Kultur „Ich bin Etzel, ich bin Brunhild“

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Begeistert von der Sprachkraft des Nibelungenlieds: Feridun Zaimoglu.

Interview: „Siegfrieds Erben“ heißt das Stück, in dem die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel die Geschichte der Nibelungen weitererzählen. Die Uraufführung ist am 20. Juli vor dem Wormser Dom. Wir sprachen mit Zaimoglu über Rache und Religion, über moderne Machthaber und Mythen.

Herr Zaimoglu, Sie wollen in Ihren Nibelungen von Machthabern erzählen, die sich maßlos überschätzen, die auf Vergeltung sinnen und über Leichen gehen. Klingt verdammt nach Trump, Putin, Kim Jong-un und Co.

Ich finde es richtig, den Bezug zur Gegenwart und zu gegenwärtigen Potentaten herzustellen. Für einen Autor ist es aber auch wichtig, sich auf die Geschichte einzulassen. Günter Senkel und ich haben versucht, die Sage fortzuspinnen. Und wenn es uns gelingt, dass man Parallelen entdeckt, dann bin ich glücklich. Im Gegensatz zu den Modernisten und Werbemanagern bin ich nicht der Meinung, dass der Mensch sich ändert. Die Hybris scheint leider Gottes eine Konstante zu sein. Den Sagenstoff fortspinnen, wie schwierig ist das? Ich habe eine blühende Fantasie, mein Ko-Autor auch. Am Anfang haben wir erstmal Leichen gezählt. Wer ist überhaupt am Ende der Sage übrig geblieben? Und was ist zwingend, wenn man die Geschichte forterzählen will. Wir sind dann natürlich auf den Hunnenkönig gestoßen, der im christlichen Europa zu einem Dämon gemacht wurde. Geht es also um einen religiösen Konflikt? Gar nicht. Wie man weiß, hat der Hunne nichts und niemanden geschont. Wir haben es hier mit einem Blutverspritzer zu tun, mit einem, der sich mächtig wähnt, der sich die Welt zum Werkzeug macht. Man darf in Etzel keinen Glaubenshüter sehen. Also handelt er aus reiner Machtgier? Am Ende der Nibelungensage wird er um seinen Erben gebracht. Sein Sohn wird vor seinen Augen erschlagen. Es ist also nicht nur Machtgier, die ihn antreibt, sondern Rache. Für die Volksbühne in München haben Sie 2015 den „Siegfried“ geschrieben, eine derbe Heldenparodie. Das klingt nun nach einer ganz anderen Herangehensweise. Günter Senkel und ich beziehen uns immer auf die Vorgaben. Bei „Siegfried“ war der Auftrag, eine Komödie zu schreiben. Und wie lautet der Auftrag in Worms? Alle Beteiligten haben große Lust, die Geschichte fortzuerzählen. Hier ist es uns ernst. Ist das Nibelungenlied für Sie ein deutsches Nationalepos? Ich hüte mich vor solchen groß klingenden Namen. Jedes Volk hat einen Entstehungsmythos, und jedes Volk hat überlieferte Heldengeschichten. Ich bin da sehr gelassen und mag die Sage sehr. Allerdings muss mir nicht gefallen, dass sich diese Geschichten immer in Königshäusern abspielen. Das ödet mich an. Das wäre Stoff für eine weitere Bearbeitung der Nibelungen. Ja, unbedingt. Auf Sockeln recken sich fast immer Generäle und Politiker, ja, ich würde sagen Mörder. Wenn man weiß, dass in Schlachten Tausende ihr Leben lassen, dann kann man sich nicht einfach zurücklehnen. Grölende Männer mit Schwertern am Gehenk, die Köpfe abschlagen, das ödet mich kolossal an. Da ist mir Brunhilde, das Mannsweib, sehr sympathisch. Mit Günter Senkel arbeiten Sie seit 20 Jahren als Autorenduo fürs Theater. Eigentlich stelle ich mir Schreiben als eine sehr einsame Aufgabe vor. Man kann nur allein schreiben. Günter Senkel ist mein bester Freund, ich bin sein bester Freund, wir wohnen Tür an Tür im selben Haus. Das erleichtert die Arbeit. Nach dem ersten Gespräch mit Regisseuren und Intendanten kehren wir zurück und sprechen erstmal. Wir fahren dabei mit dem Auto herum, gehen herum, setzen uns hier in Kiel ans Meer. Ziemlich schnell sind wir uns einig, was der Kern der Geschichte ist. Dann arbeitet jeder für sich. Ich schreibe alles mit der Hand, Günter hat einen Computer, an dem wird das Ganze dann ins Reine getippt. Vergangenes Jahr der Luther-Roman „Evangelio“, jetzt das Nibelungenlied: Was reizt Sie an diesen Schwergewichten der deutschen Geschichte? Luther und Grimmelshausen sind meine Helden der deutschen Sprache. Insofern war es eine Frage der Zeit, dass ich einen Luther-Roman vorlege. Mir geht es um eine saftige, kräftige Sprache. Ich habe keine Lust, Geschichten aus dem Prenzlauer Berg zu erzählen und den Anekdötchen von Bürgertöchtern zu lauschen. Das ist für mich ziemlich dünn. Ich mag Würze, Herzhitze, Herzverrücktheit. Ich mag auch Stille. Leider haben wir in Deutschland eine Angestelltenkultur, da kann ich keine guten Geschichten entdecken. Aber hier, bei den Nibelungen, entdecke ich herrliche Geschichten. Ich bin begeistert von der Sprachkraft. Worum geht es Ihnen beim Schreiben? Mich der Geschichte anzuverwandeln. Mal bin ich ein Gauner, mal ein gescheiterter Börsenmakler auf der Suche nach Liebe, mal ein deutscher Bub im Istanbul der 1940er-Jahre. Und in welche Figur von „Siegfrieds Erben“ anverwandeln Sie sich? In viele. Ich bin Etzel, ich bin Brunhild, und ich bin auch der Geist von Siegfried. In der Wormser Inszenierung spielt Jürgen Prochnow den Etzel. Sind Sie zufrieden mit der Besetzung? Ich bin begeistert. Als ich es erfahren habe, bin ich vor Freude herumgehüpft.

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