Schlager
Howard Carpendale in Mannheim: Goodbye again
Fremde oder Freunde? Die Frage muss nun wirklich nicht mehr gestellt werden. Das Publikum in der fast ausverkauften SAP-Arena weiß ganz genau, was es zu tun hat. Um Punkt 22 Uhr stürmen alle nach vorne und lassen die Party beginnen. Eingeläutet von „Samstag Nacht“, gibt es nun, im letzten Teil des Programms, ein Hitfeuerwerk mit „Wem (erzählst du nach mir deine Träume)“, „Das schöne Mädchen von Seite 1“, „Nachts, wenn alles schläft“, „… dann geh doch“ und schließlich „Ti amo“, zu dem man ein Feuerzeug schwenken würde, dürfte man nur und hätte zufällig eins dabei.
Bis dahin hatte Howard Carpendale schon gut eineinhalb Stunden gespielt und nicht nur 20 alte und neue Songs, sondern auch jede Menge Witze und Anekdoten zum Besten gegeben, phasenweise durfte man sich wie in einer Comedyshow fühlen. Manche der Späße aus der „Männer sind so und Frauen sind so“-Kategorie spielten in der Mario-Barth-Liga, und die Geschichte, in der ihn jemand mit Roland Kaiser verwechselt hat, erzählte er so ähnlich schon 2018 im Rosengarten.
Die letzte große Hallentournee
Nun spielt er also noch einmal in den ganz großen Arenen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Was der Veranstalter mit „Meine Abschiedstournee“ betitelt hat, soll in Wahrheit seine letzte große Hallentournee sein. Es seien nicht die Konzerte, die Kraft kosten, erzählt er in der SAP-Arena, sondern die Reisen zwischen den Tourorten. Man kann sich vorstellen, dass es anstrengend ist, in einer Woche in Mannheim, Leipzig, Rostock, Magdeburg und Hannover aufzutreten. Am 14. Januar ist Howard Carpendale 80 Jahre alt geworden oder, wie er es nennt, 4160 Wochen. In Zukunft, sagt er, wolle er gerne noch in kleineren Sälen etwa von der Größe der Frankfurter Jahrhunderthalle spielen und dann an mehreren Abenden hintereinander.
Sie ist also noch nicht zu Ende, die Geschichte, die vor 60 Jahren begonnen hat, als Carpendale – der als Jugendlicher ein hervorragender Sportler und in vielen Disziplinen erfolgreich gewesen war – im Alter von 19 Jahren seine südafrikanische Heimatstadt Durban verlassen hat und nach Europa gegangen ist, zuerst kurz nach England und wenig später nach Deutschland. Nicht mit dem Ziel, sechs Jahrzehnte später mit einem Glitzerschal um den Hals als Schlagerikone auf der Bühne zu stehen und mit kultiviertem südafrikanischem Akzent zu singen: „Uhuhuh uhuh, ich sag’ nur hello again.“ Aber die Karriere als Beat-Sänger – sie blieb ohne Erfolg. Und im Schlagergenre klappte es. 1970 hatte er seinen ersten großen Hit „Das schöne Mädchen von Seite 1“, dem unzählige folgen sollten. Und mit dem Album „Zeitlos“ hat er im Februar 2026 zum ersten Mal die Spitze der deutschen Albumcharts erreicht.
Schlager mit Saxofonsolo
Dass es, in musikalischer Hinsicht, auch alles ganz anders hätte kommen können: Man spürt es bei dem Mannheimer Konzert immer wieder. Nicht weniger als 15 Musiker stehen mit Carpendale auf der Bühne (anders als im Publikum sind hier die Männer mit 14 zu eins in der Mehrheit), eine hervorragende Band, die ihn längst nicht nur begleitet. „Fremde oder Freunde“ spielen sie im Bigband-Stil, zur umgetexteten Udo-Jürgens-Hommage „Ich war noch niemals in New York“ erklingen Streicher- und immer wieder Bläserklänge, „Ihr Großen dieser Erde“ singt er nur mit Klavierbegleitung.
Vor diesem Song wird Carpendale bitterernst und hält eine lange, sehr politische Ansprache, erzählt von einer kurzen Begegnung vor vielen Jahren mit Donald Trump („Ein Mann ohne alle Tassen im Schrank“) und zieht alle in der Halle richtig, richtig runter. Wie er es schafft, dann doch noch Partystimmung aufkommen zu lassen, wird genauso ein Geheimnis bleiben wie die Antwort auf die Frage, wer zum Fick eigentlich diese neben ihm wohnende Alice ist.
Auf keinen Fall darf man Howard Carpendale vorwerfen, sein Programm abzuspulen. Auf die Stadt seines Konzerts hat er sich gründlich vorbereitet: „Ich habe versucht festzustellen“, gibt er den Mannheimern nach knapp drei Stunden noch einen mit, „ob Ihr überhaupt eine Fußballmannschaft habt.“