Ludwigshafen
„Goldene Stimmgabel“: „Guten Abend aus Ludwigshafen am Rhein!“
Manchmal im Leben wird einem die Tragweite eines Ereignisses, dem beizuwohnen man das Privileg hatte, erst Jahre später bewusst. Aber ganz selten spürt man in dem Moment, in dem es passiert: Das hier ist von mindestens nationaler, wenn nicht historischer Bedeutung.
So geschah es am Samstag, 21. September 2002, in der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen. Am Vorabend nicht nur von Wolfgang Petrys 51. Geburtstag, sondern auch der Bundestagswahl, die Amtsinhaber Gerhard Schröder vor allem wegen seiner guten Performance in Gummistiefeln beim Elbe-Hochwasser wenige Wochen zuvor souverän gegen Edmund Stoiber gewinnen sollte. Um die Opfer jener Hochwasserkatastrophe zu unterstützen, zog an diesem Samstagabend also der gerade noch 50-jährige Schlagersänger Wolfgang „Wolle“ Petry („Verlieben, verloren, vergessen, verzeih’n“) bei der Aufzeichnung zur Verleihung der „Goldenen Stimmgabel“ ein riesiges Freundschaftsbändelbündel von seinem Arm und überreichte sie Moderator Dieter Thomas Heck für eine ZDF-Stiftung mit den Worten: „Menschen sind wichtiger als diese Bänder.“ Die Fans im Publikum schauten, als habe er eiskalt ihre Seelen erfrieren lassen.
Denkwürdiger Auftritt von Stefan Raab
Fast 25 Jahre sind vergangen und immer noch Fragen offen: Welchen Erlös hat der Verkauf der Bänder gebracht? War es eine spontane oder eine lange vorher ausgeheck(!)te Aktion? Und, vor allem: Wie fühlte sich „Wolle“ so plötzlich ohne Wolle? Leider hat sich der heute 74-Jährige konsequent aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, die an ihn gesandten Fragen dieser Zeitung ließ er unbeantwortet.
Der Moment, in dem Wolle seine Wolle hergab: Es war nicht der einzige, in dem in Ludwigshafen Fernsehgeschichte geschrieben wurde. Von den 27 Verleihungen der „Goldenen Stimmgabel“ von 1981 bis 2007 fanden 22 in der Friedrich-Ebert-Halle statt. Stefan Raab sorgte hier 1995 für einen kleinen Skandal, als er (nachdem er zuerst fast die Showtreppe hinuntergestürzt wäre) zum Song „Ihre Füße“ die Lippen nicht bewegte und das Vollplayback der Veranstaltung entlarvte. „Es ist auch nicht so einfach, Playback zu singen, wenn man dann den Text nicht genau kennt“, kommentierte Heck nicht ganz souverän.
Die Musik deutschsprachiger Interpreten, wie das damals hieß: Die war für Dieter Thomas Heck, gerne mit dem Prädikat „Kult-“ versehener Moderator und eine Institution der Fernsehunterhaltung seit den sechziger Jahren, eine ernste Angelegenheit. Im Urlaub in Spanien hatte „Mister Hitparade“, der er von 1969 bis 1984 war, ein Konzept für einen neuen „Tag des deutschen Schlagers“ ersonnen, der von 1981 an jedes Jahr am 30. April mit einer großen Show begangen werden sollte. Bei dieser Gala, deren Premiere in der Saarlandhalle Saarbrücken über die Bühne ging, wurde die „Goldene Stimmgabel“ zum ersten Mal verliehen. Zwölf Sängerinnen und Sänger traten auf, darunter Costa Cordalis, Howard Carpendale, Roy Black, Michael Holm und Ireen Sheer. „1983 wurde die Veranstaltung bereits von einer ganzen Reihe von Rundfunksendern live ausgestrahlt“, schrieb Heck 1991 in seinen Erinnerungen mit dem Titel „Der Ton macht die Musik“. Die Idee, einen Tag für den deutschen Schlager zu gestalten, habe sich etabliert: „Ich war glücklich.“
Kreischalarm bei der letzten Ausgabe
Von 1986 an war die gut 20 Jahre zuvor eingeweihte Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen der Austragungsort. Sie sollte über 20 Jahre zu Hecks „Wohnzimmer“ werden. Nachdem ARD und ZDF die Sendung zunächst im Wechsel ausgestrahlt hatten, lief sie ab 2001 nur noch im ZDF. 2007, im Jahr von Hecks Abschied von der Fernsehbühne, ging die 27. und letzte Verleihung der „Goldenen Stimmgabel“ über die Bühne. Dass die Auszeichnung sehr eng mit der Person ihres Erfinders und Moderators verbunden war, sollte sich als Segen und Fluch gleichermaßen erweisen. 2009 wurde ein neuer „Tag des deutschen Schlagers“ erfunden; es ist jetzt der dritte Samstag im Januar. Dieter Thomas Heck starb 2018 im Alter von 80 Jahren, seine Frau Ragnhild, die bei den Aufzeichnungen stets zugegen war, 2023 mit 79 Jahren.
