aber für diejenigen, die sich wegen ihrer Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder wegen ihres wie auch immer erlebten Geschlechts oder Nicht-Geschlechts benachteiligt fühlen. Manchmal geht es auch darum, eine Identität überhaupt zu benennen, um gleiche Rechte einzufordern.

Dafür wird dann auch schon mal sehr genau hingeschaut. Auf Traumatisierungen, Marginalinteressen, Mikroaggressionen, auch wenn sie einer Mehrheit als abwegig erscheinen.

Nackt ist nicht gleich nackt

Berüchtigt geworden ist in diesem Zusammenhang die „Cancel-Kultur“, die die Empfindungen weniger ins Zentrum des Interesses stellt. Bei der Redeverbote erteilt und Künstlerinnen und Künstler ausgeladen, Diskussionen niedergeschrien werden, weil sie angeblich oder tatsächlich die Gefühle von jemandem verletzten. Vor geraumer Zeit in Bielefeld musste so nach Protesten aus dem Publikum das Konzert der Band Feine Sahne Fischfilet unterbrochen werden, weil der Drummer sein nassgeschwitztes T-Shirt ausgezogen hatte. Es hieß, Frauen, die männliche sexuelle Gewalt erfahren hatten, könnten von dem Anblick erneut traumatisiert werden. Außerdem würden Frauen ihre Benachteiligung vorgeführt, weil diese sich nicht so einfach, ohne viel nachzudenken, ihren nackten Oberkörper zeigen könnten.

Das eingangs zitierte Buch der Französin Caroline Fourest, 45, bekennend links, lesbisch und Feministin, ist voller ähnlicher Beispiele und ihren Konsequenzen. Sie jedenfalls nennt den kursierenden linken identitätspolitischen Rigorismus übertrieben. Falsch sogar. Schädlich für die das eigentliche Ziel Gleichheitskampf. Von dem wegen kultureller Aneignung abgesagten Yoga-Kurs an einer kanadischen Uni, über den Shitstorm wegen eines Kindergeburtstags, bei dem sich Mädchen als Geishas schminkten und dem Skandal eines vietnamesischen Tellergerichts mit unauthentischen Zutaten.

Fourest zitiert den Fall des Popstars Katy Perry, die bebend für ihre Frisur um Verzeihung bat: Zöpfe. Sie habe sie „trotz ihrer Privilegien als weiße Frau“ getragen. Wo doch geflochtenes Haar – als Teil ihrer Identität eben – schwarzen Frauen vorbehalten sei.

Eine Art „Kulturtalibanismus“

Identitätspolitik, habe sich, so Caroline Fourests These angesichts solcher Usancen, inzwischen in eine Art Kultur-Talibanismus verwandelt. Immer mehr sich überbietende Opfergemeinschaften täten sich zusammen, die Zugehörigkeit vor allem über Nichtzugehörigkeit verteidigten. Ein Casting nach Erbgut sozusagen. Die dabei an den Tag gelegte politische Korrektheit ähnele mehr und mehr der Karikatur, die konservative und rechte Kreise von ihr entworfen hätten. Folglich nützten sie auch nur diesen. Allzu leicht könnten sie sich als edle Kämpfer für die Freiheitsrechte aufspielen, obwohl sie ihre Privilegien meinten. Womit wir endgültig beim Fall der SPD angelangt sind.

Was ist passiert? Bei einem von der Vorsitzenden der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, Mitte Februar moderierten Online-„Jour fixe“, kritisierte die Journalistin Sandra Kegel leise die Initiative „actout“, bei der sich 185 „lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans* Schauspieler*innen“, darunter etwa Mavie Hörbiger und Udo Samel , geoutet haben und jetzt mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen fordern. Kegel wurde daraufhin in den sozialen Medien gelyncht.

Kurze Zeit später veröffentlichte der frühere Bundestagspräsident und ostdeutsche SPD-Altstar Wolfgang Thierse in der „FAZ“ einen Essay, in dem er beklagt, dass heftige Streitigkeiten wie diese, über Rassismus, Postkolonialismus und Genderthemen, den Gemeinsinn bedrohten. „Der unabdingbare Respekt vor der Vielfalt und Anderssein ist nicht alles“, heißt es in dem Text des 77-Jährigen. Und: Auch Mehrheiten hätten ihre Rechte.

Das sei „neurechter Sprech“ wurde daraufhin im Netz erklärt. Der Berliner Landeschef von „SPDqueer“ bekundete öffentlich seine Verzweiflung über Thierses Aussagen. Der wiederum trat im Deutschlandfunk auf und äußerte, seine Ansichten würden nur abgelehnt, weil sie die „eines alten weißen Mannes mit heterosexueller Orientierung, heteronormativer Orientierung“ seien. Argumente spielten keine Rolle. Das sei demokratiefremd. Es eskalierte.

Zitate aus einer Mail der SPD-Co-Vorsitzenden Saskia Esken und Zukunftshoffnung Kevin Kühnert an „20 ausgewählte Personen, darunter Vetreter*innen aus der Community“ wurden öffentlich. Darin heißt es: „Aussagen einzelner „Vertreter*innen der SPD zur sogenannten Identitätspolitik“ hätten sie „verstört und beschämt“. In einem offenen Brief an Esken stellte Thierse daraufhin seine SPD-Mitgliedschaft zur Disposition. Beleidigt. Inzwischen soll Saskia Esken mit ihm telefoniert haben. Man will im Gespräch bleiben. Immerhin. Der strategische Richtungsstreit in der SPD, für den die Identitätspoltikdebatte zwischen Pragmatikern und Dogmatikern innerhalb der Partei nur stellvertretend steht, ist derweil weiter im vollem Gang. Im Kern geht es aber darum, wie die SPD aus ihrer Marginalexistenz als Volkspartei herauskommen kann.

Was heißt hier „Asis“?

Tatsächlich könnte eine richtig verstandene Identitätspolitik ihr, anders als Thierse glaubt, sogar dabei helfen, wenn man sie nicht auf Gendersternchen und „Indianer“-Kostüme reduziert. Denn wenn Thierse in seinem Essay schreibt, bei der Identitätspolitik gehe es letztlich um „Verteilungskonflikte, um Sichtbarkeit und um Einfluss, um Aufmerksamkeit und Anerkennung“, hat er einen Punkt. Die entscheidende Frage ist nur, wem man zur Anerkennung etc. verhilft. Der schwindenden Kernklientel der Arbeiterschaft? Den queeren Zirkeln an der Uni? Den nicht-binären Schauspieler*innen? Allen? Die SPD könnte eine Mehrheitspartei werden, die die Interessen von Minderheiten verbindet. Vielleicht ließe sich etwa damit anfangen, dafür zu sorgen, dass arme Menschen nicht mehr Prekariat genannt, oder „Asis“ geschimpft werden. Es ist politisch inkorrekt. Schlimmer aber ist, was an Missachtung für die so Benannten folgt.

Entschuldigte sich wortreich für ihre Frisur: Katie Perry.
Entschuldigte sich wortreich für ihre Frisur: Katie Perry.
„Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles“: Wolfgang Thierse.
»Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles«: Wolfgang Thierse.
Muss Ramen genau nach Reszept gekocht werden, weil falsche Zutaten die Gefühle der Japaner verletzen?
Muss Ramen genau nach Reszept gekocht werden, weil falsche Zutaten die Gefühle der Japaner verletzen?
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