Architektur
Handreichung für Lästermäuler: Wolfgang Bachmanns Stilkritiken „Drinnen“ und „Draußen“
Wenn das Ruhestand bedeutet, sollten wir uns vorauseilend erholen. Der Wahl-Deidesheimer Wolfgang Bachmann jedenfalls schreibt als Rentner Buch nach Buch. Drei Krimis in zwei Jahren, bei Callway hat der Architekturkritiker-Doyen zusammen mit Katharina Matzig gerade das Kompendium „100 Traumhäuser. Die schönsten Einfamilienhäuser für jedes Budget und jedes Grundstück“ (230 Seiten, 39.95 Euro) herausgeben. Ein Blätter- und Studierbuch. Dazu zwei Handreichungen für Lästermäuler mit universalem Geltungsanspruch bei Ille & Riemer. „Beobachtungen“ vor und zwischen „Tür und Angel“, jeweils etwa 70 Glossen, Titel der Bücher: „Draußen“ und „Drinnen“ (je 20 Euro). Heißt: Ihm gerät alles in den Blick, was gottgegeben und von Menschenhand vergurkt der Fall ist.
Nicht mal der Himmel über der Pfalz ist vor seiner salzsauren Scharfzüngigkeit sicher. Und wehe, man gehört zu den Einfamilienhaushabenden, die ihr Anwesen per Drahtgitterzaun mit Sichtschutzbändern bewehren „wie einen Wertstoffhof“. Nicht umsonst ist der gebürtige Ludwigshafener Bachmann in einer Welt zuhause, in der sich alles zum wahren Schönen bis zum Äußersten der Fugenlosigkeit fügen muss. Jahrgang 1951, asketische Statur, Turnlehrergesicht, Schnauzbart, Dürermähne, wie ein „in Ehren ergrautes Gründungsmitglied von Uriah Heep“, beschreibt ihn der SZ-Kollege.
Hecken mit Fassonschnitt
Bachmann, der gelegentlich auch für die RHEINPFALZ schreibt, ist studierter Agrarwissenschaftler (!) und Architekt. Promoviert über „Die Architekturvorstellungen der Anthroposophen“. Statt als Baumeister, sein Originalton, aus den Architekturzeitschriften „abzukupfern“, schrieb er sie lieber selbst. Erst bei der „Bauwelt“, von 1991 bis 2013 dann als Chefredakteur und Herausgeber des „Baumeister“ praktizierte er in einem stilprägenden, liebhaberisch-freimütigen Scharfschützenton. Mittlerweile bloggt er beim Onlinemagazin marlowes.de hingeberisch. Genug Zeit jedenfalls, guten Geschmack zu kultivieren. Und das Gegenteil feinsinnig zu sezieren. In „Draußen“, nach der pandemischen Zuhausehockerei sowieso das Terrain des Moments, kommen etwa die „Fassonschnitte“ der Hecken zu zweifelhaften Ehren, Häuserfarben, die „optisch stinken“, die neuen „Garküchen“ hinterm Liguster und Gabione, die wie „Vorratssilos“ für Steingärten aussehen, angesichts derer die Rückkehr der Natur „den Tatbestand des Hausfriedensbruchs erfüllt“.
Büßer-Geviert am Gleis
In „Drinnen“ werden derweil Teeküchen, Tischlein oder die Tatsache verhandelt, dass in katholischen Kirchen seit dem Zweiten Vaticanum ein „schmuckloser Ambo“ – ein erhöhter Ort – die Kanzel ersetzt, „an dem man höchstens Wasserstandsmeldungen verlesen möchte“. Nein, Bachmann nimmt bei seiner augenzwinkernden, altersgeschuldet nostalgischen Weltbemusterung keine Wasserlilienlinse vor den Mund.
En detail geht er dahin, wo es wehtut und wehtönt wie im Fall der „Laubangriffswaffen, gedacht für die Nachsorge der Bodentruppen“. Bis hin zu den Grabsteinen, Inschriften mit pietätlos hingestolperter Spationierung und Schriften, „die aussehen, als seien sie mit einem nassen Palmwedel hingespinselt“. Selbst den Visitenkarten, die andauernd unter der Gummilippe der Fahrertür des Autos stecken, wendet er sich kulturkritisch zu. Und der zweite Blick fällt auf das eingezeichnete Geviert, das am Bahnhofsgleis die Zone markiert, in der die Raucher „ausgestellt“ sind, „als hätten sie ansteckende Krankheiten oder würden Sündenstrafen verbüßen.“
Bachmann hat einen Hang zur Pointe, zum Bonmot und zu Aphorismen wie: „Das Wohnmobil ist die Segeljacht des kleinen Mannes.“ Oder Woody-Allen-mäßig: „Wenn ich einen neuen Friedhof sehe, weiß ich, warum ich nicht sterben möchte.“ Abgrundböse aber sind seine selbstironisch grundierten Bosheiten nie. Vielmehr feuert sein Anschauungsunterricht dazu an, genauer hinzusehen, was einem so alles umgibt, während man seine Restexistenz verstoffwechselt.
Vorgarten-Sultane
Folglich schafft man sich vielleicht doch kein Sonnenzelt mit Spitzdachkonstruktion an – es sei denn, es wird einem doch noch ein Sultanat angeboten. Läuft nicht in das Ausflugslokal ein, klackenden Schritts und das Geschlechtsteil in einer „endlos peinlichen“ Plastikhaut von Radlerhose vor sich hertragend. Nur Bachmanns Tipp, die Pfälzer Polizei bei einer Alkoholkontrolle im Auto mit Wein-Fachsimpelei zu übertölpeln, sollte man lieber nicht probieren. Geschmack hin oder her: Suff am Steuer geht halt gar nicht.