Architektur
Hanf hilft: Warum alternative Baustoffe manchmal einfach besser sind
In der „Faktor Wohnen“-Schau fühlt sich der Griff auf Holz im Vergleich zur Fliese schon wärmer an, das Linoleum beinahe angenehm, fast kuschelig der Kork, wie handwarm. Die Ausstellung, von der man durch die Fensterfront auf das eingerüstete Rathaus von Baumeisteridol Arne Jacobsen schaut, basiert auf elf Stationen, die die Wirkkraft sogenannter regenerativer, also nachwachsender Baustoffe anschaulich machen soll.
Ein „Fühlkasten“ in der Mitte der Schau enthält, um was es gehen soll – zum Anfassen, etwa die zum Dämmen verwendete Zellulose, oder Stroh, Schafwolle, Flachs, Schilf, Seegras, Lehm. Materialien, deren Treibhausgasbilanz bei mindestens gleicher Eignung besser ausfällt und die leichter wieder recycelt werden können als vielfach weiterverarbeitete Materialien. Dazu gehört eben auch Kork.
So ist die – gefühlt – unterschiedliche Temperatur bei den vier Kacheln bei der eben beschriebenen Holzpodest-Installation tatsächlich identisch, wie die händische Messung von Dirk Niehaus erweist. Alles eine Frage der Physik. Es geht um die Wärmeleitfähigkeit, die beim Kork am geringsten ist, bei den Fliesen am höchsten, wie der Bauphysiker am besten weiß. Was das in der Praxis bedeutet? Wer eine Fußbodenheizung besitzt, soll beim Bodenbelag auf diese Lösung zurückgreifen. Für die anderen ist – rein vom Raumtemperaturgefühl und in der Folge zu Gunsten der Heizkosten - Kork oder Linoleum die bessere Wahl. Es sind diese Aha-Effekte, die die lehrreiche, dabei angenehm didaktische Präsentation auslösen soll.
Dirk Niehaus ist Gesellschafter eines Ingenieurbüros für Bauphysik, Politiker der Grünen, so etwas wie der Kopf der Schau, die vom bauraum Mecklenburg-Vorpommern eingerichtet wurde, einem Infozentrum für energetische Sanierung, ökologisches Bauen und Klimaschutz. Seit Jahren tourt sie durch die Gegend. Ziel ist, das nachhaltige Bauen zu popularisieren. Etwas, das dringend geboten ist, angesichts dessen, dass der Sektor global betrachtet, ungefähr für die Hälfte der relevanten CO2-Emissionen verantwortlich zeichnet.
Kein Wunder also, dass beispielsweise der Holzhybrid-Bau boomt, der Uralt-Baustoff Stampflehm wiederentdeckt wird, der den horrenden Energie- und Materialaufwand von Stahlbeton und Kunststoff vermeidet, und bei dem der Aushub von Baugruben, statt ihn kostenpflichtig abzutransportieren, wiederverwendet wird.
Vergangenes Jahr hat eine Gruppe von Studierenden der Hochschule Kaiserslautern auf den Philippinen ein Gemeindehaus aus Bambus gebaut. Noch so ein alternatives Material, das gerade in den Fokus gerät. Beim Naheliegenden derweil scheint es noch zu haken, wie die Mainzer Ausstellung durch ihre bloße Existenz beweist. Und wie Dirk Niehaus erzählt, während die Musik im Hintergrund viel weniger schallt, wenn sie statt gegen eine herkömmlich beim Dämmen verwendete Polystyrol- auf eine Holzweichfaserplatte anspielt, die zusätzlich durch ihren hohen Strömungswiderstand die Schallenergie in Wärme umwandelt.
Kaum je bestehen Bodenbeläge so aus Ziegenhaar und RC-Kunststoff, selten, dass Füllschotter aus RC-Glas und der Wärmedämmschüttung aus Hanf eingesetzt werden, Innenbauplatten aus Stroh – alles Baustoffe, die nicht aus mineralischen oder erdölbasierten Materialien bestehen und teils bessere Ergebnisse liefern. Auch beim Dämmen der obersten Geschossdecken wird anstelle von deutlich effektiveren Faserdämmstoffen wie aus Altpapier hergestellten Zellulose weiterhin meist energieaufwendig aus Glas oder Gestein produzierte Mineralwolle verwendet, durch deren nach und nach entstehenden Hohlräume die Luft – und die Wärme – strömt. Ein Grund ist wohl, erklärt Dirk Niehaus, dass die ökologisch wertvollere Zellulose offiziell gegenüber der Mineral- oder Glaswolle praxisfern schlechter gerechnet wird. Dann drückt er wie zum Beweis seiner Thesen noch den Knopf einer Installation, in den die warme Luft von rot leuchtenden Wärmelampen auf zwei Deckendämmungen aus Glaswolle und Zellulose ventiliert wird.
Obenauf liegt je ein Tischtennisball in einer Glasröhre, dessen vertikale Bewegungen die Strömungsverhältnisse verdeutlichen sollen. Messgeräte zeigen die jeweilige Temperatur an. Schnell steigt sie über der Glaswolle auf 27,3 Grad, 18 Grad steht auf dem Display über der Zellulose. Noch größeren Schauwert allerdings haben die Tischtennisbälle. Still verharrt das Teil über der Faserdämmung in seiner Röhre, während der über der Glaswolle längst durch den Glaskasten dopst.
Die Ausstellung
„Faktor Wohnen“, bis 28. Februar im Mainzer Zentrum für Baukultur im Brückenturm, Rheinstraße 55. www.zentrumbaukultur.de
Im Netz
Sehr ausführlich sind das Projekt und die Ausstellung unter www.faktor-wohnen.de beschrieben
Termine
„Natürlich Bauen“, heißt eine Begleitveranstaltung zur Schau mit u. a. Stephanie Hambsch und Philipp Dury von dury et hambsch architektur aus Landau, die ihr „Haus am Hang“ in Dahn-Erlenbach vorstellen. Und Florian Bengert und Lukas Bessai von Curious About Architekten, Karlsruhe, die über ihr Projekt „E iwwerdachdi Bodeplatt“, ein Einfamilienhaus in Modulbauweise in Offenbach an der Queich sprechen. Am Donnerstag, 6. Februar 2025, 18.30 Uhr.