Mannheim RHEINPFALZ Plus Artikel „Hamlet“ am Nationaltheater

Shin Ali als Hamlet.
Shin Ali als Hamlet.

Erschöpfter Antiheld: Nuran David Calis inszeniert Shakespeares „Hamlet“ am Mannheimer Nationaltheater im Alten Kino Franklin.

William Shakespeares „Hamlet“ entstand vor 400 Jahren, aber seine Hauptfigur ist diesmal ein junger Mensch von heute. Hamlet ist enttäuscht, wütend, überfordert von einer Welt im rasenden Krisenmodus. Die Inszenierung von Nuran David Calis in Mannheim zielt ins Herz der Gegenwart.Auch bei seiner ersten Inszenierung fürs Nationaltheater, Ende 2023, wollte Nuran David Calis Lessings „Nathan“ eine entschiedene Wendung ins Gegenwärtige geben. Er schrieb dafür viel neuen Text, deutete Figuren um, erfand neue Handlungsstränge. Aber zwischen syrischen Attentätern, türkischen Drahtziehern und rassistischen BKA-Beamten ging Lessings Parabel der Menschlichkeit irgendwie verloren. Auch „Hamlet“ betrachtet Calis, der vor allem mit seinen Theaterprojekten zu den rechtsradikalen NSU-Anschlägen bekannt geworden ist, aus heutiger Perspektive. Aber diesmal lässt er sich ein auf die alte Geschichte, breitet diese einfühlsam aus, aktualisiert behutsam und geduldig mit eigenen Texteinschüben. Mit der Geduld ist es zwar gegen Ende vorbei, gelungen ist das alles trotzdem. Calis und sein Team haben dafür ein überzeugendes ästhetisches Konzept geschaffen. Die Bühne von Irina Schicketanz ist ein abstrakt-kühler Raum, kreisrund, mit spiegelndem Boden und von Vorhängen umweht, mittendrin Rodins „Denker“ als Mahnmal und Kletterfelsen. Wie die Bühne sind auch die Kostüme von Anna Sünkel in strengem Schwarz-Weiß gehalten, elisabethanische Mode zitierend mit androgynen Irritationen. Die Musik von Vivian Bhatti liefert einen Soundteppich zwischen partytauglichem Technobeat und zerbrechlichen Cello-Tönen.

Die hellen Vorhänge taugen auch als Projektionsfläche für Schattentheater und Filmschnipsel. Neben kriegerischen Szenen aus Mittelalterfilmen sieht man die Schauspieler Matthias Breitenbach und Maria Munkert als Claudius und Getrude. Claudius ist Bruder und Thronfolger von Hamlets totem Vater, Getrude dessen Witwe und Hamlets Mutter. Beim Erklärungsversuch, warum ihre Hochzeit so kurz nach der Beerdigung des Toten stattfindet, versprühen sie staatstragendes Kalkül und süffisante Lüsternheit. Und die Auftritte von Hamlets totem Vater mit seinen Mordenthüllungen und Racheforderungen wirken wie Szenen aus einem gruseligen Murnau-Film.

Maria Helena Bretschneider (Ophelia), Shirin Ali (Hamlet)
Maria Helena Bretschneider (Ophelia), Shirin Ali (Hamlet)

Die Videobilder zeigen auch mehrfach ein unbeschwert spielendes Kind. Es sind Hamlets Erinnerungen, und sie sind Teil des Konfliktes, der diesen jungen Menschen immer mehr zerreißt. Für ihn sind die Kindheitsbilder Schutzschild gegen eine Gegenwart aus Gewalt, Krieg, Machtintrigen und Verrat, der er nicht gewachsen ist. Shirin Ali spielt Hamlet als verunsicherten, überforderten Teenager, enttäuscht von der bösen Welt der Erwachsenen, unwillig die Rolle des revoltierenden Helden zu übernehmen, nicht einmal zur Liebe fähig – und all dies rundum überzeugend, ihr Hamlet ist ein Suchender, der zunehmend verloren geht. Dass eine Schauspielerin die eigentlich männliche Rolle spielt, wirkt ganz selbstverständlich. Maria Helena Bretschneiders Ophelia ist da nur eine einfühlsame Freundin, selbstbewusst und mit eigener Selbstfindungsagenda. Bei seinem Monolog über „Sein oder nicht Sein“ klammert sich Hamlet verzweifelt an ihre Schultern.

Calis Inszenierung macht den Bühnenraum immer mehr zum Gedankenraum der Hauptfigur. Die Puppenspielszene, in der Hamlet den Mord an seinem Vater durch dessen Bruder von einer Schauspielergruppe nachspielen lässt, wird zur kriminalistischen Versuchsanordnung. Mit einer Kamera nimmt Hamlet die Reaktionen von Claudius auf und projiziert diese vervielfacht auf den Vorhang im Hintergrund. Der von Matthias Breitenbach als zerknautschten Partylöwen und dünnhäutigen Choleriker der Macht gespielte Claudius rastet panisch aus, die Hofgesellschaft wird in chaotisches Durcheinander gestürzt. Shirin Alis Hamlet sieht sich das Treiben grinsend an, hat nun die Regie in dieser surrealen Wahnsinnswelt übernommen, deren Realität er nicht mehr erträgt und die sein Hirn zu sprengen droht.

Szene aus dem Mannheimer „Hamlet“.
Szene aus dem Mannheimer »Hamlet«.

Der letzte Teil des knapp dreistündigen Abends wird zu einer Art Totentanz, die Darsteller tragen weiße Masken auf dem Hinterkopf und bewegen sich rückwärts. Hamlet schleppt das Skelett des Vaters auf dem Rücken, wird die familiäre Last einfach nicht los, auch nachdem die Mutter dessen gewalttätiges Wesen gegenüber dem kleinen Kind offenbart hat. Dieser Text stammte genauso von Regisseur Nuran David Calis wie der Schlusschor. Die acht Darsteller haben ihre Rollen verlassen und sich zu einer wütenden Protestgruppe zusammengeschlossen, skandieren „es ist was faul im Staate Dänemark“ und zählen noch einmal die Terrorverbrechen des NSU gegen Menschen mit Migrationshintergrund auf. Calis wollte es ganz deutlich haben, hier werden nicht nur Könige und Prinzen gemordet, sondern auch Arbeiter und Gemüsehändler. Dänemark, das sind wir alle.

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