München
Hauptsache Haare, oder nicht? – Eine großartige Ausstellung in der Kunsthalle München
Entweder man will sie loswerden oder sie können nicht üppig genug sein. Kommt halt drauf an, wo die Haare wachsen. Für eine gute Frisur geben manche Unsummen aus. Der Rest des Körpers soll dagegen glatt sein wie ein Baby-Popo. Und das sind gerade mal zwei Aspekte, die in der Kunsthalle München in den Fokus rücken.
Je höher, desto besser
Jeder weiß es und „Haar Macht Lust“ sagt es auch schon: Frisuren zeigen, wer das Sagen hat, und mehr noch, wie wir gesehen werden und welche Position wir einnehmen wollen. Denn das zum Auftakt präsentierte Auftürmen von Locken und Strähnen kam in absolutistisch-barocken Zeiten nicht von ungefähr. Wer die prächtigsten Perücken trug, stand weit oben im Hofstaat. Dann brauchte der Coiffeur schon mal eine Leiter, um seine Kreationen zu vollenden. Marie Antoinette trug so einen Pouf bei der Krönung ihres Gemahls Ludwig XVI., daraufhin wurde die Turmfrisur blitzartig zum Must-have unter adligen Damen.
Dieser opulente, von Drahtgestellen und Kissen gestützte Höhendrang war nicht nur aufwendig, sondern besonders kostspielig. Kein Wunder, dass solche Extravaganz für die Verschwendungssucht der Aristokratie stand. Deshalb zog man nach der Französischen Revolution, die bekanntlich das Königspaar den Kopf gekostet hatte, natürliches Haar vor. Jacques Louis Davids Porträt der jungen Anne-Marie-Louise Thélusson ist ein hinreißendes Beispiel für den neuen Trend. Wobei der Philosoph und Aufklärer Voltaire mit fein ondulierter Perücke einiges hermacht und mit bloßem Haupt arg mickrig und geradezu hinfällig ausschaut.
Haarpracht steht ja doch für Vitalität. Um die übermenschlichen Kräfte des biblischen Samson war’s geschehen, nachdem Delila ihm seine sieben Locken gekappt hatte. Das kam fast einer Kastration gleich. Nicht ohne Grund ließen sich Priester im alten Ägypten den Kopf als Zeichen des Zölibats und der sexuellen Enthaltsamkeit rasieren. Im Abendland kennt man bei den katholischen Klerikern die Tonsur, während Nonnen ihr Haar unter einem Velan oder Schleier verbergen und damit unter anderem ihre Eitelkeit ablegen.
Die Haare der Venus
Frau Venus, die Göttin der Schönheit, ist auf sämtlichen Darstellungen mit einer veritablen Mähne gesegnet, je länger, desto verführerischer. Die Femme fatale des 19. Jahrhunderts macht von dieser Wirkung regen Gebrauch und zieht ihren ritterlichen Galan hinab ins wässrige Unglück. Urmutter Eva kann mit ihrem Haar sogar die eigene und Adams Scham kokett verbergen, zumindest beim spanischen Salonmaler Salvador Viniegra. Und will man eine Frau demütigen und bloßstellen, schert man ihr die Haare. Prostituierten ist es so ergangen oder auch den Französinnen, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Deutschen eingelassen haben.
Was aber, wenn die klassischen Muster durcheinandergeraten? Im zentralen Saal irritiert eine nackte Mutter mit ihrem Baby, denn unter ihrem flotten Kurzhaarschnitt und dem traditionellen roten Punkt auf der Stirn – ein Zeichen der Hindus für eine verheiratete Frau – trägt die Inderin einen ordentlichen Schnauzbart. Ein Fake, für Steph Wilsons Fotoserie „Ideal Mothers“ hat sie ihn angeklebt. Señora Delicado de Imaz, einer 1836 von Vicente López Portaña minutiös porträtierten Adligen, wuchs dagegen das Haar von selbst um den Mund. Die reich geschmückte Dame mit ihrer Biedermeier-Frisur hat sich daran offenkundig nicht gestört.
Behaarte Frauen als Jahrmarktsensationen
Der Heiligen Wilgefortis, auch unter dem Namen Kümmernis bekannt, half der Bart freilich, einer Zwangsverheiratung zu entgehen. Der liebe Gott hat nachgeholfen. Doch gewöhnlich hadern Frauen mit einer übermäßigen Körperbehaarung, da hat Barbara Ursler bestimmt keine Ausnahme gemacht. Zumal die Augsburgerin, die bereits in der Geburtsanzeige der „Newen Zeitung“ als „erschröckliche Missgeburt“ bezeichnet wurde, an der seltenen Hypertrichose litt. In Michael van Beck fand sich dennoch ein Ehemann, es ist aber schwer zu sagen, ob der nicht eher das Show-Potenzial sah. Zwischen 1637 und 1668 wurde die fast durchgehend behaarte Barbara quer durch Europa als Jahrmarktsensation vorgeführt. Allerdings hat sie auch für ihr erlesenes Cembalospiel und ihr Sprachtalent viel Beifall erhalten.
In Shakespeares „Macbeth“ tragen die drei Hexen „Beards“ und seien daher „nicht als Frauen zu betrachten“, heißt es im Text. Dabei kommt nicht nur im elisabethanischen England gleich noch die moralische Abwertung hinzu, denn was so sehr aus dem „natürlichen“ Schema fällt, muss doch tendenziell schlecht sein.
Die Kunstfigur Conchita Wurst
Conchita Wurst, die Kunstfigur des Sängers Tom Neuwirth, hat diese vermeintlich normalen Rollenbilder vor mehr als zehn Jahren herrlich durcheinandergewirbelt und beim Eurovision Song Contest noch auf einer denkbar prominenten Plattform. In der Kunsthalle steigt Conchita zwar nicht wie Phönix aus der Asche, hat aber als zirbelhölzerne Mondsichelmadonna einen adäquaten Auftritt.
Haarig bleibt es trotzdem, die Conchitas müssen wohl weiter provozieren. Bei allen androgynen Modeerscheinungen. Und politisch ist die Sache ohnehin, vom offenen getragenen Haar todesmutiger Iranerinnen bis zum haarsträubenden „Pencil Test“ in Südafrika. Während des Apartheid-Regimes wurden Stifte in die Frisur gesteckt. Fielen sie zu Boden, galt man als „weiß“. Ausgestanden ist das alles noch lange nicht.
Die Ausstellung
„Haar Macht Lust“, bis 4. Oktober in der Kunsthalle München, täglich von 10 bis 20 Uhr. Katalog: Hirmer-Verlag, 336 Seiten, 29 Euro.