Essay RHEINPFALZ Plus Artikel Ich zuerst: Jetzt, in der Pandemie, zeigt sich erst, wie wir uns verändert haben

„Was juckt mich deine Lebenserwartung, wenn ich in Skiurlaub fahren will“.
»Was juckt mich deine Lebenserwartung, wenn ich in Skiurlaub fahren will«.

Über das Ende der Schweigespirale, Geschrei entlang der Meinungskorridore, entfesselte Individualisten, Aerosole in der Herzkammer. Und was verboten gehört.

Auf der Theorie der Schweigespirale gründete einmal ein ganzer Forschungszweig. Im vorigen Jahrhundert. Heute scheint sie endgültig widerlegt. Formuliert hat sie Elisabeth Noelle-Neumann (1916 bis 2010). Die Journalistin, Begründerin der Meinungsforschung in Deutschland und des Instituts für Demoskopie Allensbach, die Publizistikprofessorin in Mainz und Chicago. Im Kern besagt sie, dass Menschen, die – aus Isolationsfurcht, Opportunismus, Autoritätsglaube – in der Öffentlichkeit eine Mehrheitsmeinung vertreten, umso lauter reden. Selbstsicher. Während die Minderheit verunsichert schweigt. Der Prozess, so der Befund von Helmut Kohls Beraterin Noelle-Neumann, werde durch politisch einseitige Medien weiter befeuert. Ergebnis: noch mehr Reden, noch mehr Schweigen. Und so dynamisch weiter. Inzwischen erscheinen die Verhältnisse umgekehrt.

Diagnose Organversagen

Zwar gibt es angeblich immer noch streng bewachte und medial manipulierte Meinungskorridore, die vornehmlich von rechts beklagt werden, um sie sodann ins Unerkennbare auszuweiten – Berichterstattung folgt prompt. Aber sollten sie tatsächlich existieren, ist zumindest die Schreibereitschaft außerhalb riesig. So groß immerhin und unter anderem, dass eine Neun-Prozent-Partei für sich beansprucht, den Volkswillen zu repräsentieren.

Ein Grund: Noelle-Neumann hatte noch ein dem Menschen eigenes quasi-statistisches Organ ausgemacht, mit dem dieser die Meinungszirkulation in der Allgemeinheit registriert. Heute herrscht in dieser Hinsicht Organversagen. Wir sind blind, wenn es darum geht, gesamtgesellschaftliche Meinungsverteilungen wahrzunehmen. Stattdessen werden nur noch die 100-Prozent-Mehrheiten in den jeweils eigenen Blasen quittiert – mit breitbeinigen Dröhnen. Sie bilden sich, manchmal auch nur zu einzelnen Fragen, um sich dann wieder zu verlieren. Kollektive sind heutzutage brüchig. Die digitale Gesellschaft und der Diskurs bis ins Kleinste ausdifferenziert. Der Mensch flottiert – meinungs- und einstellungsmäßig – wie es ihm gefällt. In, wie der Soziologe Andreas Reckwitz das nennt: Ad-hoc-Gemeinschaften. Kompass, der eigene, meist nur vermeintliche Individualismus.

Freiheit für die Verantwortungslosigkeit

Einst der Stachel gegen totalitäre Regime, als Freiheitsrecht hart erkämpft, wird der verfassungsmäßig geschützte Eigenwille jetzt ad absurdum geführt, mutwillig, reflexhaft. Als ausreichende Begründung, sich verantwortungslos zu verhalten: daneben. Und natürlich geht es hier um die Pandemie, in der sich die Folgen dieser Individualitäts-Entfesslung besonders systemgefährdend zeigen. Bei Leuten zum Beispiel, die ihr ach so individuelles „querdenken“ für eine fundierte Geisteshaltung halten – und sich für auserwählt, immun, Pech für die anderen. Bei denen, die das Allgemeinwohl als all mein Wohl interpretieren.

