Ludwigshafen / Fotografie Heilige Madonna! Bildband von Günther Wilhelm wird im Hack-Museum vorgestellt.

Anlaufstelle: Marienfiguren sind das dominierende Motiv.
Anlaufstelle: Marienfiguren sind das dominierende Motiv.

Praga ist ein Stadtteil von Warschau. Der Fotokünstler Günther Wilhelm ist dort auf viele Marienfiguren gestoßen.

Ein Phänomen, Günther Wilhelm, der Alchimist unter den Fotografen. Geboren 1949. Studium an der Mannheimer Werkkunstschule, freier Künstler seit über 50 Jahren. Ein Tüftler, Virtuose des Zufalls, sein langes graues Haar, zum Zopf gebunden. Ein leiser, insistierender Mann. Sein Hexenküchen-Atelier befindet sich im Hemshof in seiner Geburtststadt Ludwigshafen.

Hartmannstraße 45, Hinterhof. Früher eine Seilerei und Lebkuchenmanufaktur. Seit Günther Wilhelm und seine vor zwei Jahren verstorbene Frau Eleonore in das Vorderhaus einzogen, über Jahrzehnte ein Kulturort und soziokulturelles Zentrum. Ausstellungen liefen, Performances gingen über die Bühne. Wilhelm, ein begnadeter Druckgrafiker auch, hat darin Kurse gegeben. Ein Kindertheater spielte. Jetzt sorgt er sich um den dort versammelten Nachlass der Blütezeit – und arbeitet immer weiter. Ein Unikat, das Unikate schafft.

Wilhelm reiht Ausstellung an Ausstellung, das heißt, wenn er nicht zu Fuß oder mit dem ÖPNV zum Fotografieren unterwegs ist – mit allem, was dazu taugt, von der Loch- bis zur Digitalkamera. Er durchstreift die Stadt, durchwandert die Pfalz, reist nach andernorts.

Eine Stadt in der Stadt, so groß wie Mannheim: Straßensezne aus Praga in Warschau.
Eine Stadt in der Stadt, so groß wie Mannheim: Straßensezne aus Praga in Warschau.

Vergangenes Jahr waren im Ludwigshafener Stadtmuseum seine Schwarz-Weiß-Bilder aus dem Warschauer Viertel Praga zu sehen, einer Stadt in der Stadt, so groß wie Mannheim, mit viel Geschichte, einst eine raue, zerfallende Industriegegend, die erst von Kreativen entdeckt wurde und jetzt nach und nach von Investoren ruiniert wird. In den Zehnerjahren war Wilhelm, der Sohn einer Danzigerin, immer wieder in dem ihn triggernden Ort. Jetzt ist unter dem damaligen Ausstellungstitel „Warszawa-Praga – morbide Schönheit“ der deutsch-polnische Bildband zur Schau erschienen. Morgen wird er im Hack-Museum vorgestellt.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mannheim Ludwigshafen. Die Leiterin des Stadtmuseums, Regina Heilmann, führt durch den Abend. In dem Bildband sind viele subjektiv dokumentarische Fotos in Schwarz-Weiß abgebildet, Arbeiten, die den versierten Architekturfotografen Wilhelm beglaubigen. Darin sind auch rund 60 Fotos, über denen ein beinahe mystischer Zauber liegt. Sogenannte Edeldrucke, der 75-jährige Wilhelm ist einer von sehr wenigen weltweit, der die Verfahren aus der Gründerzeit der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch beherrscht: Gummi- und Albumindrucke, Negrografien, Kalliypien. Oder sogenannte Cyanotypien.

einahe mystischer Zauber: Wilhelm-Fotografie aus dem Band.
einahe mystischer Zauber: Wilhelm-Fotografie aus dem Band.

Dafür werden grünes Ammoniumeisen-(III)-Citrat und Blutlaugensalz gemischt. Wilhelm hantiert bei schwachem Glühbirnenlicht, nutzt mit Gelatine behandeltes Büttenpapier, das unter einem Negativ belichtet wird. Die Sonne oder eine UV-Lampe zum Gesichtsbräunen erledigt den Rest. Die blaustichigen Fotos sehen aus, als löse sich die Gegenwart in der Vergangenheit auf.

Die meisten Marienfiguren wurde während der Besatzung durch Nazideutschland aufgestellt.
Die meisten Marienfiguren wurde während der Besatzung durch Nazideutschland aufgestellt.

Zu sehen sind auf den unwiederholbaren Fotografien Straßenszenen, suggestive Blicke in Hinterhofschluchten im Vorsanierungszustand, ein jüdischer Friedhof, historische Orte wie eine Dampfmühle aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Immer wieder tauchen Marienfiguren auf, über 100 sind es in dem gesamten Band, das dominierende Motiv. Marien-Schreine, -Kapellen, kleine Altäre, die an Häuserfronten von Magistralen stehen, in Gärten, Hinterhöfen, Rückzugsorten, an der blätternden Front eines Mietshauses, nachts illuminiert, umrankt von Blumen, Zeugnisse einer dem Alltag aufhelfenden Heiligenverehrung.

Die meisten sind während der Besatzung durch Nazideutschland entstanden, als Anlaufstelle eines existenziell sorgenvollen Daseins, einige aus Dankbarkeit für das Verschont-worden-sein. Eine der schönsten, die sogenannte „Praga-Madonna“, die Gottesmutter mit Kind, wurde 1934 an eine Kreuzung gegenüber ihrem Ursprungsort versetzt. Eine Kalksteinfigur aus der Werkstatt von Feliks Greciwicz, gestiftet von Arbeitern der nahegelegenen Emaille- und Metallwarenfabrik. „O Mutter, / gib uns / Vergebung der Schuld, / Frieden und Liebe / des Herrn Jesus. 1908“ steht auf dem Sockel.

Lesezeichen & Termin

Günther Wilhelm: „Warszawa, Praga, morbide Schönheit“; herausgegeben vom Stadtmuseum Ludwigshafen, Llux Agentur & Verlag, Ludwigshafen; 272 Seiten mit Fotografien, 25 Euro.
Buchvorstellung am 14.5. im Ludwigshafener Hack-Museum, 18 bis 20 Uhr. www.wilhelmhack.museum.de

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