Was bleibt, ist die Erinnerung an viele Abende, an denen Ludwigshafen ein Ort des Glanzes und Glamours war. Wer im deutschen Schlager Rang und Namen hatte, ist irgendwann mitgefahren: in der Limousine, die die Preisträgerinnen und Preisträger für schöne Fernsehbilder vom Hinter- zum Vordereingang der Halle fuhr. (Wolfgang Petry nahm das Fahrrad.) Nicht nur Bata Illic, G. G. Anderson, Udo Jürgens oder Bernhard Brink kamen in die Eberthalle, auch Popstars wie Echt, Pur, Laith Al-Deen oder BAP. Und Tokio Hotel, die 2007 für Kreischalarm sorgten. Entscheidend war die von Media Control ermittelte Anzahl verkaufter Tonträger in einem Jahr. Dafür hatten Heck und seine Partner auch durchaus seltsame Kategorien erfunden; 2001 zum Beispiel bekamen Rosenstolz den Award als „Duo Deutsch Rock/Progressiv“.
Sängerin Anna R. kann, leider, von dieser Erfahrung nicht mehr erzählen, Wolfgang Petry will nicht, ein anderer kann sich schlicht nicht erinnern: „Echt?“ war vor einem Jahr in einem Interview mit der RHEINPFALZ die Reaktion von Nino de Angelo („Jenseits von Eden“) auf den Hinweis, er habe ja 1984, 1988 und 1991 drei „Goldene Stimmgabeln“ bekommen. Er wisse von den Preisen nur, dass sie immer abbrechen: „Man muss sie immer kleben.“
Als Dieter Thomas Heck einmal kurz sprachlos war
Eine Erfahrung, die der 62-Jährige mit Sängerin Nicole teilt. „Eine ist mir mal auf der Bühne locker geworden und lag dann in der Hand aus Porzellan“, erinnert sich die Saarländerin auf Anfrage dieser Zeitung. Sie habe nur gute Erinnerungen an die Preisverleihung, sagt die 61-Jährige, „wenn man elf Mal als Gewinnerin auf der Bühne stehen darf“. Das Ende der Sendung habe sie allerdings bedauert: „Denn ein Besteck ist entweder sechsteilig oder zwölfteilig.“ Die „Goldenen Stimmgabeln“ bewahre sie heute neben allen anderen Auszeichnungen in ihrem „Nicole-Zimmer“ auf.
Mit ihren elf Auszeichnungen ist Nicole („Ein bisschen Frieden“) die Stimmgabel-Rekordhalterin – gemeinsam mit dem Trio Die Flippers, das ebenfalls elf dieser Preise einheimsen konnte. „Vier davon stehen bei mir im Studio“, sagt Olaf Malolepski, der beim Stichwort „Goldene Stimmgabel“ ins Schwärmen gerät: „Das war eine tolle, herausragende Veranstaltung. Da wollten alle rein.“ Die Flippers („Die rote Sonne von Barbados“), die sich einst als Tanzband gegründet haben, hätten eigene Tourneen veranstaltet und seien deshalb selten bei Mischveranstaltungen aufgetreten. „So haben wir uns immer gefreut, wenn wir in der ,Hitparade’ oder später bei der ,Goldenen Stimmgabel’ Kollegen getroffen haben. Das war immer weltklasse. Und hinterher haben wir gerne ein Gläschen Wein oder Wasser zusammen getrunken.“
An die Ausgabe von 1998 erinnert sich „Olaf der Flipper“, heute 79 und 15 Jahre nach der Trennung der Band immer noch sehr gut im Geschäft, besonders gerne: „Wir haben für die Probe mit den Prinzen die Kleider getauscht und ihnen unsere Paillettenanzüge gegeben. Da war Dieter Thomas Heck ausnahmsweise kurz sprachlos.“
Fast 20 Jahre ist es nun also her, seit die letzte Ausgabe der „Goldenen Stimmgabel“ in der Friedrich-Ebert-Halle aufgezeichnet wurde. Die unter Denkmalschutz stehende Mehrzweckhalle, in der man einst Konzerte von The Who, Rammstein oder Elton John hat erleben können, ist die Heimspielstätte des Handball-Zweitligisten Eulen Ludwigshafen; auch Messen, Comedy-Veranstaltungen und Partys finden hier statt. Und wer weiß – vielleicht hält die Zukunft für diesen Ort ja noch einmal einen Moment bereit, der sich als so historisch erweisen wird wie Wolles Trennung von all seiner Wolle.