Ist es nicht so, dass im Windschatten einer grundlosen Selbstermächtigung plötzlich jede einzelne Meinung sagbar wichtig erscheint. Dass Leute, die doch schon arg an ihrer Muttersprache Deutsch laborieren, sich kraft ihrer höchst eigenwilligen Genialität zu statistisch versierten Virologen erklären. Wer googeln kann, ist nunmehr Dr. med. honoris causa. Oder gleich eine andere Spezies: kiemenatmender Mensch, befähigt, die Maske oberlippentief zu tragen. Und was hat es zu bedeuten, wenn wieder andere ihre Gefühle zu Fakten deklarieren, verbunden mit der Bitte an alle Andersmeinenden sich doch bitte über diese Fakten zu informieren. Nur wie?

Bis der Arzt zu den anderen kommt

Zuletzt brüstete sich eine Frau in der Kommentarspalte eines RHEINPFALZ-Onlineartikels sogar, sie habe den Krebs besiegt, also könne ihr Covid-19 schon gar nichts anhaben. Soll sie das mal glauben. Schlimmer sind die Egomanen, die drauf los leben, bis bei den anderen der Arzt kommt. Motto: Was juckt mich deine Lebenserwartung, wenn ich in Ski-Urlaub fahren will. Klar, dass sich bei diesem verbreiteten Typus auch die Akzeptanz von Maßnahmen in Grenzen hält, die allen helfen sollen, diesen abschüssigen Winter möglichst unkrank zu überstehen. Kein Wunder auch, dass schon Konsens ist, dass alles, was das Virus betrifft, vor der eigenen Haustür endet. Vor der Herzkammer der eigenen Individualität. Blöd bloß, dass Corona auch in ihr aerosolt.

Paradoxien der Pandemie

Paradox ist doch, dass im Prinzip alle in der Vergangenheit dazu beigetragen haben, dass die Grenzen zwischen privat und öffentlich zerfließen. Private Schrebergärten stehen auf öffentlichem Grund. In manchen Bibliotheken sind kollektive Stillräume installiert. Schon normal ist es derweil, in den sozialen Medien bis hinein ins eigene Schlafzimmer Einblicke zu gewähren, freiwillig. Oder bei einer der zahlreichen Videokonferenzen, für die höchst individuell der Schreibtisch vors Bücherregal geschoben wird. Und bei denen dann die Kinder beim ach so wichtigen coram-publico-Auftritt durchs Bild heizen. Besser noch, die Webcam länger sendet, als gedacht.

Jetzt aber, wo es gilt, wird das Zuhause wieder abgedichtet als ultimativer Schutzraum des Privaten. Das Feiern dort ist einer der größten Infektionsherde. Groß trotzdem schon das Geschrei, als die Regierungschefs von Bund und Ländern jetzt erklärt haben, das Feiern mit mehr als zehn Teilnehmern „in Wohnungen sowie privaten Einrichtungen sind angesichts der ernsten Lage in unserem Land inakzeptabel“. Warum nicht verboten? Wo doch sehr fraglich ist, ob der Eigennutz der Individualisten zur Selbstregulation ausreicht.

Zuhaus ohne Hüter

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer jedenfalls sah sich im Hinblick auf die Sanktionierung privater Feierlichkeiten bemüßigt, noch einmal Artikel 13 der Verfassung zu betonen: „Das Prinzip der Unverletzlichkeit der Wohnung ist ein sehr hohes Gut.“ In Rheinland-Pfalz sind ja auch bald Wahlen. Sie hätte auch darauf hinweisen können, dass dieser Schutz nicht absolut gilt. Die Wohnung ist kein rechtsfreier Raum. Was ist mit häuslicher Gewalt, Straftaten, die dort passieren? Dem Emissionsschutzgesetz? Corona-Partys?

In einem Text zu dem Thema in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ wurde vor Kurzem der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier, zitiert: Artikel 13, heißt es da, enthalte „in Wahrheit ein Verbot an die öffentliche Gewalt, in die Wohnung einzudringen, falls nicht bestimmte rechtliche Voraussetzungen erfüllt sind“. Heißt: Egomanie kann unter Umständen auch gemeingefährlich sein. Bitte, bitte daran denken. Den Rest regelt das Infektionsschutzgesetz.

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