Architektur
Hotspot Hütschenhausen: Neue Häuser für ein besseres Dorf
Ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus wie ein Postkartengruß aus der pfälzischen Cinque Terre. Blass petrolfarben, rote Markisen ausgeklappt: Der leichtherzige Ziegel-Massivbau hat ein Sattelknickdach mit eher geringer Neigung. Hütschenhausen, Westpfalz: 20 Kilometer von Kaiserslautern entfernt, rund 2.400 Einwohner – nicht zwingend ein Hotspot für Architekturenthusiasten. Jetzt schon. Der zweigeteilte Baukörper des Kaiserslauterer Architektenpaares Dirk Bayer und Andrea Uhrig positioniert sich entschlossen an einer Kreuzung – zur Dorfmitte hin. Mit einem charmant-eigenwilligen städtebaulichen Gestus besetzt er eine zentrale Stelle. Denn das Treppenhaus in der Mitte ist um gut zwei Meter versetzt – als wolle es die Interpretationslücke zwischen Anpassung an die Verhältnisse und leiser Widerspenstigkeit offen lassen. Das Innere des Hauses ist vergleichbar spannend.
Die Grundrisse mit schräg gestellten Wänden im zentralen Wohnbereich verschaffen den umliegenden Zimmern zusätzliches Potenzial. Die Loggien, die sich dadurch wie mit offenen Armen nach außen weiten, verströmen rare Grandezza. Das Haus ist das Entrée eines Areals der westpfälzischen Gemeinde, das derzeit für Furore sorgt.
Die Pfalzvertreter
Als einziges Projekt aus der Pfalz – und darüber hinaus – war die sogenannte „Nachverdichtung Dorfkern Hütschenhausen“ für den Preis des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt nominiert. Als einzige aus der Region sind bayer/uhrig architekten damit im aktuellen „Architekturführer Deutschland“ vertreten. Einen „best architects 2025“-Award haben die beiden mit ihrem Dorf-Upgrade ebenfalls gewonnen, zu dem außerdem ein kantig-funktionaler Bau mit poppig-postmodern verspieltem Treppenhaus gehört: Er bietet Platz für eine Arztpraxis und betreutes Wohnen. Der Eingang liegt auf der Rückseite, wo sich ein Platz großzügig öffnet.
Abseits der Monotonie
Dazu ist ein Ärztehaus geplant. Zunächst aber wurden neun, teils spiegelbildliche Einfamilienhäuser zu einem Ensemble am Feldrand gruppiert. Identische Häuser mit Holzfenstern: ein sinnvoller Typus mit unverbaubarer Aussicht. Gradlinig: ein Ziegel-Massivbau mit Pfettendach, Sockel und rückseitig eingeschnittener Fassade. Dazu eine offene Holzkonstruktion als Stellplatz mit integrierter Box – potenziell ein Geräteschuppen. Beigefarbene Markisen klappen aus. Im Inneren: maßvolle Dimensionen, kein Keller, ein Bad, aber eine kleine Galerie.
Ein Landschaftsgärtner war eingebunden; in den Vorgärten sprießt es im Sinne des Arterhalts. „Einfamilienhäuser stehen heute für Flächenfraß und soziale Monotonie. Uns erscheint dieser Bautypus nur dann noch gerechtfertigt, wenn er der Nachverdichtung des Bestands dient“, lässt sich das an nützlichen Provokationen interessierte Architektenpaar zitieren. Ursprünglich sollte auf dem Gelände nach dem Abriss maroder Wirtschaftsgebäude ein „Wohnpark“ entstehen.
Ein Glücksfall
Der Bebauungsplan war bereits beschlossen, der Investor sprang dann jedoch ab. Danach lag die Fläche nahe der Ortsmitte jahrelang brach. Jetzt hat der ortsansässige Immobilienunternehmer Enrik Reimchen übernommen. Ein Glück, dass er das Duo Bayer/Uhrig weitgehend machen ließ.
Kalte Nahwärme
Dirk Bayer ist auch Dekan des Fachbereichs Architektur der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau. Andrea Uhrig, einst Meisterschülerin von Coop Himmelb(l)au-Gründer Wolf D. Prix an der Wiener Uni für angewandte Kunst, lehrt als Professorin für Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule Koblenz. Bereits ihr dritter, zunächst sehr kontrovers diskutierter Bau – das Haus Göppner in Ramstein aus dem Jahr 2002 – wurde im Deutschen Pavillon bei der Architekturbiennale in Venedig ausgestellt – als vorbildlich. Sehr klug ist nun ihr Vorschlag, für die Nachverdichtung kalte Nahwärme samt eines Rückhaltebeckens für Regenwasser als Quartierslösung für die Wärmeversorgung zu nutzen.
Dabei wird durch bis zu 160 Meter tiefe Sonden erschlossene Erdwärme mittels angeschlossener Sole/Wasser-Wärmepumpen zum Heizen und leichten Kühlen verwendet. Stammt die dafür notwendige Energie aus Ökostrom, ist das Verfahren nahezu CO2-neutral. Ein Konzept für die Zukunft – in diesem Sinn dem alternativen Suburbia-Entwurf von bayer/uhrig in Hütschenhausen ähnlich. Der Ort fand übrigens 1295 als „Hizhusin“ eine erste Erwähnung, was so viel bedeutet wie „die Häuser des Hizo“. Ein gutes Omen übrigens. Aller Anfang ist Architektur.
Lesezeichen
„Architekturführer Deutschland 2026“, herausgegeben von Yorck Förster, Christina Gräwe und Peter Cachola Schmal; DOM publishers, Berlin; 202 Seiten, 28 Euro.